Schlägerei im Dortmunder Stadion: Schwere Vorwürfe gegen BVB-Ordner

Von , Dortmund

Er wollte einen schönen Nachmittag im Dortmunder Stadion verbringen. Nun erhebt Edin B. schwere Vorwürfe gegen den Ordnungsdienst der Borussia: Er und sein Bruder seien beim Heimspiel gegen Augsburg im Fahrstuhl der Arena verprügelt worden - von Ordnern des BVB.

Verletzter BVB-Fan: Die Brüder B. vor und nach dem Stadionbesuch Fotos
SPIEGEL ONLINE

"Freude endet nicht nach 90 Minuten". Dieser Satz steht auf einer Eintrittskarte des BVB, die Edin B. in den Händen hält. Gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Almir und seiner Frau sitzt er in seiner Wohnung im westfälischen Ahlen auf einer grauen Eckcouch. Seine Frau hält das neunmonatige Baby im Arm.

Der gebürtige Montenegriner schaut auf das Ticket für das Spiel von Borussia Dortmund gegen den FC Augsburg. Gemeinsam mit seinem Bruder, einem Freund und einem Cousin hatte er sich im April auf den Weg ins Stadion gemacht. Damals hatte er sich auf das Spiel gefreut. Heute sagt Edin B: "Das war der schlimmste Tag in meinem Leben." Sein Bruder Almir und Christian H., ein Freund, sitzen neben ihm auf der Couch und nicken.

Es ist eine Geschichte, bei der die Wahrheit nur schwer greifbar ist. In den kommenden Monaten werden sich Polizei und Staatsanwälte mit dem Fall befassen und dabei sehr unterschiedliche Aussagen der Beteiligten erhalten.

Dem Gegner den Mittelfinger gezeigt

Die Brüder B. schildern den Vorfall so: "Wir sind zu viert mit dem Zug aus Ahlen angereist, haben auch ein paar Biere getrunken und uns auf das Spiel gefreut", sagt Edin B. Vor der Bundesliga-Partie sind die Männer im BVB-Fanshop. Edin B. kauft Trikots und Strampler für seine zwei Kinder. "Unser Cousin aus Schweden war zu Besuch und wir wollten ihm einmal die Stimmung beim BVB zeigen", erklärt Edin B.

Im Stadion nehmen alle vier im Oberrang, Block 70, ihre Plätze ein. Dort, auf der Nordseite, sitzen auch die Gästefans. Als die Aufstellungen des FCA verlesen wird, gestikuliert der 18-jährige Cousin flegelhaft in Richtung des Unterrangs, zeigt dabei auch mehrfach den Mittelfinger. "Wir haben ihn dann auf seinen Platz gedrückt und wollten das Spiel gucken", sagt Edin B.

Bis hierhin gibt es auch beim BVB und bei der Polizei Dortmund keinen Widerspruch zu den Erinnerungen der Brüder B. Als kurz nach dem Führungstreffer durch Julian Schieber (22. Minute) der Jubel auch bei den vier Männern abebbt und sie sich wieder auf ihre Plätze setzen wollen, rücken plötzlich sechs BVB-Ordner an. Ab diesem Zeitpunkt steht Aussage gegen Aussage.

Edin B. sagt, die vier Männer seien von den Ordnern aufgefordert worden, das Stadion zu verlassen. Wegen Zeigen des Mittelfingers. "Ich habe gesagt: 'Dann müsste man die ganze Südtribüne rausschmeißen. Die haben alle ihre Stinkefinger gezeigt.'" Zudem stellt sich die Frage, warum alle vier das Stadion verlassen sollten, wenn lediglich einer ausfallend wurde? Edin B. zuckt mit den Schultern.

SPIEGEL ONLINE fragte mehrfach beim BVB und der Polizei Dortmund um Einsicht in die Videoüberwachung. Borussia Dortmund hat zu Beginn der Saison eine Kameraanlage für etwa 250.000 Euro installiert. Der Verein ist sehr stolz auf diese Anlage, denn in mehreren Fällen sollen die hochauflösenden Aufnahmen bereits für Aufklärung gesorgt haben.

