Von Peter Ahrens und Rafael Buschmann
Warschau hat dem deutschen Fußball eine Debatte beschert, die eigentlich beendet schien. Seit dem EM-Aus im Halbfinale gegen Italien wird wieder über Führungsspieler diskutiert. Besser gesagt: über fehlende Führungsspieler. Der leidenschaftslose Auftritt gegen Italien hat die Sehnsucht nach echten Typen in der Nationalmannschaft wiederbelebt.
Wer könnte in ganz großen Spielen das Heft in die Hand nehmen, das Team mitreißen, vorangehen? Das vierte Scheitern in Folge bei einem Turnier kurz vor dem Ziel hat Zweifel genährt, ob in dieser DFB-Elf jemand dazu überhaupt in der Lage ist.
Kapitän Philipp Lahm, der schon durch seine Position als Außenverteidiger wenig geeignet scheint, Dominanz auf dem Platz auszustrahlen, hat es erneut nicht geschafft. Bastian Schweinsteiger spielte diese Rolle 2010 bei der WM. Umso enttäuschter reagierte die Öffentlichkeit auf seinen schwachen Auftritt 2012.
Löw hat Schweinsteiger zu lange vertraut
Die "FAZ" titelte "Verlierer Schweinsteiger". Die "Bild"-Zeitung, die in selbst für ihre Verhältnisse unbekanntem Furor seit Tagen die Nationalspieler in Grund und Boden schreibt, hat den Münchner als einen Hauptverantwortlichen des Ausscheidens ausgemacht. Er tauge nicht einmal mehr zur Chefchen-Rolle, höhnte das Blatt.
Bundestrainer Joachim Löw hat an Schweinsteiger geglaubt. Auch weil dieser beharrlich darauf hinwies, topfit zu sein. Ein Irrtum auf beiden Seiten, für den auch beide die Verantwortung tragen müssen. Dass ein Spieler in einem so wichtigen Turnier unbedingt auflaufen möchte, ist nachvollziehbar. Dem Team hat es nicht geholfen.
Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich Schweinsteigers Leistungskurve nach seiner vollständigen Genesung entwickelt. Denn ein Schweinsteiger in Bestform ist nach wie vor ein Eckpfeiler der Nationalmannschaft. Aber nur dann.
Der Bundestrainer kann mit der Leitwolfdebatte nichts anfangen
Schweinsteigers EM-Auftritt war eine Niederlage für Löw und seine Form des Führungsstils. Der Bundestrainer pflegt in der Nationalmannschaft das Vertrauensprinzip. Er ist damit jahrelang sehr gut gefahren. Im Fall Schweinsteigers, aber auch bei Lukas Podolski, der ein enttäuschendes Turnier spielte, hat es diesmal nicht funktioniert. Löw wird sich fragen müssen, ob er künftig mit seinen gestandenen Profis härter verfahren sollte, wenn deren Leistung nicht stimmt.
Doch die Leitwolfdebatte wird wohl erneut keine Rolle für den Bundestrainer spielen. Für Löw sind andere Spielereigenschaften wichtiger, das hat die quälende Diskussion um Michael Ballack bewiesen. Es gibt zwar eine Hierarchie in der Mannschaft, doch die kommt nicht durch Machtgehabe zustande. Die Rückkehr von Spielertypen wie Ballack oder Effenberg ist keine ernsthafte Option, derartige Charaktere haben sich überlebt.
Solche Leute haben auch die beiden Finalisten Spanien und Italien nicht in ihren Reihen. Das Team von Cesare Prandelli besitzt mit dem angeblich in Wettgeschäfte verstrickten Torwart Gianluigi Buffon, mit dem vor wenigen Monaten am Herzen operierten Antonio Cassano und dem von seinen Eltern verlassenen Skandalstürmer Mario Balotelli allerdings Reizfiguren. Sie ziehen ihre Stärke und Passion unter anderem aus den überstandenen, dunklen Kapiteln ihres Lebens, wissen, wofür es sich lohnt zu kämpfen. Solche Schicksale gibt es im aktuellen DFB-Kader tatsächlich nicht.
Keine Chance für die Undomestizierten
Die deutsche Nationalmannschaft hat bewusst darauf gesetzt, junge, fußballerisch bestens ausgebildete Spieler heranzuziehen. Spieler, die sich fast alle verbal ausdrücken können, die sich zu benehmen wissen. Es sind Profis mit einem weitgehend schnurgeraden Karriereverlauf, Brüche gibt es kaum. Man kann das artig nennen oder modern.
DFB-Manager Oliver Bierhoff hat vor ein paar Tagen im SPIEGEL-ONLINE-Interview gesagt, er wünsche sich durchaus in der Mannschaft Profis, "die ihre Meinung sagen, bei denen nicht alles samtig und weich ist". Doch undomestizierte Spielertypen wie Kevin-Prince Boateng oder Jermaine Jones bekamen beim DFB keine Chance. Sie passten nicht zum Image.
Am ehesten könnte wohl Mittelfeldspieler Sami Khedira in eine Leader-Rolle hineinwachsen, die dem Charakter einer Löw-Mannschaft nicht grundlegend zuwiderläuft. Der Profi von Real Madrid wäre bei der WM in zwei Jahren in Brasilien mit 27 Jahren im besten Fußballalter, er spielt beim vielleicht größten Club der Welt und ist vor allem einer, der auch Lust darauf hat, in die erste Reihe zu treten.
Jetzt müsste Khedira aber das tun, was die Profis so gerne als "den nächsten Schritt" bezeichnen. Ihm traut man es zu. Vielen anderen nicht.
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