Deutsche Nationalmannschaft: Suche nach dem Leitwolf

Von und

Wo war das Aufbäumen? Beim EM-Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien fehlten Spieler, die Verantwortung übernehmen - Schweinsteiger und Lahm enttäuschten als Führungspersönlichkeiten. Es gibt wohl nur einen, der diese Rolle bei der WM 2014 übernehmen könnte.

Deutsche Nationalmannschaft: Auf der Suche nach dem Leader Fotos
DPA

Warschau hat dem deutschen Fußball eine Debatte beschert, die eigentlich beendet schien. Seit dem EM-Aus im Halbfinale gegen Italien wird wieder über Führungsspieler diskutiert. Besser gesagt: über fehlende Führungsspieler. Der leidenschaftslose Auftritt gegen Italien hat die Sehnsucht nach echten Typen in der Nationalmannschaft wiederbelebt.

Wer könnte in ganz großen Spielen das Heft in die Hand nehmen, das Team mitreißen, vorangehen? Das vierte Scheitern in Folge bei einem Turnier kurz vor dem Ziel hat Zweifel genährt, ob in dieser DFB-Elf jemand dazu überhaupt in der Lage ist.

Kapitän Philipp Lahm, der schon durch seine Position als Außenverteidiger wenig geeignet scheint, Dominanz auf dem Platz auszustrahlen, hat es erneut nicht geschafft. Bastian Schweinsteiger spielte diese Rolle 2010 bei der WM. Umso enttäuschter reagierte die Öffentlichkeit auf seinen schwachen Auftritt 2012.

Löw hat Schweinsteiger zu lange vertraut

Die "FAZ" titelte "Verlierer Schweinsteiger". Die "Bild"-Zeitung, die in selbst für ihre Verhältnisse unbekanntem Furor seit Tagen die Nationalspieler in Grund und Boden schreibt, hat den Münchner als einen Hauptverantwortlichen des Ausscheidens ausgemacht. Er tauge nicht einmal mehr zur Chefchen-Rolle, höhnte das Blatt.

Bundestrainer Joachim Löw hat an Schweinsteiger geglaubt. Auch weil dieser beharrlich darauf hinwies, topfit zu sein. Ein Irrtum auf beiden Seiten, für den auch beide die Verantwortung tragen müssen. Dass ein Spieler in einem so wichtigen Turnier unbedingt auflaufen möchte, ist nachvollziehbar. Dem Team hat es nicht geholfen.

Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich Schweinsteigers Leistungskurve nach seiner vollständigen Genesung entwickelt. Denn ein Schweinsteiger in Bestform ist nach wie vor ein Eckpfeiler der Nationalmannschaft. Aber nur dann.

Der Bundestrainer kann mit der Leitwolfdebatte nichts anfangen

Schweinsteigers EM-Auftritt war eine Niederlage für Löw und seine Form des Führungsstils. Der Bundestrainer pflegt in der Nationalmannschaft das Vertrauensprinzip. Er ist damit jahrelang sehr gut gefahren. Im Fall Schweinsteigers, aber auch bei Lukas Podolski, der ein enttäuschendes Turnier spielte, hat es diesmal nicht funktioniert. Löw wird sich fragen müssen, ob er künftig mit seinen gestandenen Profis härter verfahren sollte, wenn deren Leistung nicht stimmt.

Doch die Leitwolfdebatte wird wohl erneut keine Rolle für den Bundestrainer spielen. Für Löw sind andere Spielereigenschaften wichtiger, das hat die quälende Diskussion um Michael Ballack bewiesen. Es gibt zwar eine Hierarchie in der Mannschaft, doch die kommt nicht durch Machtgehabe zustande. Die Rückkehr von Spielertypen wie Ballack oder Effenberg ist keine ernsthafte Option, derartige Charaktere haben sich überlebt.

Solche Leute haben auch die beiden Finalisten Spanien und Italien nicht in ihren Reihen. Das Team von Cesare Prandelli besitzt mit dem angeblich in Wettgeschäfte verstrickten Torwart Gianluigi Buffon, mit dem vor wenigen Monaten am Herzen operierten Antonio Cassano und dem von seinen Eltern verlassenen Skandalstürmer Mario Balotelli allerdings Reizfiguren. Sie ziehen ihre Stärke und Passion unter anderem aus den überstandenen, dunklen Kapiteln ihres Lebens, wissen, wofür es sich lohnt zu kämpfen. Solche Schicksale gibt es im aktuellen DFB-Kader tatsächlich nicht.

Keine Chance für die Undomestizierten

Die deutsche Nationalmannschaft hat bewusst darauf gesetzt, junge, fußballerisch bestens ausgebildete Spieler heranzuziehen. Spieler, die sich fast alle verbal ausdrücken können, die sich zu benehmen wissen. Es sind Profis mit einem weitgehend schnurgeraden Karriereverlauf, Brüche gibt es kaum. Man kann das artig nennen oder modern.

DFB-Manager Oliver Bierhoff hat vor ein paar Tagen im SPIEGEL-ONLINE-Interview gesagt, er wünsche sich durchaus in der Mannschaft Profis, "die ihre Meinung sagen, bei denen nicht alles samtig und weich ist". Doch undomestizierte Spielertypen wie Kevin-Prince Boateng oder Jermaine Jones bekamen beim DFB keine Chance. Sie passten nicht zum Image.

