Schiedsrichter-Skandal: DFB verschärft Vorwürfe gegen Amerell

Im Fall Amerell hat der Anwalt des Beschuldigten dem Deutschen Fußball-Bund Behinderung vorgeworfen. Der DFB kontert: Amerell habe sich nicht nur einmal der sexuellen Belästigung schuldig gemacht. Der Verband will das Schiedsrichterwesen jetzt neu strukturieren.

DFB-Boss Zwanziger: Amerells Rücktritt "absolut notwendig"Zur Großansicht
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DFB-Boss Zwanziger: Amerells Rücktritt "absolut notwendig"

Hamburg - Mit schweren Vorwürfen gegen den Deutschen Fußball-Bund hat Manfred Amerells Anwalt auf die jüngsten Aussagen von DFB-Präsident Theo Zwanziger reagiert. "Zur Stunde ist weder meinem Mandanten noch mir der konkrete Inhalt der Beschuldigungen bekannt", sagte Anwalt Jürgen Langer am Dienstag und forderte den DFB nachdrücklich auf, Einsicht in die Ermittlungsakten zu gewähren. Dem ehemaligen Bundesliga-Referee Amerell wird vorgeworfen, mindestens einen Schiedsrichter sexuell belästigt zu haben. Der 62-Jährige war von allen DFB-Ämtern zurückgetreten, er bestreitet die Vorwürfe.

Der DFB sieht dagegen Amerell als überführt an. "Unabhängig voneinander haben mehrere Personen zu Protokoll gegeben, von Herrn Amerell in der Vergangenheit bedrängt und/oder belästigt worden zu sein", heißt es in einer Presseerklärung des Verbandes. Es handele sich bei den Vorwürfen demnach nicht mehr um einen Einzelfall.

In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung hatte Zwanziger den Rücktritt Amerells zuvor als "absolut notwendig" bezeichnet. "Amerell wird stark und intensiv belastet", sagte der DFB-Boss. Auf die Frage, ob der Verband die Staatsanwaltschaft einschalten werde, sagte Zwanziger: "Das ist nicht ausgeschlossen. Wir müssen die Prüfung unserer Juristen abwarten." Die internen Untersuchungen von DFB-Justiziar Jörg Englisch waren am Montag abgeschlossen worden. Neben dem betroffenen Schiedsrichter, der die vermeintliche Belästigung dem DFB gemeldet hatte, waren weitere Zeugen im Schnellverfahren angehört worden, darunter auch Schiedsrichter.

Der Verband will aus dem Fall Konsequenzen ziehen. So werde man die gesamten Strukturen im Schiedsrichterwesen "einer kritischen Prüfung unterziehen". Dazu hat der DFB eine Kommission gebildet, der unter anderem Fifa-Schiedsrichter Herbert Fandel und die ehemaligen Bundesligaschiedsrichter Hellmut Krug und Lutz Michael Fröhlich angehören. So solle vor allem das Beobachtungssystem geändert werden, "um Abhängigkeitsverhältnissen vorzubeugen".

"Zeit der Männergesellschaft ist vorbei"

Amerell-Anwalt Langer warf dem DFB die Missachtung juristischer Grundsätze vor. In der DFB-Zentrale in Frankfurt am Main sei ihm am vergangenen Mittwoch "jegliche Auskunft verwehrt" worden. Tags darauf sei ein Anruf "ohne Erwiderung" geblieben. Am Montag hätten ihm DFB-Direktor Stefan Hans und Englisch mitgeteilt, dass "der interne Vorgang beim DFB abgeschlossen sei und eine Gewährung von Akteneinsicht nicht erfolgen werde", schrieb Langer in einer Stellungnahme der Kanzlei.

Jetzt habe er das DFB-Sportgericht angerufen, "um die Rechtmäßigkeit der Ablehnung der Akteneinsicht überprüfen zu lassen". Der DFB-Kontrollausschuss sei gebeten worden, "Ermittlungen einzuleiten, ob das Recht auf Akteneinsicht in die beim DFB geführten Verwaltungsakten zu Recht verweigert wurde", hieß es weiter.

Als Konsequenz aus der Affäre sprach sich neben Liga-Chef Reinhard Rauball auch DFB-Präsident Zwanziger für eine Reform des Schiedsrichterwesens in Deutschland aus. "Die Zeit der klassischen Männergesellschaft, die alles unter sich regeln will, sollte vorbei sein", sagte er in dem "Bild"-Interview. In Zukunft sollten die aktiven Unparteiischen "mehr Mitspracherecht" bekommen, sagte Zwanziger.

