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Medienstrategie des Fifa-Bosses: Wie Blatter sich als Opfer inszeniert 

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RRO-Moderator (l.), Blatter: "Wie geht es dem Fifa-Präsidenten im Moment?" Zur Großansicht

RRO-Moderator (l.), Blatter: "Wie geht es dem Fifa-Präsidenten im Moment?"

Er ist suspendiert und doch omnipräsent: Fifa-Boss Joseph Blatter gibt gern Interviews. Allerdings nur, wenn er ungestört seine Sichtweise präsentieren darf - inklusive subtiler Drohungen gegen andere Funktionäre.

Es ist Freitag, der 16. Oktober: Acht Tage sind vergangen, seit Joseph Blatter von der Ethikkommission des Fußball-Weltverbands Fifa mit einer 90-Tage-Sperre belegt worden ist. Nun steht der umstrittene Verbandschef mit einer Herbstjacke im Studio des Schweizer Lokalsenders RRO TV und plaudert über seine Gefühle. Ein Schock sei das gewesen, aber auch eine Befreiung, sagt er. Ein Lob spricht er den Bewohnern seines Heimatortes Visp aus: "Das ist schön, dass man hier nicht vorverurteilt wird."

Der Moderator gibt sich verständnisvoll und stellt rührende Fragen. "Wie geht es dem Fifa-Präsidenten im Moment"; "40 Jahre Einsatz für die Fifa, jeder Tag fast vom Leben - und dann muss man aus dem Büro heraus. Ich kann mir vorstellen, dass das schwer war für Sepp Blatter". Richtig, es wird in der dritten Person über den anwesenden Fifa-Präsidenten gesprochen.

Gegen Ende des Interviews wünscht sich der Moderator, dass Blatter die Zeit noch erlebt, wenn andere merken, was er für die Fifa geleistet habe. Blatter wünscht sich das auch, er betet dafür, schließlich sei er ja ein gläubiger Mensch, sagt er, mit Blick zum Himmel, wo aber natürlich nur die Studiodecke ist. "Drückt mir die Daumen", sagt er dann. Zum Abschied noch einen Fist Bump zwischen Blatter und dem Moderator.

Einen Fist Bump!

Joseph Blatter, derzeit wegen einer ominösen Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken der Fifa an Michel Platini für 90 Tage suspendiert, inszeniert sich als Opfer der Umstände. Gern in Interviews, es soll ja keiner sagen, dass er sich nicht stelle. Das Interview-Prinzip von Blatter ist einfach: keine kritischen Fragen. Und wenn, dann so formuliert, dass er die Antworten geben kann, die er möchte.

In Deutschland etwa gab Blatter Anfang Juli, also noch vor seiner Suspendierung, dem Promi-Magazin "Bunte" ein Interview. Ein kleiner Auszug der Fragen gefällig? "Haben Sie heute früh schon getanzt?", "Tut Ihnen nicht weh, was über Sie geschrieben wird?", "Woher nehmen Sie die Kraft und die Motivation, trotz dieser Anfeindungen im Amt zu bleiben?", "Mussten Sie mal vor Enttäuschung weinen in den vergangenen Wochen?", "Hilft Ihnen Ihr Glaube in dieser schwierigen Zeit?" Nach seiner Suspendierung im Oktober sprach die "Bunte" dann noch mal mit Blatter, dabei durfte er den Satz sagen: "Ich bin überzeugt, dass das Böse ans Licht kommen und das Gute gewinnen wird."

"Spielball in einem großen politischen Spiel"

Nun hat Blatter mit der russischen Nachrichtenagentur TASS über die wahren Gründe für die Fifa-Krise gesprochen, wie es in der Einleitung heißt. Auch hier wird Blatter viel Platz eingeräumt, um seine Sicht der Dinge zu erklären, und es wird sehr schnell klar, worum es in diesem Interview eigentlich geht: Michel Platini anzugreifen. Es ist Wahlkampf, und noch ist der Franzose, den Blatter auf keinen Fall als seinen Nachfolger sehen will, trotz seiner Sperre nicht gänzlich aus dem Rennen.

Blatter weist die Schuld an der Fifa-Krise von sich. Kritische Medien, die eine Neuausschreibung der Weltmeisterschaft 2018 in Russland fordern, nennt er "schlechte Verlierer". Hinsichtlich des Vorwurfs, er würde an seinem Amt kleben, erzählt er, dass ihn fünf der sechs Konföderationen angefleht hätten, Präsident zu bleiben, weil sonst der europäische Verband Uefa zu viel Macht hätte.