"Wir hatten Panik"

Im Fall der Brüder B. soll es, so heißt es aus Polizeikreisen, kein Videomaterial geben. Offiziell wollen der BVB sowie die Dortmunder Polizei eine ausführliche Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu dem Vorfall, der unter dem Aktenzeichen 301000-064711-13/4 geführt wird, nicht beantworten. Beide Seiten verweisen auf das "schwebende Verfahren".

Was die polizeilichen Ermittlungen genau ausgelöst hat, darüber sind sich die Parteien uneins. Die Brüder B. sagen, sie seien "sehr aggressiv vom Ordnungsdienst angegangen worden". Die Ordner sollen demnach immer wieder versucht haben, die vier Männer an den Händen zu fixieren. Es kam zur Rangelei. Dortmunder Polizisten berichten, dass Edin B., der zwischen seinem 11. und 15. Lebensjahr geboxt hat, einen der Ordner mit einem gezielten Faustschlag niedergestreckt haben soll. Der Ordner soll bewusstlos zu Boden gegangen und später ins Krankenhaus eingeliefert worden sein. SPIEGEL ONLINE versuchte mehrfach mit dem vermeintlich Geschädigten Kontakt aufzunehmen, der BVB ließ dies jedoch nicht zu.

"Ich habe niemanden geschlagen. Keiner von uns hat jemanden bewusst gehauen", sagt Edin B. "Wir wurden von den Ordnern vor die Aufzüge im Oberrang gebracht. Sie haben uns dort von allen Seiten belagert und versucht, uns in die Fahrstühle zu drücken. Wir haben uns gewehrt und wollten uns losreißen. Wir hatten Panik vor dem, was die mit uns in den Aufzügen machen wollen."

Alle vier Männer sind nach Informationen von SPIEGEL ONLINE polizeilich unauffällig. "Ich bin zweifacher Familienvater, habe ein kleines Eigenheim, einen geregelten Beruf, ich baue mir gerade ein Leben auf. Ich würde doch nicht einfach so jemanden schlagen und meine Existenz aufs Spiel setzen", so Edin B.

Während er spricht, zuckt sein linkes Auge immer wieder. Das Veilchen ist noch deutlich zu sehen, der kleine Einriss oberhalb des Lides und der Cut am Ohr ebenfalls. Edin B. sowie sein Bruder Almir geben an, im Laufe der Rangelei so lange von den Ordnern gestoßen worden zu sein, bis beide im Fahrstuhl landeten. "Sie drückten uns auf die Knie, wir haben immer wieder Schläge an den Hinterkopf und in den Rücken bekommen", behauptet Edin B.

Drei Jahre Stadionverbot

Der Aufzug, in dem es keine Videoüberwachung gibt, fuhr zunächst ein Stockwerk höher, obwohl die Stadionwache der Polizei im Untergeschoss ist. Oben sollen weitere Ordner den Aufzug betreten haben. Die darauffolgenden Minuten beschreibt Edin B. "als reinen Horror". Der 31-Jährige erzählt, wie ihn zwei Ordner festhielten, und ein anderer ihm immer wieder ins Gesicht schlug. "Ich dachte, ich werde bewusstlos. Ich habe zu meinem Bruder rübergeschaut, der wirkte regungslos. Erst als der Aufzug anhielt, hörten die Schläge auf", sagt Edin B.

Als der Aufzug im Untergeschoss ankam, baten die Brüder B. die Polizisten darum, Anzeigen gegen die Ordner aufzunehmen. "Ich habe aber nur zu hören bekommen, dass ich das Maul halten solle", behauptet Edin B. Bis zum heutigen Tag weiß er nicht, wer ihn im Fahrstuhl geschlagen hat. Alle vier BVB-Fans wurden bislang noch nicht von der Polizei zu den Vorfällen befragt. Das hinderte Borussia Dortmund allerdings nicht daran, den Brüdern B. ein dreijähriges Stadionverbot zu erteilen. Dabei hat auch der Verein die beiden Männer bisher nicht angehört. Zudem, so erfuhren Edin und Almir B. vor wenigen Tagen, zeigte einer der Ordner die beiden Brüder wegen gefährlicher Körperverletzung an.

Warum der Verein die Stadionverbote aussprach, warum die Dortmunder Polizisten den beiden Brüdern keine Möglichkeit zur Aussage oder zur Anzeige der mutmaßlich gewalttätigen Ordner gaben, warum es keine Zeugenbefragung rund um die Sitzplätze der vier BVB-Fans gab, sind bislang unbeantwortete Fragen.