aha/dpa

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insgesamt 11 Beiträge
plam 16.02.2010
Es ist ganz einfach: Homosexualität ist im Fußball ein Tabuthema. Das passt den alten Herren gar nicht, dass der Fall öffentlich wurde. Noch dazu geht es um sexuelle Belästigung unter Männern und Schiedsrichtern.
Es ist ganz einfach: Homosexualität ist im Fußball ein Tabuthema. Das passt den alten Herren gar nicht, dass der Fall öffentlich wurde. Noch dazu geht es um sexuelle Belästigung unter Männern und Schiedsrichtern.
Hador 16.02.2010
Das Homosexualität im Leistungssport (denn das beschränkt sich nicht nur auf den Fussball) nach wie vor ein Tabuthema ist, da haben sie sicherlich Recht. Allerdings: Was werfen sie dem DFB denn genau vor? Sie können wohl [...]
Zitat von plamEs ist ganz einfach: Homosexualität ist im Fußball ein Tabuthema. Das passt den alten Herren gar nicht, dass der Fall öffentlich wurde. Noch dazu geht es um sexuelle Belästigung unter Männern und Schiedsrichtern.
Das Homosexualität im Leistungssport (denn das beschränkt sich nicht nur auf den Fussball) nach wie vor ein Tabuthema ist, da haben sie sicherlich Recht. Allerdings: Was werfen sie dem DFB denn genau vor? Sie können wohl kaum verlangen, dass ein derartiges Verfahren in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird. Das wäre weder den Opfern noch dem Beschuldigten gegenüber fair.
premiere92 16.02.2010
Vorverurteilung inklusive! Wer wird vom Wem beschuldigt? Welches Opfer hat vor einem Staatsanwalt ausgesagt? Es geht überhaupt nicht um Fainess. Es geht um Rechtsstaatlichkeit und ich habe nicht den Eindruck, daß der DFB sich [...]
Zitat von HadorWas werfen sie dem DFB denn genau vor? Sie können wohl kaum verlangen, dass ein derartiges Verfahren in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird. Das wäre weder den Opfern noch dem Beschuldigten gegenüber fair.
Vorverurteilung inklusive! Wer wird vom Wem beschuldigt? Welches Opfer hat vor einem Staatsanwalt ausgesagt? Es geht überhaupt nicht um Fainess. Es geht um Rechtsstaatlichkeit und ich habe nicht den Eindruck, daß der DFB sich an übliche Verfahren hält. Der DFB führt in eigener Sache Ermittlungen, Beweisaufnahmen, Verhandlungen und Verurteilungen durch - ganz im Sinne der guten alten Tatsachenentscheidung. Herr Amarell erhält sofort die Rote Karte. Ich bin gespannt ob es sowas wie ein Rückspiel geben wird. Mit zig-Millionen Mitgliedern und Mitspielern ergibt sich ein enormes Potenzial, weiterer Verleumdung Tür und Tor zu öffnen. Ich sach denn mal... viel Spass noch beim heiteren Gesellschaftsspiel "Hilfe! Vergewaltigung!"
erkaem 16.02.2010
Eigentlich habe ich ja immer damit gerechnet, dass ein Kicker der Bundesliga demnächst mal geouted wird. Aber nein, ein Schiedsrichter - und dann kommt das (vermeintliche) outing auch noch vom DFB. Hut ab vor dieser Ehrlichkeit. [...]
Eigentlich habe ich ja immer damit gerechnet, dass ein Kicker der Bundesliga demnächst mal geouted wird. Aber nein, ein Schiedsrichter - und dann kommt das (vermeintliche) outing auch noch vom DFB. Hut ab vor dieser Ehrlichkeit. Ich hätte gewettet, dass derartige Dinge vom DFB unter dem Deckel gehalten werden. Mal gespannt, wer der erste Fussballer ist, der durchs outing geht.
Hador 16.02.2010
Darüber kann man natürlich diskutieren und ich will dem DFB da auch keineswegs einen Freischein ausstellen, dafür läuft dort einfach zu vieles offensichtlich schief. Allerdings wird meiner Erfahrung nach in praktisch jedem [...]
Zitat von premiere92Vorverurteilung inklusive! Wer wird vom Wem beschuldigt? Welches Opfer hat vor einem Staatsanwalt ausgesagt? Es geht überhaupt nicht um Fainess. Es geht um Rechtsstaatlichkeit und ich habe nicht den Eindruck, daß der DFB sich an übliche Verfahren hält. Der DFB führt in eigener Sache Ermittlungen, Beweisaufnahmen, Verhandlungen und Verurteilungen durch - ganz im Sinne der guten alten Tatsachenentscheidung. Herr Amarell erhält sofort die Rote Karte.
Darüber kann man natürlich diskutieren und ich will dem DFB da auch keineswegs einen Freischein ausstellen, dafür läuft dort einfach zu vieles offensichtlich schief. Allerdings wird meiner Erfahrung nach in praktisch jedem anderen Unternehmen in dem es zu solchen Vorwürfen kommt genauso vorgegangen wie jetzt beim DFB, bloß landet sowas dort natürlich nicht gleich in den Medien. Was das rein rechtliche angeht: Es geht hierbei ja im Moment auch, zumindest im Moment noch, gar nicht um irgendwelche straf- oder zivilrechtlichen Geschichten sondern erstmal um Arbeitsrecht. Wenn sich Amerell vom DFB ungerecht behandelt fühlt, dann steht ihm der Weg zum Arbeitsgericht frei und den wird er wohl auch gehen. Das allerdings der DFB in so einem Fall interne Ermittlungen anstellt sollte nun wirklich nicht überraschen. Das in der Öffentlichkeit nun eine Vorverurteilung stattfindet mag zwar sein, dass allerdings lässt sich in so einem Fall halt leider kaum vermeiden sobald irgendetwas davon an die Presse gelangt.
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  • Dienstag, 16.02.2010 – 16:53 Uhr
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