Schwul-lesbische Fußball-EM Der Kampf um Normalität

Die schwul-lesbische Fußball-Europameisterschaft kommt nach Hamburg. Zusammen mit einem ehemaligen deutschen Nationalspieler. Den 30 Teams geht es weniger um den Titel, sondern vor allem um Akzeptanz.

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Startschuss SLSV Hamburg

Er wollte nur mit seinem besten Freund auf ein Bier in eine Berliner Kneipe, ganz normal, wie so viele andere. Raus aus der U-Bahn. Haltestelle Nollendorfplatz. Jugendliche rufen: "Seid ihr schwul, oder was?" Alexander von Beyme, damals Mitte 20, will Stärke zeigen, antwortet ehrlich: "Er nicht, nur ich." "Schwuchtel" ist im Anschluss das Netteste, das er hört. Mit der Rolltreppe verlassen die Freunde den U-Bahnhof. Die Jugendlichen rennen auf der Treppe daneben hinterher, beschimpfen von Beyme dabei aufs Übelste. Am Ausgang lassen sie von ihm ab. Er kommt mit dem Schrecken davon, sagt aber: "Da hatte ich lange dran zu knabbern."

Dieser Abend ist über zehn Jahre her. Heute kämpft von Beyme dafür, dass anderen solche Erlebnisse erspart bleiben. In einem Sport, in dem Homosexualität oft noch nicht als normal gilt. Der heute 38-Jährige ist Leiter des Organisationskomitees für die dritte schwul-lesbische Fußball-Europameisterschaft. Von Donnerstag bis Sonntag findet sie in Hamburg statt. 30 Mannschaften kommen aus neun Ländern mit knapp 400 Teilnehmern in die Hansestadt.

Die Ziele: Berührungsängste und Klischees abbauen, Toleranz erzeugen, Spaß am Fußball. Und Normalität herstellen. Das größte Problem der Spieler im alltäglichen Vereinsleben ist eine unglaubliche Sprachlosigkeit. Homosexualität ist gerade im Fußball immer noch ein Tabu.

Homophobe Vorfälle nehmen ab

Veranstalter ist der Verein Startschuss SLSV Hamburg, der mit den Mannschaften "Ballboys Hamburg" bei den Männern und "Kicking Deerns" bei den Frauen aufläuft. Die Teams spielen in vier verschiedenen Divisionen, je nach Leistungsstärke. Mannschaften wie die "Ballboys" treten nur zu Freundschaftsspielen und große Turnieren an. Vereine wie "Vorspiel Berlin" spielen in einer Freizeitliga an. Die "Streetboys München", Fußballabteilung des Vereins "Team München", sind das einzige Team, das Teil des offiziellen Ligabetrieb des DFB ist. Sie spielen in der Bayerischen C-Klasse.

Zu Beginn hatten die "Streetboys" noch mit homophoben Vorfällen zu kämpfen. In den Anfängen kam es wegen beginnender Schlägereien sogar mal zu Spielabbrüchen. Das hat stark abgenommen. In den vergangenen zwei Spielzeiten gab es keine homophoben Vorfälle mehr. Auch weil die Schiedsrichter mittlerweile rigoroser durchgreifen.

Bei der EM wird Thomas Hitzlsperger als das prominenteste Gesicht im Kampf gegen Homophobie im Fußball dabei sein. Vor eineinhalb Jahren hatte er sich als erster ehemaliger Fußballprofi öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. Die Hamburger Profivereine unterstützen die Veranstaltung ebenfalls. Die Spiele finden auf dem Trainingsgelände des Hamburger SV in Norderstedt statt. Zur Abschlussfeier geht es ins Millerntorstadion des FC St. Pauli. Daneben haben sich Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz sowie Hamburgs Innen- und Sportsenator Michael Neumann und DFB-Vizepräsident Eugen Gehlenborg zur Eröffnung angekündigt.

Homosexuelle Vereine sind menschlicher und familiärer

Die meisten homosexuellen Fußballvereine sind in den Neunziger Jahren entstanden, damals unter dem Eindruck, dass es unmöglich war, in einem regulären Verein Fußball zu spielen und gleichzeitig offen homosexuell zu sein. Schlechte Erfahrungen oder die Angst davor bringen Spieler auch heute noch dazu, sich lieber bei homosexuellen Teams anzumelden. Viele wollen nicht nur für sich sein, sondern fühlen sich dazu gezwungen. Auch Hitzlspergers Bekenntnis bringt die Entwicklung nur langsam voran. "Vieles ist heute besser, aber es ist immer noch vom Zufall abhängig, ob man aus der Dusche gemobbt wird", sagt von Beyme.

Das zeigen auch die Erfahrungen von Rene Lugert. Lange spielte er in einem Dorf in Tauberbischhofsheim. 800 Einwohner. Eher katholisch. Sein Coming-out Anfang 20 erreichte auch die Mannschaft schnell. Danach wurde er ignoriert, nicht angespielt oder beleidigt. Als er merkte, dass seine Mitspieler erst duschten, sobald er fertig war, verließ er den Verein. Nun spielt er für die Ballboys Hamburg, steht gleichzeitig bei der SEG Elmenhorst auf dem Platz - völlig problemlos.

Homosexuelle Vereine heißen auch heterosexuelle Spieler willkommen. Bei den Ballboys ist Michael Oswald aktuell der einzige. Den Umgang im Verein findet er "familiärer" und "menschlicher". Beim aktuellen Europameister Village Manchester FC ist ein Viertel der Spieler hetero. "Es geht schließlich um Integration und Akzeptanz", sagt Rob McPherson, einer der Trainer. Und auch die heterosexuellen Spieler fühlen sich wohl: "Ich war noch nie stolzer, für einen Verein zu spielen", sagt Jordan Langford, der auch in Hamburg auflaufen wird. Als Titelverteidiger.

Denn auch wenn die politische Botschaft hinter dem Turnier wichtig ist: Es soll vor allem um Fußball gehen.



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