Sebastian Deisler Rückkehr des verlorenen Sohnes

Als er vor zwei Jahren dem Lockruf des Geldes nach München folgte, wurde Sebastian Deisler von den Berliner Fußballanhängern übel beschimpft. Nun kehrt der ehemalige Herthaner zum Länderspiel gegen Brasilien an die alte Wirkungsstätte zurück. Bundestrainer Klinsmann hofft, dass die Fans dieses Mal milder gestimmt sind.


Wieder genesener Deisler: "Wenn er gut ist, profitieren wir alle"
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Wieder genesener Deisler: "Wenn er gut ist, profitieren wir alle"

Berlin - "Nehmt ihn positiv auf", fordert Bundestrainer Jürgen Klinsmann vor dem Testländerspiel am kommenden Mittwoch gegen Brasilien (20:45 Uhr, live im SPIEGEL ONLINE-Ticker) das Berliner Publikum auf, keine alten Rechnungen mit Ex-Hertha-Spieler Deisler begleichen zu wollen. "Wenn er gut ist, profitieren wir alle von ihm", so Klinsmann. Auch Hertha-Manager Dieter Hoeneß hat an die Vernunft der 74.315 Anhänger im ausverkauften neuen Berliner Olympiastadion appelliert. "Deutschland braucht die Besten, und Deisler kann bei der WM ganz Deutschland helfen. Bei aller Enttäuschung, die man zuvor mit ihm vielleicht hatte, man sollte ihn unterstützen. Er hat genug gelitten", sagte Hoeneß dem "Berliner Kurier".

Nach Verletzungspech und langem Ausfall wegen einer Depression hat sich der 24-Jährige zu Saisonbeginn wieder in den Profialltag von Bayern München zurückgekämpft und auf dem Spielfeld für Schlagzeilen gesorgt. Die Rückkehr in die Nationalmannschaft war nur eine logische Konsequenz, entsprechend groß ist bei ihm auch die Vorfreude auf die Partie gegen Brasilien. "Dass ich ausgerechnet gegen Brasilien zurückkehre, ist ein besonderes Zückerchen", sagte Deisler, der sich bei seinem Comeback nicht mit einer Reservisten-Rolle zufrieden geben will, "wenn ich schon dabei bin, dann will ich auch spielen. Klar bin ich noch nicht hundertprozentig fit, aber jedes Spiel bringt mich weiter."

Magaths Skepsis

Selbstbewusste Worte, die Bayern-Coach Felix Magath wohl mit Skepsis zur Kenntnis nehmen wird. Der hatte sich nämlich wie schon vor dem Österreich-Spiel erneut gegen eine Nominierung von Deisler ausgesprochen. Deisler sei immer noch nicht so weit, müsse seine Leistung erst im Verein stabilisieren. Doch im Gegensatz zu Wien hat Klinsmann diesmal nicht dem Wunsch von Magath entsprochen.

Es sei wichtig, "dass Sebastian jetzt schon zur Gruppe stößt, dass er sich menschlich einfindet. Das ist wichtig auch in punkto Teamgeist", erklärte Klinsmann und stellte gleich einmal die Bedeutung des Mittelfeldspielers heraus: "Er spielt eine wichtige Rolle in meinen Planungen bis zur WM 2006."

Unglückliche Auftritte

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Bisher war die Beziehung Deislers zur Nationalmannschaft jedoch selten glücklich verlaufen. Eines seiner besten Spiele im DFB-Dress machte er beim berüchtigten 1:5 gegen England im September 2001 - nicht unbedingt eine Partie, an die sich die Fans gern erinnern. Zudem hatte es in den bisherigen 20 Länderspielen Deislers empfindliche Rückschläge gegeben. Kurz vor der WM 2002 hatte sich der gebürtige Badener am 18. Mai beim 6:2 gegen Österreich in Leverkusen schwer am Knie verletzt.

Am 7. September 2003 kehrte Deisler gegen Island (0:0) zurück, um anschließend gegen Schottland wegen einer Muskelverletzung erneut auszufallen. Der Auftritt in Island war der bisher letzte des 24-Jährigen im DFB-Trikot und ging weniger durch Leistung der Spieler auf dem Rasen in die DFB-Geschichte ein, sondern aufgrund der anschließenden "Mist und Käse"-Tirade vor laufenden Kameras des damaligen DFB-Teamchefs Rudi Völler.



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