Es ist nicht der erste Vorfall, bei dem dem BVB-Ordnungsdienst unangebrachte Härte vorgeworfen wird. Bereits im Dezember 2012 berichtete SPIEGEL ONLINE über einen gewalttätigen Ordner aus der rechten Szene, der während des Revierderbys einen Schalker Anhänger zusammenschlug. Der BVB handelte damals und suspendierte den Täter.

Für Almir und Edin B. hat der Vorfall zur Folge, dass sie das BVB-Stadion nicht mehr betreten werden. Doch schon in naher Zukunft werden sie wieder mit dem Club zu tun haben, wenn auch ganz anders, als gewünscht: Statt weiterer Stadionbesuche wartet nun voraussichtlich ein Gerichtsprozess auf sie.

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insgesamt 133 Beiträge
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1. Tja
kölschejung72 30.05.2013
Wenn ich den Bericht lese, dann glaube ich, dass keine Seite die volle Wahrheit erzählt. Das Verhalten der Ordner wäre einigermaßen nachvollziehbar, wenn der Boxer tatsächlich zugeschlagen hätte. Und auch ein treusorgender Hausbesitzer verhält kann die Kontrolle verlieren, wenn er emotional höchst aufgeladen und alkoholisiert ist. Aber nichts desto trotz, wären die Vorgänge im Lift Körperverletzung.
2. optional
rational_bleiben 30.05.2013
Ich bin ja grundsätzlich für ein härteres Vorgehen gegen gewalttätige Migranten, aber dieser Fall scheint mir etwas suspekt. Wenn man eine Videoanlage für 250.000 € installiert, dann wird die natürlich so konzipiert sein, dass die Geschehnisse auf ALLEN Bereichen der Tribüne aufgezeichnet werden. Weshalb auch sollten, wenn man schon so viel Geld investiert, Bereiche der Tribünen ausgelassen werden? Immerhin kann man sich so teure und zeitintensive Prozesse ersparen. Dass nun ausgerechnet zu diesem Vorfall das Videomaterial fehlt, scheint mir doch sehr verdächtig.
3. Also?
exeblue 30.05.2013
Wenn ich das jetzt recht verstanden habe, wäre gar nichts passiert, wenn man der Aufforderung das Stadion zu verlassen, nachgekommen wäre. Diese übten ihr Hausrecht aus, oder? Einfach sitzen bleiben und das Diskut anfangen war noch nie der Bringer. Und wer jetzt mit der Gewalt angefangen hat? Natürlich beginnt alles mit ein wenig Nachdruck. Sollen die Ordner "Bitte, Bitte" betteln bis das Spiel zu Ende ist? Ich war natürlich nicht dabei, aber für mich klingt das nach getränktem Ego.
4.
cs01 30.05.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEEr wollte einen schönen Nachmittag im Dortmunder Stadion verbringen. Nun erhebt Edin B. schwere Vorwürfe gegen den Ordnungsdienst der Borussia: Er und sein Bruder seien beim Heimspiel gegen Augsburg im Fahrstuhl der Arena verprügelt worden - von Ordnern des BVB. http://www.spiegel.de/sport/fussball/schwere-vorwuerfe-gegen-ordner-von-borussia-dortmund-a-901689.html
Ganz einfach, weil es genau so vom DFB gewollt ist. Die Fans sind rechtloses Klatschvieh, dass im Zweifelsfall Freiwild ist. Die Ordner und die Polizei können machen, was sie wollen. Videoaufzeichnungen sind im Zweifel zufällig gelöscht und vor Gericht glaubt man Polizei und Ordnern. Das zeigt doch nur, dass das neue Sicherheitskonzept bereits tadellos funktioniert.
5. Wer's glaubt wird seelig
Sterngeborener 30.05.2013
Lese ich das richtig? Diese vier Rüpel gehen besoffen ins Stadion, beschimpfen und schlagen einen Ordner, wehren sich körperlich gegen den Rauswurf und versuchen sich nun mit Hilfe der Presse als Opfer darzustellen? Allein die anscheinend belegbaren Taten, nämlich der geschlagene Ordner, lassen bei mir keine weiteren Fragen mehr offen. Das ist Körperverletzung und gehört bestraft.
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