Schiedsrichter Deniz Aytekin: Aus der Provinz ins Olympiastadion

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Mit 18 pfiff er in der Bezirksliga, inzwischen stellt er auch mal Mesut Özil vom Platz: Deniz Aytekin ist einer der besten jungen Schiedsrichter Deutschlands. Das Magazin "11FREUNDE" erzählt von seinem Aufstieg, Mentoren mit Trillerpfeiffe - und vom Zorn des Rudi Völler.

Schiedsrichter Aytekin (im November 2008): Rot für Hoffenheims Gustavo (r.) Zur Großansicht
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Schiedsrichter Aytekin (im November 2008): Rot für Hoffenheims Gustavo (r.)

Das Spiel ist einfach zu leiten. Beinahe körperlos sind die Aktionen, kaum ein Pfiff stört den Gang der Dinge. Ein oder zweimal liegt ein Spieler im Gras und schaut erwartungsfroh in Richtung des Mannes mit der Pfeife, aber die Pfeife bleibt stumm. Am Ende steht es 1:1. Es gibt Elfmeterschießen, großer Jubel, großes Drama.

Der große Verlierer ist der Torwart der unterlegenen Mannschaft, ein verunglückter Abschlag hatte zum Ausgleich geführt und einen Elfmeter hat er auch nicht gehalten. Direkt nach dem Schlusspfiff rennt er vom Platz, kauert sich auf die Steinstufen am Spielfeldrand und verbirgt das Gesicht zwischen den Armen. Derweil ist der Schiedsrichter von einer Spielertraube umringt, Erinnerungsfotos werden geschossen.

Deniz Aytekin hat schon härtere Arbeitstage erlebt. Wenn man denn überhaupt von einem Arbeitstag sprechen kann. Das Match gerade fand im Rahmen eines Schulturniers statt, dritte Klasse gegen vierte Klasse, und Aytekin hat gepfiffen, weil seine Tochter hier zur Schule geht. Interessanter als das Spiel ist der Ort. Hier in Altenberg, einem Ortsteil von Oberasbach in der Nähe von Nürnberg, hat vor etwas mehr als 15 Jahren ein junger Schiedsrichter sein erstes Spiel gepfiffen. B-Junioren TSV Altenberg gegen TSV Cadolzburg, keine besonderen Vorkommnisse.

Im September 2008 pfeift derselbe Mann zum ersten Mal in der ersten Bundesliga, Energie Cottbus gewinnt im Berliner Olympiastadion 1:0 bei Hertha BSC, der "Kicker" bewertet den Debütanten mit 2,5 und notiert: "Fuhr gut mit seiner großzügigen Linie bei persönlichen Strafen."

Eigener Fitnesstrainer, Laufband und Dusche im Büro

Mittlerweile hat Aytekin 22 Erstligaspiele geleitet. Damit passt er nahtlos in die Reihe deutscher Schiedsrichter, die aus kleinen Käffern kommen. Manche Reporter, allen voran Rolf Töpperwien, haben die Namen dieser Orte so leidenschaftlich in die Welt hinausposaunt, dass es einem irgendwann vorkam, als seien sie ein organischer Teil des Nachnamens: Schiedsrichter Max Klauser aus Vaterstätten. Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz. Schiedsrichter Herbert Fandel aus Kyllburg.

Nun also Schiedsrichter Aytekin aus Oberasbach, wobei der türkische Name das nostalgische Gefühl ein wenig aushebelt. Auch sonst hat Aytekin wenig mit den Wolf-Dieter Ahlenfelders und Walter Eschweilers früherer Tage gemein. Er ist ein erfolgreicher Internet-Unternehmer mit 75 Angestellten, lebt wie ein Leistungssportler. Vier Mal pro Woche trainiert er mindestens, bezahlt seinen eigenen Fitnesstrainer und hat sich im Büro ein Laufband und eine Dusche installieren lassen.

Was bleibt, ist die Herkunft aus der Provinz. Ein oder zwei Jahre spielte Aytekin parallel noch selber, dann gab er das Kicken auf, "weil ich gemerkt habe, dass das Thema Schiedsrichterei eine Leidenschaft wurde". Aytekin kam rasch voran, bereits mit 18 war er einer der jüngsten Bezirksligaschiedsrichter der Gegend.

DVD-Studium mit Mentor Schmidhuber

Zu verdanken hatte er den schnellen Aufstieg nicht zuletzt Manfred Dölfel, einem ehemaligen Bundesliga-Referee, der von dem Talent fasziniert war. "Der hat sich die ersten zwei Jahre jedes Spiel von mir angeguckt", sagt Aytekin, "durch sein Engagement habe ich gemerkt, dass man wirklich etwas lernen und nach vorne kommen kann."

