Schiedsrichter-Fehler: Anti-Wembley-Tor provoziert Streit über Videobeweis

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Deutschland feiert, der Gegner ist erschüttert. Englands Team wurde um den Ausgleichstreffer betrogen - die Szene dürfte noch jahrelang zu Diskussionen führen. Auch im Argentinien-Spiel machte der Schiedsrichter einen bösen Fehler. Kritiker fragen: Was muss passieren, damit der Videobeweis kommt?

DPA

Hamburg - Manuel Neuer und Hans Tilkowski haben einige Gemeinsamkeiten. Beide stammen aus dem Ruhrgebiet. Beide sind Torhüter. Und beide sind Hauptakteure der deutsch-englischen Fußballgeschichte. Tilkowski seit dem Wembley-Tor 1966. Neuer seit dem Anti-Wembley-Tor an diesem Sonntag.

Falls es jemand wirklich nicht weiß: Der Dortmunder Tilkowski kassierte im WM-Finale 1966 (4:2 n.V. für England) einen Treffer der Engländer, der nach fester deutscher Überzeugung keiner war. Der Ball auf der Linie - wie gesagt: nach deutscher Überzeugung - ging als sogenanntes Wembley-Tor in die Fußball-Geschichte ein. Seit 44 Jahren wird darüber gestritten, zu jedem Spiel beider Länder gehören üppige Fernsehdokumentationen und -diskussionen zum Thema.

Der Schalker Neuer kassierte nun gegen England einen Treffer nicht, der einer war. Wobei Deutsche und Engländer darüber nicht 44 Jahre lang streiten werden, dafür sind die Fernsehaufnahmen viel zu gut.

Frank Lampard zog in der 38. Minute aus 17 Metern ab, der Ball flog über Neuer hinweg, knallte an die Unterkante der Querlatte und von dort eindeutig hinter die Linie auf den Rasen. Aber der uruguayische Schiedsrichter Jorge Larrionda sah es nicht, Assistent Mauricio Espinosa an der Linie (Distanz: 20 Meter zur Grundlinie) zeigte kein Tor an, einen Videobeweis gibt es bekanntlich nicht. Und so war das Tor gar keines. Larrionda ließ weiterspielen.

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Nicht gegebenes Lampard-Tor: "Die Rache für Wembley"
Fassungslosigkeit bei den Engländern. Die Zuschauer im Free-State-Stadion von Bloemfontein hatten gerade eine Art spiegelverkehrtes Wembley-Tor erlebt.

"Das ist die Ironie der Geschichte", sagte später Franz Beckenbauer, der vor 44 Jahren in London auf dem Feld gestanden hatte. Im Internet gingen bei Facebook und Twitter binnen Sekunden schadenfrohe und empörte Wortmeldungen um, deren wohl kürzeste lautete: "66!"

"Schäm dich, Schiri"

"Nachdem ich mich umgedreht habe, habe ich mich nur auf den Ball konzentriert", sagte Neuer nach der Partie. Und gab zu: "Ich habe schnell versucht, nach vorne zu spielen, damit die Schiedsrichter nicht daran denken, dass der Ball drin war."

Der verhinderte Torschütze Lampard fasste sich entsetzt mit beiden Händen an den Kopf, Stürmerstar Wayne Rooney beschimpfte den Schiedsrichter schon in der Halbzeitpause - und David Beckham wollte Larrionda nach dem Abpfiff sogar an den Kragen. "Schäm dich, Schiri", brüllte er. "Wir haben Fehler gemacht, aber der Schiedsrichter hat den größten Fehler gemacht", sagte Englands Coach Fabio Capello erbost. "Das darf nicht passieren und war entscheidend. Die Partie wäre nach einem 2:2 völlig anders gelaufen." Sein Mittelfeldspieler James Milner war überzeugt davon, dass "das nicht gegebene Tor der Knackpunkt des Spiels war. Es wäre sonst ganz anders gelaufen."

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Fan-Feiern: Deutsche jubeln, Engländer trauern

So werden Legenden gestrickt. Ein wegen schändlicher Schiedsrichterleistungen verpasster Ausgleich, ein Drama, das am Ende nur geradewegs in die Niederlage führen kann - da fühlt sich das 4:1-Desaster gleich erträglicher an.