Am ehesten könnte wohl Mittelfeldspieler Sami Khedira in eine Leader-Rolle hineinwachsen, die dem Charakter einer Löw-Mannschaft nicht grundlegend zuwiderläuft. Der Profi von Real Madrid wäre bei der WM in zwei Jahren in Brasilien mit 27 Jahren im besten Fußballalter, er spielt beim vielleicht größten Club der Welt und ist vor allem einer, der auch Lust darauf hat, in die erste Reihe zu treten.

Jetzt müsste Khedira aber das tun, was die Profis so gerne als "den nächsten Schritt" bezeichnen. Ihm traut man es zu. Vielen anderen nicht.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 154 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Löw erträgt keine starken Persönlichkeiten
hatem1 01.07.2012
Typen wie Balotelli hätten doch bei Löw null Chance, jemals auch nur in den erweiterten Kader zu kommen. Dass Löw Fußballverstand besitzt, ist unbestritten - aber er ist als Mensch und Trainer nicht souverän genug, mit Widerspruch umzugehen. Wer eine eigene Meinung erkennen lässt, den serviert er eiskalt ab. Den Leitwolf Ballack hat er durch den Ja-Sager Lahm ersetzt, Das Ergebnis ist bekannt. Eine nette Mannschaft sammelt Sympathien, aber sie gewinnt keine Titel.
2. Was denn jetzt?
jeze 01.07.2012
Zitat von sysopWo war das Aufbäumen? Beim EM-Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien fehlten Spieler, die Verantwortung übernahmen - Schweinsteiger und Lahm enttäuschten als Führungspersönlichkeiten. Es gibt wohl nur einen, der diese Rolle bei der WM 2014 übernehmen könnte. Schweinsteiger und Lahm bei EM: Deutsche Mannschaft hat keinen Leader - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,841935,00.html)
Ich kann das Gejammere derjenigen, die die Mannschaft vor ein paar Tagen noch in den Himmel gelobt haben nicht mehr hören. Die Nationalmannschaft hat nach einer Rekordanzahl an Siegen ein Spiel gegen einen sehr guten Gegner verloren, gegen den noch keine Nationalmannschaft gewonnen hat, wenn es um was ging. Wer hier von Kriese spricht oder von weitreichenden Änderungen, die notwendig wären, der sagt nur sehr viel über sich selbst aus und nichts über die Mannschaft. Es gehört zum Wesen des Fußballs, dass man Spiele nicht mit vorhersagbarer Gewissheit gewinnen kann und gerade das macht den Fußball überhaupt erst interessant. Es wäre angebracht einfach mal anzuerkennen, dass der Gegner an diesem tag besser war und sich trotzdem darüber zu freuen, dass die Mannschaft eine gute Leistung gezeigt hat. Wer Typen sucht und keine findet, ist in der Vergangenheit verhaftet und hat Manuel Neuer übersehen: ist der auf dem Platz etwa kein Typ, wenn er öfter am der Mittellinie als im Strafraum zu finden ist und sein eigenes Spiel spielt. Und mal ehrlich: über unsere "Typen" von früher spricht auch niemand gut. Früher war immer alles besser...
3. Ganz eindeutig haben Löw und...
hesse 01.07.2012
Zitat von sysopWo war das Aufbäumen? Beim EM-Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien fehlten Spieler, die Verantwortung übernahmen - Schweinsteiger und Lahm enttäuschten als Führungspersönlichkeiten. Es gibt wohl nur einen, der diese Rolle bei der WM 2014 übernehmen könnte. Schweinsteiger und Lahm bei EM: Deutsche Mannschaft hat keinen Leader - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,841935,00.html)
....seine Co-Tainer den Balotelli vor dem Spiel nicht gesehen. Nur gegen ihn hat die deutsche Mannschaft verloren, nicht gegen die Italiener. Wo war Boateng? Wann erfolgt daher der Löw-Rücktritt?
4.
ObackoBarama 01.07.2012
Die grösste Legende des deutschen Fußballs - so bezeichnet es Jürgen Klopp- ist wieder da! Die Legende von dem Leitwolf der angeblich das Ruder herumreißen kann- ist nicht totzukriegen. Frage mich nur wie die anderen ohne einen Leitwolf auskomen.. Spanien Europa- und Weltmeister geworden-ohne Leitwolf. Barca 2x CL gewonnen- ohne Leitwolf Inter Mailand CL gewonen ohne Leitwolf Chelsea der aktuelle CL-Sieger, ohne Leitwolf..
5.
ObackoBarama 01.07.2012
Zitat von hatem1T Den Leitwolf Ballack hat er durch den Ja-Sager Lahm ersetzt, Das Ergebnis ist bekannt. Eine nette Mannschaft sammelt Sympathien, aber sie gewinnt keine Titel.
Wieviele Titel hat die NM mit Ballack gewonnen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WM-News
RSS
alles zum Thema Fußball-EM 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 154 Kommentare
Zur Person
Von der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) berichtet unser Redakteur Peter Ahrens.

Zur Person
Von der Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) berichtet unser Reporter Rafael Buschmann.
Fußball-EM 2012