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Schummelei mit WM-Tickets: Flitzer aus dem Rollstuhl

Von und Robin Hartmann, Rio de Janeiro

Wer Karten für die WM haben will, muss komplizierte Regeln beachten. Doch die sind offenbar leicht zu umgehen. Das Ergebnis: Fans kaufen Karten unter falschem Namen, Rollstuhlfahrer erheben sich von ihren Plätzen.

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Fans auf Rollstuhl-Plätzen: Wunder der Weltmeisterschaft?

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Maximal sieben Tickets pro Person - mit dieser Regel will die Fifa sicherstellen, dass möglichst viele verschiedene Zuschauer die Spiele der Weltmeisterschaft in Brasilien im Stadion erleben können. Außerdem soll verhindert werden, dass Einzelpersonen eine große Zahl an Tickets bestellen und diese dann auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Dieser Plan ist gescheitert, das ließ sich in den vergangenen Wochen beobachten. Der Grund dafür: Die Einlass-Kontrollen an den Stadien sind lax. Das berichten Zuschauer: "Sobald du ein Ticket in der Hand hast, bist du sicher im Stadion", sagt ein deutscher Fan. Welcher Name auf der Eintrittskarte stehe, werde nicht kontrolliert, so der junge Mann: "Ich war sogar schon mit einem Ticket bei einem Spiel, das auf eine Frau ausgestellt war."

Die Karten würden in den WM-Arenen lediglich durch ein elektronisches Gerät gezogen, das überprüft, ob es sich um Originale handelt. Abgeglichen mit den persönlichen Daten der Zuschauer werden die Tickets in der Regel offenbar nicht.

Die Fifa gesteht indirekt ein, dass es unmöglich ist, jeden einzelnen Zuschauer zu kontrollieren. Ein Fifa-Sprecher berichtet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE von "stichprobenartigen Überprüfungen an den Stadiontoren, insbesondere bei Fans mit ermäßigten Tickets". Durch die mangelnden Kontrollen lässt sich die Sieben-Spiele-pro-Person-Regel leicht umgehen.

Die Anleitung zum Betrug lässt sich in Fan-Foren nachlesen

Wie das geht, kann man in Fan-Foren nachlesen. Offenbar brauchte man nur die Adress- und Kreditkartendaten einer weiteren Person - im besten Fall von einem Freund, der damit einverstanden ist. Schon konnte man einen neuen Account auf der Seite der Fifa anlegen und mit der geliehenen Kreditkartennummer weitere Tickets kaufen.

Bei der Abholung der Karten in den brasilianischen WM-Städten wird eine Vollmacht des rechtmäßigen Inhabers verlangt. Die muss notariell beglaubigt sein. Aber Fans berichten, dass es reicht, einen beliebigen Stempel zu präsentieren, zusammen mit einer krakeligen Unterschrift.

"Wir hatten schon vor der WM Karten für 30 Spiele. Jeder von uns", sagt der Fan aus Deutschland, der mit zwei Freunden zu mehreren Spielorten reist. Weil sie einen Teil der Tickets zu hohen Preisen weiterverkaufen, wird es für die drei Deutschen wohl ein kostenloser WM-Sommer in Brasilien: "Wir kommen am Ende wahrscheinlich bei plus minus null raus."

Kein Wunder, dass professionelle Ticketbetrüger die WM für große Geschäfte nutzen. Auch vergünstigte Karten für Sondergruppen, etwa für Senioren, werden auf dem Schwarzmarkt teuer weiterverkauft. So sind in den Stadien teilweise junge Fans mit Seniorentickets anzutreffen.

Und es gibt Zuschauer, die sogar noch weiter gehen. Im Internet kursieren Aufnahmen von Fans, die sich im Stadion von ihren Rollstühlen erheben. Brasilianische Medien sprechen ironisch vom "Wunder der Weltmeisterschaft". Ihren Berichten zufolge sind bereits mehrere Fälle bekannt, in denen Menschen eine Behinderung vorgetäuscht haben, um an die limitierten - und vergünstigten - Tickets zu kommen, die für Rollstuhlfahrer bereitgestellt werden.

Zu Fuß zum Rollstuhl

Mehrere Medien veröffentlichten nach dem Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien das Foto einer Frau, die das Match vor einem Rollstuhl stehend verfolgt, auch bei Twitter kursiert das Bild. Für Aufsehen sorgte auch das auf YouTube veröffentlichte Video eines Mannes, der im Stadion ohne sichtbare Beschwerden zu seinem Rollstuhl läuft und sich schließlich setzt. Laut Berichten des Radiosenders CBN und von "O Globo" wurde das Video in einem für Rollstuhlfahrer reservierten Bereich im Maracanã-Stadion aufgenommen, beim Vorrundenspiel zwischen Ecuador und Frankreich.

"Die Fifa bittet die Fans, solche Tickets nur zu bestellen, wenn sie tatsächlich benötigt werden", erklärt der Verband. Um an die vergünstigten Karten zu gelangen, müsse man bei der Bewerbung und beim Abholen der Tickets ein Zertifikat vorlegen, in dem ein Arzt die Behinderung bestätigt. Was mit Menschen ist, die nur leichte körperliche Beeinträchtigungen haben und daher stehen können oder nur bei längeren Strecken auf einen Rollstuhl angewiesen sind, ist unklar.

