Sechs Top-Verteidiger im DFB-Kader Löws Bollwerk

Früher strotzten Mannschaften von Bundestrainer Joachim Löw vor Offensivqualität. Mittlerweile ist die Abwehr das Prunkstück - auch weil mit Antonio Rüdiger und Niklas Süle zwei Verteidiger gereift sind.

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Aus Eppan/Italien berichtet


Wenn über die Nationalmannschaft unter Joachim Löw geschrieben wird, dann gibt es über all die Jahre eine wiederkehrende Story: Die Geschichte vom Prunkstück Offensive. Der Angriff sei ausgesprochen gut besetzt, in dieser Hinsicht sei die Nationalelf ein Füllhorn, aus dem Löw sich nach Belieben bedienen könne. Ein Übermaß an Qualität.

In früheren Turnieren mag das tatsächlich so gewesen sein, mittlerweile jedoch haben sich die Gewichte verschoben. Im vorläufigen WM-Kader stehen allein sechs Spieler, die als Innenverteidiger einsetzbar sind. Jérôme Boateng, Mats Hummels, Niklas Süle, Antonio Rüdiger, Jonathan Tah und Mattias Ginter.

Und auch wenn man davon ausgehen kann, dass es einer aus diesem Sextett nicht in das endgültige WM-Aufgebot schaffen wird, zeigt es, wie Löw sein Augenmerk auf den Kader nach der EM-Enttäuschung 2012 verändert hat. Als die Italiener den deutschen Hurrafußball im Halbfinale so gnadenlos bestraften.

Das Prinzip Höwedes

Schon 2014 gab es nur einen Nationalspieler, der sämtliche WM-Minuten auf dem Platz stand, und das war nicht Thomas Müller, Miroslav Klose oder sonst wer aus der Offensivtruppe. Es war der treue Verteidigerknappe Benedikt Höwedes. Bei der dann folgenden EM in Frankreich agierte Löw sogar mal mit einer Dreierkette, bestehend aus Boateng, Hummels und Höwedes. Derselbe Löw, der für seinen Nach-vorne-Fußball so gerühmt wird.

Boateng, Hummels, Süle und Rüdiger werden bei der WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli) mit größter Sicherheit dabei sein, der flexible und von Löw so geschätzte Mönchengladbacher Ginter hat gute Chancen. Hummels/Boateng, das ist eines der am besten eingespielten und etablierten Innenverteidigerpaare der Welt. Die Trümpfe dieser Mannschaft - nimmt man die Torhüter noch hinzu - liegen mittlerweile in dem Bereich, wo Tore eher verhindert als geschossen werden.

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DFB-Abwehr bei der WM: Defensivfeuerwerk

Der altgediente Höwedes, 30, war in diesem Jahr keine Option mehr, zu lange war er bei Juventus verletzt - ob er noch mal in den DFB-Kader zurückkehrt, ist offen. Dafür ist Rüdiger aufgerückt, den eine schwere Verletzung im Trainingslager vor zwei Jahren noch um seine EM-Chance brachte. Der 25-Jährige ist wie Ginter ein Löw-Liebling, der Bundestrainer hat ihn schon früh in die Nationalelf berufen, 2014 feierte er sein Debüt, da war er noch ein junger Kerl beim VfB Stuttgart.

Vier Jahre später ist Rüdiger eine feste Größe beim FC Chelsea, unter Taktikgroßmeister Antonio Conte hat er große Fortschritte gemacht. Es gibt vermutlich nur wenige Nationalspieler, die in den vergangenen Jahren so gereift sind wie er.

In Italien die Feinheiten der Taktik gelernt

Rüdiger ist kein filigraner Fußballer, ist es nie gewesen, er lebt von seiner Athletik, von der Wucht. Als er 2015 vom VfB nach Italien zur AS Rom wechselte, "war das für mich der wichtigste Schritt", sagt er im Nachhinein. In Italien wurden ihm die Feinheiten des Fußballs beigebracht, vorher wirkte er häufig ungelenk, manchmal gar hilflos beim Versuch, einen Angriff von hinten aufzubauen. Ein Verteidiger der alten Schule.

Nach vier Spielzeiten italienischer Schule, erst in Rom, dann bei Conte in London, habe er "so viel dazugelernt, gerade an Taktik". Die Spieleröffnung ist noch immer nicht seine Paradedisziplin, die weiten Diagonalbälle, die Boateng so lässig aus dem Fußgelenk über das halbe Feld zu schlagen versteht, sind nicht sein Ding. Aber Rüdiger ist nicht mehr der überwiegend tapsige Abwehrrecke, der lediglich seinen Körper im Zweikampf in Stellung zu bringen versteht. Schon lange nicht mehr.