Dieser These schlossen sich allerdings nicht alle englischen Akteure an. Für Kapitän Steven Gerrard, 30, waren die Deutschen "die bessere Mannschaft. Sie haben hochverdient gewonnen". Das nicht anerkannte Tor will er nicht als Entschuldigung gelten lassen: "Ich stelle mich nicht hierhin, um zu sagen, wir hätten nur verloren, weil der Schiedsrichter das Tor nicht gegeben hat."

"Eine der größten Fehlentscheidungen der Fußball-Geschichte"

So oder so - für die englischen Medien ist Larriondas Fehler die beste Geschichte dieses dramatischen Spiels. "Du bist ein nutzloser Referee", titelte das Boulevardblatt "The Sun" am Sonntag auf seiner Homepage. "Über der Szene lag der Schatten von 1966". Der "Mirror" meldete erschüttert: "England kracht raus. Three Lions von Deutschland gemüllert - und vom Schiedsrichter." Die "Daily Mail" sah "eine der größten Fehlentscheidungen der Fußball-Geschichte". Das Presseecho ist verheerend, für das Team wie für die Unparteiischen. Als Kronzeugen dienen Experten wie frühere Fußballgrößen des Landes. "Das ist eine schändliche Entscheidung, die das Spiel verändert hat", schimpfte der Ex-Kapitän Paul Ince.

Zacken in der Linie: "Was der Schiedsrichter sah"
imgur.com

Zacken in der Linie: "Was der Schiedsrichter sah"

Wer den Schaden hat, bekommt den Spott dazu. Im Internet machte am Abend eine Fotomontage die Runde, die sich über das entgangene 2:2 und die Schiedsrichter mokiert. "Der Beweis: Ein Tor ist kein Tor", schreibt ein Nutzer auf Facebook dazu. Ein anderer: "Was der Linienrichter bei Lampards Schuss gesehen hat." Respektive einfach: "Der Fotobeweis - das war kein Tor!"

Zu sehen ist auf dem Bild, das auf mehreren Plattformen hochgeladen wurde und dessen Urheber unbekannt ist, ein Tor mit gezackter Linie.

Der Ball ist nicht drin, nicht drauf - sondern auf ganz wundersame Weise draußen.

Nun existiert dieses kunstvoll montierte Foto nur deshalb, weil eindeutige Bilder des eigentlichen Tors vorliegen. Und das ist vielleicht der Punkt, um den es jetzt nach dem englischen Desaster gehen wird.

Wie kann es sein, dass fast alle im Stadion sehen, dass der Ball drin war - und der Schiedsrichter das Tor nicht mal dann geben dürfte, selbst wenn er auf Videoleinwänden zufällig die Wiederholung der Szene sehen würde?

Auch im Spiel Argentinien gegen Mexiko stimmte etwas nicht

In der Aufregung über das Anti-Wembley-Tor ist an diesem Sonntag in Deutschland fast untergegangen, dass sich im anderen Achtelfinalspiel des Tages eine ähnlich denkwürdige Szene zugetragen hat. Das 1:0 köpfte der Argentinier Carlos Tevez ins mexikanische Tor, als er eindeutig im Abseits stand. Das Schiedsrichterteam merkte es nicht, das Tor wurde gegeben. Mexiko protestierte, die Wiederholung der Szene flimmerte durchs Stadion, und es sah aus der Ferne kurz so aus, als würde der Linienrichter dabei seinen Fehler bemerken.

Doch selbst wenn er ihn korrigieren wollte - wie gesagt, er dürfte nicht.

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Triumph über England: Klose im Glück - Müller völlig losgelöst

Zwei solch dramatische Fehler an einem einzigen Tag sind viel für die Fifa, die sowieso gerade eine Serie falscher Entscheidungen von Schiedsrichtern eingestehen musste - da war zu erwarten, dass jetzt eine Debatte über den Videobeweis losbricht.

Lampard und Capello forderten nach der Partie, künftig den Videobeweis zuzulassen: "Ich bin klar dafür, besonders nach diesem Spiel", sagte der verhinderte Torschütze. "Der Ball war hinter der Linie, das war so eindeutig." Capello zeigte sich verwundert, dass "Schiedsrichter im Zeitalter der Technologie nicht über diese Möglichkeit verfügen".

"Kein Videobeweis! Fußball ist Drama!"

