Schwule Fußballer: Models als Schutzschild

Von Oliver Lück und Rainer Schäfer

Er ist die große Ausnahme: Der italienische Weltmeister Alberto Gilardino setzt sich öffentlich für Schwule ein. Homosexuelle Fußballer leben zwecks Tarnung in Scheinehe oder engagieren Hostessen als Begleitung. Das Magazin "RUND" sprach mit Betroffenen.

Dies ist Teil drei einer Serie des Fußballmagzins "RUND" über Homosexualität im Fußball. Den ersten Teil lesen Sie hier: "Ein Outing wäre mein Tod", den zweiten Teil hier: "Geschäfte mit der Angst vorm Outing".

Die wenigen schwul-lesbischen Fußball-Fanclubs wie die Hertha Junxx in Berlin, die Rainbow-Borussen in Dortmund oder die Stuttgarter Junxx konnten die schwulenfeindliche Atmosphäre in den Bundesligastadien noch nicht nachhaltig verändern. Der englische Fußballverband, der schon mit Maßnahmen gegen Rassismus in britischen Stadien Vorbild für andere Verbände war, prescht auch beim Thema Homophobie wieder voraus. Seit 2001 ist in der Satzung verankert, dass der Verband gegen Diskriminierung wegen sexueller Orientierung vorgeht. Seither wurden Krakeeler schwulenfeindlicher Sprüche bereits häufiger aus den Fußballstadien geschmissen.

Zwei Anhänger des englischen Zweitligisten Norwich City mussten sogar kurzzeitig hinter Gitter und wurden im Anschluss zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt. Auf Clubebene hat Manchester City begonnen, das Schwulentabu zu zerschlagen. Der Verein hat eine Charta unterschrieben, die aus ihm einen "gay friendly"-Club macht. Dafür bezahlt City eine sechsstellige Summe an Stonewall, die mächtige Organisation mit Sitz in London, die die Rechte von Schwulen und Lesben in Großbritannien verteidigt. Bei Manchester City sollen Homosexuelle nun gleichgestellt werden. Schwules Personal wird eingestellt, die Schwulenszene der Stadt ins Stadion eingeladen. Auch in England die große Ausnahme: Erst kürzlich stellte die BBC allen 20 Trainern der Premiere League drei Fragen zum Thema Homosexualität im Fußball – keiner antwortete, auch Stuart Pearce nicht, der Trainer von Manchester City.

Unter britischen Fans gilt der Verdacht, dass es schwule Profis auf dem Platz geben könnte, nach wie vor als Katastrophe. Dabei war es mit Justin Fashanu ausgerechnet ein Profi der Premier League, der sich als Erster 1990 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Acht Jahre später erhängte sich Fashanu in einer Londoner Garage. "Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein ist hart", schrieb er in seinem Abschiedsbrief. "Wenn sich heute einer outen würde, hätte er nicht das schönste Leben", umschreibt Nationalspieler Robert Huth vom FC Middlesbrough die unverändert homophobe Atmosphäre: "Derjenige könnte nicht mehr unbeschwert ins Stadion einlaufen. Auch die Gegenspieler würden ihn deshalb provozieren."

Schwulen-Ikone Gilardino: Keine Berührungsängste
DPA

Schwulen-Ikone Gilardino: Keine Berührungsängste

In der italienischen Serie A gilt Homosexualität ebenfalls als unerhörtes Tabu. Was nicht heißt, dass sie nicht vorhanden ist. Immer wieder kursieren Gerüchte über die angebliche Homosexualität von Fußballstars. Nehmen die Gerüchte überhand, handeln die Clubs. Dann schlägt die Stunde ambitionierter Topmodels und Showgirls. Die Stars lassen sich mit den Starlets ablichten, es werden Hochzeiten arrangiert, bei denen auch Kinder in der Gage enthalten sind. Es sollen sich sogar einige Modelagenturen auf dieses Marktsegment spezialisiert haben.

"Wir wissen, dass einige Stars des italienischen Fußballs schwul sind und gezwungen werden, dies zu verstecken", sagt Arcigay-Präsident Franco Grillini, "Spieler werden von ihren Clubs sogar gezwungen zu heiraten. Die Spieler haben Angst, dass ihre Karriere ein jähes Ende nehmen könnte." Auch Sandro Mazzola, in den sechziger und siebziger Jahren Nationalspieler von Inter Mailand, weiß um die Existenz homosexueller Spieler: "Sicher habe ich schwule Profis kennen gelernt. Einer ist zudem ein berühmter Trainer geworden. Es war bekannt, dass er schwul war, und es hat keinen gestört."

Und ausgerechnet der härteste und humorloseste italienische Terrier, Nationalspieler Gennaro Gattuso, pflichtet Mazzola bei: "Es gibt zwei oder drei Schwule auf 5000 Spieler. Aber das liegt nicht daran, dass der Fußball so männlich ist. Ich kenne Schwule, die auf dem Platz einen unglaublichen Einsatz bringen." Der frühere brasilianische Nationalspieler Marcos Vampeta, der einst ein kurzes Intermezzo bei Inter Mailand gab und heute beim brasilianischen Erstligisten Goiás EC spielt, outete sich kürzlich ebenso wie sein Landsmann Túlio Maravilha, mit über 500 Toren einer der besten Stürmer der brasilianischen Liga.