Das Prinzip der Mentoren ist im Profibereich fest installiert. Aytekins Mentor ist der ehemalige Fifa-Referee Aron Schmidhuber. Mit dem Weltschiedsrichter von 1992 analysiert er jedes seiner Bundesligaspiele auf DVD.

Die Weltmeisterschaft in Südafrika hat wieder mal gezeigt, was für ein schwieriger Job der des Unterparteiischen ist. Fehlentscheidungen wie der nicht gegebene Treffer der Engländer gegen Deutschland oder das groteske Abseitstor des Argentiniers Carlos Tevez gegen Mexiko brachten Kritik. Dass die Spieler es ihnen besonders leicht gemacht hätten, kann man nicht behaupten.

Der Engländer Howard Webb, einer der besten Schiedsrichter der Welt, bezeichnete die Leitung des WM-Finales zwischen Holland und Spanien im Nachhinein als "Höllenritt". Dass ihm bei der ganzen Treterei und Schinderei am Ende zwei, drei gröbere Schnitzer unterliefen, war beinahe logisch.

Kommunikation und Authentzität als Geheimnis

Eine solche Extremerfahrung hat Aytekin bislang nicht machen müssen. Einmal hat er einen zweifelhaften Freistoß für Mainz 05 gepfiffen, der Bayer Leverkusen den Auswärtssieg kostete. Anschließend hat Bayer-Sportdirektor Rudi Völler getobt, wie Rudi Völler halt manchmal tobt, aber eine Stunde später hat er Aytekin die Hand gegeben und der Fall war erledigt.

Erfahrungen auch körperlicher Gewalt, wie sie gerade in unteren Ligen durchaus vorkommen, sind dem Schiedsrichter bis jetzt erspart geblieben. "Gott sei Dank hatte ich noch kein Spiel, wo die Spieler mit mir Jojo gespielt hätten", sagt Aytekin. Hat er ein Geheimnis? "Kommunikation. Und Authentizität. Ich stelle mich bestimmt nicht daheim vor den Spiegel, um zu schauen, wie ich wirke. Das wäre ja geradezu lächerlich."

Wohl aber durchlaufen die Schiedsrichter Schulungen, in denen es um ihre Körpersprache geht. Grundregel: Weniger ist mehr, wobei es Situationen gibt, "in denen es erforderlich ist, dass man überdeutlich wird, damit auch die breite Masse versteht, was man macht". Fußball ist halt ein Zuschauersport.

Nach dem Erinnerungsfoto auf dem Sportplatz in Altenberg löst sich das Rudel um Aytekin nur langsam auf. Noch ganz im Bann der WM gefangen, ahnen die Kinder, dass sie dem großen Fußball so bald nicht wieder so nahe kommen werden. "Sag mal, kennst du den Özil?", fragt ein Mädchen, "hast du seine Telefonnummer?" "Nein, hab ich nicht", sagt Aytekin. Dann grinst er: "Aber ich hab ihn mal runter geschmissen."

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Gute Schiedsrichter braucht das Land!
haltetdendieb 10.08.2010
Auch wenn Deniz Aytekin aus Franken kommt, die besten Schiedsrichter scheint es in Rheinland-Pfalz zu geben: Konz, Kyllburg...Das spricht schon für sich. Ansonsten: Glückauf Deniz, vielleicht leiten Sie auch einmal ein WM-Endspiel. Das 2014 leider noch nicht, weil dann Deutschland Weltmeister wird. (P.S.: Brasilien höchstens Dritter, wenn überhaupt)
2. kaum vorstellbar!
toskana2 10.08.2010
Zitat von sysopMit 18 pfiff er in der Bezirksliga, inzwischen stellt er auch mal Mesut Özil vom Platz: Deniz Aytekin ist einer der besten jungen Schiedsrichter Deutschlands. Das Magazin "11FREUNDE" erzählt von seinem Aufstieg, Mentoren mit Trillerpfeiffe - und vom Zorn des Rudi Völler. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,709833,00.html
Bestärkt mich in meiner Überzeugung: Bald ist ein erfolgreiches Deuschland ohne seine türkisch-stämmigen Migranten kaum vorstellbar!
3. Was sind Käffer?
hepra 10.08.2010
Viele der neuen jungen Schiedsrichter kommen nicht aus Köffern, sondern aus kleinen KAFFS! Mal bei Bastian Sick nachfragen oder in den Duden schauen! Ansonsten ein recht interessanter Artikel.
4. ...
Infared83 10.08.2010
Zitat von toskana2Bestärkt mich in meiner Überzeugung: Bald ist ein erfolgreiches Deuschland ohne seine türkisch-stämmigen Migranten kaum vorstellbar!
Hab mich schon gefragt, wieso das im Artikel nicht erwähnt wird... Dieser Beitrag ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Guter Schiedsrichter, der es weit bringen wird. Punkt!
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