Außerdem seien in den Stadien nur gewisse Eingänge für die Behinderten-Tickets freigeschaltet, an denen man dann noch einmal seine Berechtigung vorlegen müsse. Doch offenbar sind die Kontrollen bei den Behindertentickets ebenso nachlässig wie bei den anderen Eintrittskarten.

"Mögliche Verstöße gegen die Regularien werden den zuständigen Autoritäten übergeben", sagt der Fifa-Sprecher. Tatsächlich versucht die Polizei inzwischen, die mutmaßlichen Betrüger zu ermitteln. Im Nachhinein dürfte es allerdings schwierig werden, den Betrug nachzuweisen.

Zumindest ein Fall ist jedoch eindeutig. Es geht um Mario Ferri, einen Flitzer, der in seinem Heimatland Italien bereits einige Bekanntheit erlangt hat. Für die WM kaufte er sich eine Behindertenkarte und besuchte das Achtelfinale zwischen Belgien und den USA, mit bandagiertem Knie, in einem Rollstuhl. Wenige Minuten nach dem Anpfiff stand er auf und stürmte auf das Spielfeld.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Relationen aus den Augen verloren
schmusel 12.07.2014
Das also nicht bei 70'000 Zuschauern einzeln die Personalien überprüft werden, ist also "lax" ? Tickethandel wie dieser lässt sich nicht verhindern, es sei denn man fängt 6 Stunden vor Anpfiff mit dem Einlass ein und überprüft jeden einzelnen Fan - und zwar auch auf gefälschte Ausweise. Und in der Realität beginnt dann jedes Spiel trotzdem vor halbleerem Haus weil die Leute nicht rechtzeitig antanzen und dann in der Kontrolle stecken. Oder man fängt wieder damit an die Tickets direkt am Stadion und vor Spielbeginn zu verkaufen - keine VIP Karten, keine Sponsorenkontingente - nur Tickets am Kassenhäuschen. Wer zuerst kommt, malt zuerst und muss dann gleich ins Stadion rein. :-P
2. Irrtum
privado 12.07.2014
Nicht jeder, der in einem Rollstuhl sitzt, ist querschnittsgelähmt. Ein Rollstuhl ist ein Hilfsmittel auch für Personen, die schlecht gehen können.
3.
DracheNimmersatt 12.07.2014
Zitat von sysopTwitterWer Karten für die WM haben will, muss komplizierte Regeln beachten. Doch die sind offenbar leicht zu umgehen. Das Ergebnis: Fans kaufen Karten unter falschem Namen, Rollstuhlfahrer erheben sich von ihren Plätzen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/schwarzmarkt-bei-wm-in-brasilien-ticketbetrug-mit-rollstuhl-a-979771.html
Ich erschüttere Ihr Weltbild nur ungern, aber es gibt durchaus auch Rollstuhlfahrer, denen man ihre Behinderung nicht ansieht. Die können stehen und auch mal ohne Probleme ein paar Meter geradeaus gehen. Auch ich stehe bei den Nationalhymnen auf, weil ich's halt noch kann (und aus physiotherapeutischer Sicht auch soll). Und eh ich beim Torjubel oben bin, weil alle aufspringen und man selbst nichts mehr sieht, sitzen alle vor mir längst wieder. Da verfolge ich ein Spiel lieber so lange es halt geht im Stehen. Auch wenn ich das mit anschließender Totalerschöpfung bezahle. Ja, es gibt mittlerweile viele Heuschrecken, aber es gibt mindestens genauso viele, die den Heuschrecken helfen, damit durchzukommen.
4. WM in Deutschland
stephan-md 12.07.2014
Soweit ich mich erinnere - waren die Regeln für den Ticketkauf in Deutschland wesentlich schärfer. Man bekam pro Person nur ein Ticket, wenn man Glück hatte??? Ich erinnere mich an keine großen Schwarzmarktprobleme...
5.
loeweneule 12.07.2014
Zitat von privadoNicht jeder, der in einem Rollstuhl sitzt, ist querschnittsgelähmt. Ein Rollstuhl ist ein Hilfsmittel auch für Personen, die schlecht gehen können.
Sie haben vollkommen Recht. Etwa im Falle von Muskelschwund ist man auf den Rollstuhl angewiesen, aber durchaus in der Lage - je nach Fortschritt der Erkrankung - sich zu erheben. Jedoch wird Rollstuhl allgemein mit Querschnittslähmung gleichgesetzt.
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2002 Japan und Südkorea Brasilien
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1994 USA Brasilien
1990 Italien Deutschland
1986 Mexiko Argentinien
1982 Spanien Italien
1978 Argentinien Argentinien
1974 Deutschland Deutschland
1970 Mexiko Brasilien
1966 England England
1962 Chile Brasilien
1958 Schweden Brasilien
1954 Schweiz Deutschland
1950 Brasilien Uruguay
1938 Frankreich Italien
1934 Italien Italien
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