Vampeta war oft in den einschlägigen Szenelokalen im Mailänder San-Siro-Viertel unterwegs. Gerade im Viertel um das Meazza-Stadion, wo ein Großteil der Mailänder Spieler residiert, ist die Schwulenszene aktiv. Einige Profis lösen die Gerüchte durch ihr eigenes Zutun zudem erst aus: Mark Iuliano, früherer Abwehrspieler von Juventus Turin, ließ für ein Schwulenmagazin die Hüllen fallen. Matteo Sereni, Torhüter des Zweitligisten FBC Treviso, machte es ihm nach. Und Weltmeister Alberto Gilardino vom AC Mailand, von der italienischen Schwulenvereinigung zum Sexsymbol gekürt, freute sich sehr über diese Auszeichnung, verbunden mit der Aussage, dass er sich gerne für Kampagnen gegen die Diskriminierung von Randgruppen einsetzen wolle: "Jeder sollte so sein können, wie er möchte, ohne dafür ausgeschlossen zu werden", so Gilardino.

Lesen Sie im vierten und letzten Teil, wieso auch lesbische Fußballerinnen Anfeindungen ausgesetzt sind.

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Forum - Homosexualität im Fußball
insgesamt 454 Beiträge
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1.
DJ2002dede, 11.12.2006
---Zitat von sysop--- Warum wird Homosexualität im Fußball tabuisiert? Glauben Sie, dass sich bald etwas an der Diffamierung Schwuler ändern wird? Was muss getan werden, damit homosexuelle Kicker nicht weiter angefeindet werden? ---Zitatende--- Haben Sie einen Artikel dazu? Zwar wird Homosexualität in Fußballvereinen nicht thematisiert, aber ich weiß auch nicht warum man das machen sollte? Ich beurteile einen Spieler doch nicht nach seiner sexuellen Orientierung...
2. Da bekommt der Fußball-Fachjargon...
tomandcherry, 12.12.2006
... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen", "Lattenknaller" Wer weiß noch ein paar "eindeutig zweideutige" Begriffe? Mal im Ernst: Wieso interessiert sich irgendjemand für die sexuellen Neigungen von Fußballspielern? Meinetwegen hat ein (Profi-)Fußballer einen festen Freund, steht auf Lack und Leder, Fetisch oder sonstwas. Wenn die Leistung auf dem Platz stimmt, ist mir das sowas von schnurzpiepegal, als ob ein Farbiger, ein Atheist, ein Blauäugiger, ein Hanseate, ein Österreicher oder ein Serbo-Kroate für mein Team auf dem Spielfeld rennt. Oder sind die sexuellen Neigungen von Buchhaltern, Trambahnfahrern oder Kfz-Mechanikern entscheidend bei der Ausübung ihres Berufs?
3.
jochem 12.12.2006
Natürlich spielt es für das Spiel keine Rolle, ob jemand schwul oder heterosexuell ist. Daß das Thema aber so tabuisiert wird, wie es der Fall ist (bei einigen Politikern weiß man, daß sie schwul sind, aber welcher Fußballspieler hat sich schon geoutet?), wirft ein grelles Licht auf die mangelnde Offenheit der Fußballszene: Während es in der Gesellschaft glücklicherweise weitgehend akzeptiert ist, daß jemand auch als Homosexueller in Wirtschaft, Politik und Kunst Erfolg haben und sogar beliebt sein kann, ist die Welt des Fußballs insgesamt durch eine unglaublich konservative Haltung gekennzeichnet. Das betrifft die Verbände, i.e. die Funktionäre ebenso wie die sog. Fans und die Erwartungshaltung der Medien. Politische Meinung und sexuelle Orientierung haben da nichts verloren, das Interesse beschränkt sich auf die Automarke, die gefahren wird, und die Frau/Freundin, die aber auch nicht stören darf. Das Thema wäre mal eine tiefergehende Analyse wert, aber die hätte es schon längst gegeben, wenn nicht... s. oben
4. Geht doch...
roadrunner1962 12.12.2006
Wenn ich das in den Medien richtig verfolgt habe, hat doch der Präsident von St. Pauli seinen Freund geehelicht. Ist doch mal ein Anfang!
5.
Knütterer, 12.12.2006
Brav, genau der selben Meinung bin ich auch! Es soll ja auch Politiker geben, die trotz Outing und Neigung, einen (relativ) guten Job machen. Auch in einem von mir besuchten rheinhessischen Verein gibt es solch ein Gerücht, doch solange der Spieler immer perfekt am Mann deckt, gibt es keinen Grund, diesem Spieler auch nur ein Fünkchen Sympatie zu entziehen! ---Zitat von tomandcherry--- ... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen",... ---Zitatende---
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