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Erweiterter DFB-Kader: Das ist das Team von Joachim Löw

Beim FA-Cup-Finale vor zwei Wochen gegen Manchester United hat er sein bisher vielleicht bestes Spiel für die Blues gemacht. Rüdiger war präsent, ließ den Stürmern von Manchester United keine Lücke, Chelsea gewann das Endspiel 1:0. Es war ein einziges Bewerbungsschreiben für Joachim Löw. Ein Verteidiger der neuen Zeit.

Rüdiger, 1,90 Meter groß, und Süle, 1,95 Meter, sind zwei Bäume in der deutschen Mannschaft, einschüchternd für jeden Angreifer. Und dazu wahnsinnig schnell. Wenn alles normal läuft, werden sie die meisten WM-Spiele dennoch nur von der Bank verfolgen, an Hummels und Boateng gibt es wenig Vorbeikommen. Vier Innenverteidiger von internationaler Klasse.

Die gerühmte Offensive kann von einer solchen Auswahl derzeit nur träumen. Die deutsche Nationalmannschaft ist ein Bollwerk geworden.



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zxmma23 28.05.2018
1. Schnelligkeit
Genau bei der Schnelligkeit sehe ich das Problem: Mag gut sein, dass Rüdiger und Süle schnell sind – Boateng und Hummels sind es nicht (mehr). Ich glaube, dass wird gegen starke, schnelle Teams wie Frankreich und Brasilien ein massives Problem werden. So gut die beiden auch sind als Innenverteidiger mit exzellentem Stellungsspiel: Gegen Topspieler von Topteams werden sie hinterherlaufen...
Nonvaio01 28.05.2018
2. naja
ich denke die defensive ist endlich so gut augfgestellt wie die offensive. Ausser bei den Stuermern, da mache ich mir ein paar sorgen, aber man weiss ja nie ob da einer von denen eine gute WM erwischt. Mueller hatte seine 2014.
WeEmm2010 28.05.2018
3. Kein Ramos weit und breit ?
Ohne einen Ramos Verteiger Typ wird die Titelverteidigung schwer. Hummels und Boateng zu vorsichtig, die anderen richten sich nach Hummls und Boateng. So wird das nichts.
halverhahn 28.05.2018
4. Ginter war mal bei Freiburg, Rüdiger beim VfB...
Neben den noch für mich völlig überraschende und nicht nachvollziehbare Nominierungen von Petersen (Freiburg) und Chancen-Tod Gomez (VfB). Ein Schelm der dabei Böses denkt, nämlich an die ewige Verbundenheit von Löw zum SC Freiburg und dem VfB Stuttgart... das aber nur mal am Rande... Noch zum Thema... Sollte es bei der kommenden WM ein Fiasko für Deutschland geben, dann muss man Jogi mindestens einen Vorwurf machen... Er hält mE zu lange an den Arrivierten fest, deren Zenit überschritten zu sein scheint... A la Hummels, Khedira, Özil und Co.. Nebst u.a. Thomas Müller, der diese Saison auch irgendwie nicht so richtig in die Puschen kommt... Löw hätte schon längst mal neuen, frischen und somit jüngeren Spielern viel mehr Chancen geben sollen... Sei es in der Abwehr, als auch im Mittelfeld bzw in der Offensive... Bei der kommenden WM nun das eine oder andere Experiment zu wagen, ist riskant... Bin daher mal gespannt, ob er da einigen Jungspunden a la Rüdiger und Sané von Anfang an mal ne Chance gibt... gerade in einem Spiel, wo es um was geht...
thoq 28.05.2018
5. Die Innenverteidigung ist nicht das Problem...
das Problem ist die (auch quantitative) Unterbesetzung der Außenverteidigerpositionen und vor allem das nahezu vollkommene Fehlen von defensiven Mittelfeldspielern. Keine Verteidigung kann gut aussehen, wenn davor Toni "ich trab mal ein bisschen herum" Kroos und Ilkay Gündogan stehen. Zusammen mit Özil auf der Zehn wäre das wahrscheinlich das (defensiv) zweikampfschwächste Mittelfeld der WM. Der einzige Spieler im Kader, der noch halbwegs vernünftig auf der Sechs spielen könnte, ist der leider äußerst verletzungsanfällige Sami Khedira. In der Gruppe mag das noch klappen. Spätestens ab dem Viertelfinale wird es dann eng.
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