ARD-Moderator Gerhard Delling forderte gleich in der Halbzeitpause den Videobeweis: "Braucht es das nicht jetzt?" - Studioexperte Günter Netzer widersprach: "Nein, muss nicht, Fußball ist Drama!" Dieser Sport dürfe nicht perfekt sein, sonst werde er langweilig. Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte der ARD, er sei für die Tatsachenentscheidung und gegen den Videobeweis. Trotz der England-Entscheidung. (Wegen der Entscheidung - das würden nicht mal seine Kritiker behaupten.)

So oft schon wurde nach Schiedsrichterfehlern die Diskussion über den Videobeweis geführt, dass kaum einer noch an seine Einführung glaubt - die Fifa hat da nämlich eine ganz klare Haltung. In einer Pressemitteilung lehnte sie noch am Abend zwar jeden Kommentar ab, deutlich wurde aber: Der Weltverband will keine weiteren Versuche mit Videobeweisen unternehmen. Und er hat auch kein Interesse an der Debatte darüber.

Natürlich gäbe es Alternativen. Die Schiedsrichter könnten durch zwei Torrichter unterstützt werden - diese Variante wird von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) forciert. In der kommenden Saison werden in der Champions League und in der Europa League zwei zusätzliche Torrichter eingesetzt, ebenso bei den Spielen der EM-Qualifikation.

Doch selbst wenn diese Idee etwas ändert - bis sie sich in Sepp Blatters Fifa durchsetzt, ist es ein langer Weg. Eher eine Sache von 44 als vier Jahren.

Rüsten Sie sich jetzt für die Debatten

Hans Tilkowski hat übrigens vor einigen Jahren ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel "Und ewig fällt das Wembley-Tor", es enthielt nicht viel Überraschendes, hielt aber den Streit über 1966 am Laufen.

Ob Lampard oder Neuer wohl auch einmal ein Buch schreiben?

Wir wollen Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass auch SPIEGEL ONLINE einige Fakten über Wembley, Deutschland und England im Angebot hat. Damit sind Sie für die Debatten gerüstet, die es jetzt auf Fanmeilen, in Büros, Stadien, Bars und natürlich in den Pubs gibt. Ein Ausschnitt:

To be continued, wie Engländer sagen würden.