Er gibt pikante Details zur Vergabe der WM 2022 an Katar preis, die natürlich vor allem Platini belasten. Sich selbst sieht Blatter als Opfer, er sei "Spielball in einem großen politischen Spiel" zwischen den USA und Russland, sagt er. Die Entscheidungen des Ethikkomitees kritisiert er, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er den entscheidenden Leuten erst zu ihren Jobs verholfen habe.

Ähnlich geriert Blatter sich in einem Gespräch mit der "Financial Times". Den Interviewer empfängt er zum Mittagessen in seinem Stammlokal Sonnenberg in Zürich, das sich selbst als "Fifa-Club" bezeichnet. Ein Heimspiel also. Brenzligen Fragen nach Bestechungsgeldern weicht er aus. Dafür redet er gern darüber, dass er ein großzügiger Mensch sei, der leider zu oft von anderen Leuten ausgenutzt werde.

Er sagt, dass Korruption bei einem kleinen Gremium wie dem Fifa-Exekutivkomitee unvermeidbar sei. Schuld an der WM-Vergabe nach Katar sei Platini, er selbst habe versucht, die WM in die USA zu lotsen. Und auch in diesem Interview darf der Hinweis nicht fehlen, dass er alle Vorgänge aus seiner Fifa-Zeit im Gedächtnis habe. Dabei tippt er sich an die Stirn.

Blatter schickt Drohungen in die Welt

Solche Botschaften sendet Blatter gern, früher meist via Schweizer "SonntagsBlick", bei dem sein damaliger Kommunikationschef Walter de Gregorio mal Sportchef gewesen war. Auch die Deutschen bekamen die mehr oder weniger subtilen Drohungen schon zu spüren: Im stürmischen Fifa-Jahr 2012 brachte er deutsche Kritiker zum Schweigen, indem er vielsagend andeutete, dass bei der WM-Vergabe 2006 nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

Nun sind es auch andere Blätter, mit denen er seine Botschaften versendet. In der "Bunten" etwa verriet er, dass er eine Biografie veröffentlichen wolle. "Das Manuskript dafür liegt schon in der Schublade". Damit wollte Blatter sicher nicht nur die Aufmerksamkeit der internationalen Buchkritik gewinnen.

Botschaften versenden, Nebelkerzen zünden, Drohungen aussprechen - Blatter kommuniziert viel in diesen Tagen. In den von ihm ausgewählten Medien darf er Sätze sagen wie: "Es sind in erster Linie die Medien, die mich stürzen wollen. Nicht die Menschen, die den Fußball lieben."

Widerspruch gibt es keinen, dafür widerspricht er sich selbst: Die Fifa sei keine kommerzielle Organisation, sagt er TASS. 13 Zeilen später steht dann aber: "Seit ich Fifa-Präsident bin, haben wir die Fifa zu einer großen kommerziellen Organisation gemacht."

Im Verlauf des Interviews wird Blatter gefragt: "Warum wurden Sie suspendiert? Vielleicht weil Sie wichtige Entscheidungen geplant haben, die jemandem nicht gefallen haben?"

Blatters Antwort: "Das ist eine sehr clevere Frage."

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Es gibt Menschen,......
hubermeiermueller 30.10.2015
die altern in Würde, und es gibt Sepp Blatter! Man möge das Bild mit Blatter beim fist bump kurz auf sich wirken lassen! Was für ein Clown! Ein krimineller noch dazu!
2.
cashflow99 30.10.2015
Ganz ehrlich,die FIFA braucht eine Neugründung,sie ist ab dem mittleren Management korrupt. Blatter übernahm von Johansson die Federation.Der von Havelange,der wiederum dieses Schmiersystem aufgebaut hat.
3. Nichts Neues...
ludwig49 30.10.2015
...daß sich Bandenmitglieder nach der Entdeckung gegenseitig in die Pfanne hauen. Blatter hat alles im Kopf und damit meint er sicher sämtliche Machenschaften der FIFA-Gang. Die Frage ist jetzt nur: Weshalb hat dieser ehrliche Mensch und Präsident stets beide Augen zugedrückt ?
4. Geld und Macht
omguruji 30.10.2015
Wieso können Menschen mit Millionen auf dem Konto nicht im richtigen Moment einen Abgang mit Würde machen? Diese ganzen alten Männer, von Blatter zu Ecclestone, korrupt, gerissen und von der Macht besessen. Gibt es eigentlich noch Moral und Ethik? Vielleicht bei einigen Nobelpreisträgern aus Indien, die sich um die Armen und Schwachen kümmern.
5. Wie kann man so ein Untier zähmen?
khnwien 30.10.2015
Die FIFA ist ein Moloch der alles frisst und verschlingt das ihm im Wege steht. Bis auf welche Ebene hinunter geht das? Muss man alles neu erfinden? Sind alle Hafttauglich?
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