Schweizer Sensationssieg gegen Spanien Hitzfelds Husarenritt

Spanien zauberte, Spanien stürmte - aber die Schweiz schoss das einzige Tor. Der Triumph des krassen Außenseiters gegen den Europameister trägt die Handschrift des Trainers: Ottmar Hitzfeld. Er hat ein Team geformt, das auch ohne Stars erfolgreich ist.

Aus Durban berichtet

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Allmählich bildeten sich feine Schweißperlen auf der Stirn von Vicente Del Bosque. Irgendwann griff der weitgereiste Fußballlehrer zum Taschentuch, doch wirklich helfen konnte das dem 59-Jährigen auf dem ausgeleuchteten Pressepodium im Moses-Mabhida-Stadions auch nicht.

Selbst Spaniens dekorierter Nationalcoach, der als Spieler und Trainer schon fast alles mitgemacht hat, geriet nach dem 0:1 gegen den krassen Außenseiter Schweiz in Erklärungsnot.

Hatte die südafrikanische Zeitung "Herald" nicht am selben Tag die Eidgenossen als das untalentierteste Team des Turniers vorgestellt? War ein Sieg für seine mit Stars so reich gesegnete Mannschaft nicht Pflicht?

Del Bosque suchte nach Antworten. "Wir haben den Lohn für unsere Anstrengungen nicht bekommen - das ist Fußball", stammelte der 59-Jährige. "Wir haben alles versucht - durch die Mitte und über die Seiten, flach und hoch, aber es hat nicht gereicht." Fast manisch bat der Coach des amtierenden Europameisters und zum WM-Favoriten erklärten Teams nun darum, "unsere Identität zu wahren".

Will heißen: Unangenehme Überraschungen wie diese kann es geben, nur werde er vom spielerischen Grundprinzip seines Teams nicht abrücken. "Wir haben Pech gehabt", sagte Del Bosque. "Nur nicht verrückt machen lassen", empfahl auch sein oberster Ballverteiler Xavi.

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Gruppe H: Fehlstart für Favorit Spanien
Man kann sich den Frust des Übungsleiters ausmalen, wenn 63 Prozent Ballbesitz, 24:8 Torschüsse und 11:3 Ecken für das eigene Team nicht zu einem Treffer führen. Sondern auf der Gegenseite durch Gelson Fernandes ein Tor fällt, bei dem sich Spaniens stolpernder Abwehrmann Gerard Piqué auch noch eine blutige Wunde im Gesicht holte (52.). Der einzige Treffer dieses Gruppenspiels war in seiner Entstehung sinnbildlich für die gesammelten Versäumnisse der Spanier: Hinten passierte ein entscheidender Fehler, vorn ergötzte man sich zu oft und zu lange an nutzloser Ballzirkulation.

"Das passiert halt, wenn nur die Höhe des Sieges vorher diskutiert wird", sagte der Schweizer Torwart Diego Benaglio. "Wir haben immer hochkonzentriert gespielt und an unsere Chance geglaubt", so der Schlussmann des VfL Wolfsburg, dem sein Trainer Ottmar Hitzfeld eine Weltklasseleistung attestierte.

Trainer Hitzfeld ganz cool im Jubelsturm

Dem stets besonnenen Hitzfeld dürfte die Szenerie nach dem Tor ziemlich unheimlich vorgekommen sein. Seine Spieler führten Freudentänze vor der Gegengeraden auf, der gesamte Betreuerstab lag sich in den Armen, als sei das Achtelfinale mit einem einzigen Sieg schon erreicht. Hitzfeld dagegen bekreuzigte sich kurz, streckte die Arme gen Himmel, um sich dann wieder ganz auf Selbstkontrolle zu besinnen.

"Das ist ein historischer Sieg. Nur müssen wir jetzt auch schnell an Chile denken und uns darauf gut vorbereiten", sagte der 61-Jährige, wohlwissend, dass er etwas Einmaliges mit diesem Husarenstück geschafft hatte. Noch nie hatte die Schweiz bislang in einem Länderspiel gegen Spanien bei zuvor 18 Vergleichen gewonnen; überhaupt hatte der Europameister von seinen vergangenen 48 Spielen ja nur ein einziges - 2009 beim Confederations Cup gegen die USA - verloren und unter dem Aragonés-Nachfolger Del Bosque 25 von 26 Begegnungen oft eindrucksvoll souverän gestaltet.

"Schlachtenglück" auch ohne den Abwehrchef

"Die Schweiz hat in 105 Jahren nicht gegen Spanien gewonnen. Aber irgendwann ist es mal soweit", sagte Hitzfeld nüchtern. "Wir waren gut organisiert und brauchten auch das Schlachtenglück." Letztere Wortschöpfung aus dem Mittelalter beschrieb den Verteidigungskampf seiner Profis treffend, die den verletzt ausgeschiedenen Abwehrchef Philippe Senderos früh hatten ersetzen müssen (36.).

Aber auch ohne den Verteidiger schlug sich die Schweiz außerordentlich tapfer, weil eben Benaglio glänzend hielt oder die Spanier zu schlecht zielten - sehr zur Freude der Fangemeinde vor Ort und in ihrer Heimat. "Hopp Schwiiz!" lautete in Durban am Abend plötzlich das Motto. Und sie feierten dabei immer wieder jenen Matchwinner und "Man of the Match", dessen Wurzeln auf den Kapverdischen Inseln liegen.

Gelson Fernandes, 23, konnte sein Glück selbst kaum fassen. "Der Ball war plötzlich frei, ich war selbst überrascht", sagte der Profi von AS Saint Etienne, "ich bin ja kein typischer Torschütze." Sondern ein gelernter defensiver Mittelfeldspieler, den Hitzfeld auf der linken Außenbahn postierte. Erst nach dessen Top-Leistung im Testspiel gegen Italien habe er sich entschlossen, Fernandes zur WM mitzunehmen: "Er ist ein guter Teamplayer."

Und Hitzfeld nach wie vor exzellenter Teamchef. Einer, der nun deutlich entspannter dem weiteren Turnierverlauf entgegensieht als der ihm aus vielen Champions-League-Duellen mit Real Madrid bestens bekannte Kollege Del Bosque.



Forum - WM-Gruppe H: Wer kommt weiter?
insgesamt 561 Beiträge
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Seite 1
Brieli 01.06.2010
1.
Zitat von sysopEuropameister Spanien spielt gegen die Schweiz, Honduras und Chile. Werden die Spanier ihrer Favoritenrolle gerecht?
Ja klar. Zweiter wird die Schweiz.
BeckerC1972, 01.06.2010
2.
Spanien Schweiz Chile Honduras
klumpenhund 01.06.2010
3.
Zitat von sysopEuropameister Spanien spielt gegen die Schweiz, Honduras und Chile. Werden die Spanier ihrer Favoritenrolle gerecht?
1.) Spanien 2.) Schweiz 3.) Chile 4.) Honduras
Polar, 01.06.2010
4.
Zitat von sysopEuropameister Spanien spielt gegen die Schweiz, Honduras und Chile. Werden die Spanier ihrer Favoritenrolle gerecht?
1. Spanien 2. Schweiz 3. Chile 4. Honduras Gibt´s eine viel klarere Gruppe?
Toradac 02.06.2010
5. Ich wage mal...
Zitat von Polar1. Spanien 2. Schweiz 3. Chile 4. Honduras Gibt´s eine viel klarere Gruppe?
...einen Außenseitertip: Spanien klar Gruppenerster, als Zweiter qualifiziert sich Chile fürs Achtelfinale. Sorry Ottmar...
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