mit Material von sid und dpa

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Forum - Deutschland gewinnt den Klassiker gegen England: Was gab den Ausschlag?
insgesamt 858 Beiträge
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    Seite 1    
1. Die Deutsche Mannschaft !
Realo 27.06.2010
Was denn sonst ?
2. England war 54s von 90 min gut
trolls99 27.06.2010
Besser als im Blog einer englischen Zeitung kann man es nicht sagen: England war 54s von 90 min gut. Deutschland war sehr stark und England erstaunlich schwach!
3.
DirkDD 27.06.2010
Zitat von sysopWas gab den Ausschlag? Die Leistung von Joachim Löws Elf oder Schiedsrichter Larrionda?
:) Beides: Das nicht gegebene Tor und das darauf folgende Unvermögen einer fußballerich unterlegenen Manschaft daraus - jetzt erst recht - Kapital zu schlagen! :)
4. re
Zero Thrust 27.06.2010
Oh, ich wusste gar nicht, dass der Schiedsrichter auch mitspielte. :-) Viele Ballkontakte hatte er allerdings nicht.. Den Ausschlag? Eher gab es vier Einschläge, ins englische Tor, die ordentlich saßen und, genau, letztlich den Ausschlag gaben. So einfach ist Fußball. Deutschland hat wahnsinnig stark gespielt - in der Form hab ICH es dieser Mannschaft echt nicht zugetraut. Und? Umso schöner. Umso schöner nur.
5. oooo
inci 27.06.2010
---Zitat--- Deutschland gewinnt den Klassiker gegen England: Was gab den Ausschlag? ---Zitatende--- ich verstehe ja nicht viel von fußball, aber ich würde sagen, es lag daran, daß die deutschen 4 tore, die engländer aber nur 1 geschossen haben.
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Fußball-WM in Südafrika
Bafana Bafana
Die Fußball-Weltmeisterschaft findet vom 11. Juni bis 11. Juli 2010 statt. Gastgeber ist Südafrika - mit dem Nationalteam Bafana Bafana. Die wichtigsten Infos zur WM...
Klima
Die WM fällt in den südafrikanischen Winter. In Johannesburg und Pretoria ist es im Winter (Juli und August) aufgrund der Höhenlage von knapp 1400 bis 1750 Metern sonnig und trocken, im Schnitt um die zehn Grad, selten über 18 Grad, Nachtfrost.
Durban am Indischen Ozean hat subtropisches und damit auch im Juni warmes Klima, im Schnitt um die 17 Grad.
In Kapstadt an der Tafelbucht des Atlantischen Ozeans herrschen im Schnitt Temperaturen um die 13 Grad, am Abend unter zehn Grad Celsius. Im Juni und Juli sind hier die Niederschlagsraten im Jahresverlauf am höchsten.
Anreise und Einreise, Nahverkehr
Täglich Nonstop-Flüge von South African Airways, Lufthansa und weiteren Gesellschaften zu Johannesburgs Airport OR Tambo. EU-Bürger erhalten am Airport kostenlos ein drei Monate gültiges Touristenvisum.
Der öffentliche Nahverkehr in Johannesburg ist noch kaum vorhanden. Besucher sind in der Regel auf Mietwagen oder Taxis angewiesen.
Ticketverkauf
Für die Südafrika-WM sind Pauschalreisen erhältlich, bei denen neben Anreise, Hotels und Ausflügen auch Stadiontickets enthalten sind. In Deutschland sind Dertour in Frankfurt am Main, Passion Southafrica in Darmstadt, Thomas Cook Sport in London und Vietentours in Meerbusch die Veranstalterpartner der Fifa.
Austragungsorte, Stadion
Johannesburg, Soccer City
Durban, Moses-Mabhida-Stadion
Kapstadt, African Renaissance Stadium/Green-Point-Stadion
Johannesburg, Ellis-Park-Stadion
Tshwane/Pretoria, Loftus-Versfeld-Stadion
Nelson Mandela Bay/Port Elizabeth, Nelson-Mandela-Bay-Stadion
Nelspruit, Mbombela-Stadion
Mangaung/Bloemfontein, Free-State-Stadion
Polokwane, Peter-Mokaba-Stadion
Rustenburg, Royal-Bafokeng-Stadion
Information
South African Tourism
Friedensstraße 6
60311 Frankfurt am Main
Tel.: 069/929 12 90
Internet: www.southafrica.net
de.fifa.com/worldcup/index.html
Sicherheitstipps der südafrikanischen Polizei
Reisende sollten die Sicherheitstipps der Polizei ernst nehmen, vor allem in Johannesburg, Durban, Kapstadt und anderen großen Städten:

Fluggepäck mit Schlössern sichern und auf dem Airport nicht unbeaufsichtigt lassen.

Schmuck nicht zur Schau stellen. Handys nicht auf offener Straße, sondern nur im Hotel, an Tankstellen oder in Gaststätten verwenden.

Bei Dunkelheit auf längere Spaziergänge verzichten. Hotels geben Auskunft über Gegenden, die gemieden oder nur in geführten Gruppen aufgesucht werden sollten.

Pässe und Wertgegenstände im Hotelsafe aufbewahren, Kopien von Pässen und Kreditkarten mitbringen. Möglichst wenig Bargeld einstecken - fast überall kann mit Kreditkarte bezahlt werden. Geld und Karten in verschließbaren Kleidungstaschen sichern.

Nur lizensierte Taxis benutzen.

Autofahren: Türen stets verriegeln, immer ein Handy dabeihaben und vorher die Notrufnummern einspeichern. Polizei: 112 oder 082/911, AA-Pannendienst: 0800/10101. Die Route gut studieren. Mobile Navigationsgeräte mit Südafrika-Software sind nützlich. Keine Anhalter mitnehmen. Unfallszenen können Fallen sein. Nicht halten, per Handy Polizei rufen. Tankstellen an Fernstraßen sind bewacht.
Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amts
Das Auswärtige Amt in Berlin empfiehlt Touristen, vor allem in den Großstädten und ihren Randgebieten vorsichtig zu sein. Die Zentren von Johannesburg, Pretoria, Durban und Kapstadt sollten nach Geschäftsschluss ebenso gemieden werden wie Fahrten mit Vorortzügen. Township-Besuche seien nur in Gruppen mit ortskundigem Führer ratsam. Bei Überfällen sei es besser, keinen Widerstand zu leisten. Ausführliche Ratschläge gibt das Ministerium online.