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Spielabbruch bei Serbien-Albanien: Provokation von oben

AFP

Hat er die Drohne mit der nationalistischen Flagge gesteuert? Der Bruder des Premiers von Albanien wird beschuldigt, die Schlägerei und den Spielabbruch beim Spiel gegen Serbien ausgelöst zu haben - er selbst bestreitet das. Was steckt hinter dem Vorfall?

Hamburg - Die Sicherheitsvorkehrungen vor dem EM-Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien in Belgrad waren von vornherein hoch, auf Empfehlung der Uefa war albanischen Fans der Zutritt zum Stadion untersagt worden. Doch den Luftraum über dem Partizan-Stadion hatte die Europäische Fußball-Union nicht abriegeln lassen. Und so kam die Provokation, die letztlich zum Spielabbruch führte, aus sternenklarem Himmel.

42 Minuten waren gespielt, es stand noch 0:0, als eine Drohne über dem Spielfeld auftauchte, daran hing eine Flagge mit den Umrissen eines großalbanischen Reiches, wie es die Nationalisten fordern. Zu sehen war außerdem der Schriftzug "autochthonous" ("einheimisch"), sowie die Porträts der ehemaligen albanischen Nationalistenführer Isa Boletini und Ismail Qemali. Qemali hatte am 28.11.1912 die albanische Unabhängigkeit ausgerufen. Dieses Datum findet sich auch auf der Flagge.

Die Drohne soll aus der albanischen VIP-Loge gestartet worden sein, von niemand geringerem als dem Bruder des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama. Das berichteten serbische Medien übereinstimmend. Der serbische Staatssender RTS berief sich dabei auf Informationen aus dem Innenministerium.

Demnach sei Olsi Rama am Dienstagabend vorübergehend festgenommen worden, nachdem bei ihm die Fernsteuerung gefunden worden sei. Rama besitzt laut den Berichten einen US-Pass und sei schnell wieder freigelassen worden. Er habe gemeinsam mit der albanischen Nationalmannschaft noch in der Nacht das Land per Flugzeug verlassen. Das Modellflugzeug sei außerhalb des Stadions gestartet und von Olsi Rama aufs Feld gelenkt worden.

Der Beschuldigte bestreitet das: "Ich habe mit der Drohne nichts zu tun. Ich weiß nicht, wo diese Geschichte herkommt. Ich bin auch weder festgenommen noch verhört worden", sagte Olsi Rama.

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Spielabbruch in Belgrad: Drohne, Flagge, Spielabbruch
Die Reaktionen des serbischen Fußball-Verbands fielen jedenfalls heftig aus. "Stellen Sie sich nur mal eine Situation vor, in der Israel Deutschland in Tel Aviv empfängt und jemand eine Hakenkreuzfahne mit dem Kopf Adolf Hitlers entrollt. Etwas Ähnliches hat sich gestern Abend im Partisan-Stadion ereignet", sagte Verbandsvize Goran Milanovic der Belgrader Zeitung "Informer".

Das Gebiet Großalbaniens umfasst nach Vorstellung der Nationalisten Albanien, Serbien, Montenegro, Mazedonien, Teile des nördlichen Griechenlands und die autonome Region Kosovo, die 2008 ihre Unabhängigkeit von Serbien erklärte. Die Regierung in Belgrad erkannte dies jedoch nicht an. Im April 2013 schlossen Belgrad und Pristina unter Vermittlung der Europäischen Union ein Abkommen zur Normalisierung der beiderseitigen Beziehungen. Serbien, der Kosovo und Albanien wollen der EU beitreten.

In der albanischen Minderheit im südlichen Serbien gibt es Forderungen nach mehr Autonomie. Einige serbische Politiker befürchten, dass Tirana nach einem sogenannten Großalbanien unter Einschluss des Kosovo sowie albanischer Gemeinden in Montenegro, Mazedonien und Südserbien strebt. Die Ausschreitungen überschatten den geplanten Besuch von Ministerpräsident Rama in Serbien. Als erster albanischer Regierungschef will er am 22. Oktober nach Belgrad reisen. Bei den Gesprächen mit dem serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic soll auch das Kosovo eine Rolle spielen.

Nach dem Spiel twitterte Rama: "Ich bin stolz auf die Schwarzroten (die am Dienstagabend allerdings in weiß gespielt hatten, Anm.d.Red.), so lange Fußball gespielt wurde, waren sie die Sieger. Es tut uns leid für die Nachbarn, die einen schlechten Eindruck in der ganzen Welt hinterlassen haben."

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Bundesligaprofi Stefan Mitrovic vom SC Freiburg hatte die Flagge heruntergerissen, kurz darauf nahmen ihm albanische Nationalspieler diese wieder ab. Es kam zu einer Prügelei, bei der auch Ersatzspieler beider Teams mitmischten. Einige Zuschauer gelangten auf den Rasen und schlugen auf die albanischen Spieler ein, die Polizei konnte nur mit Mühe einen Platzsturm verhindern. Schiedsrichter Martin Atkinson unterbrach die Partie, die Albaner flüchteten sich in die Kabine und weigerten sich, weiterzuspielen. Daraufhin brach Atkinson das Spiel ab. Schon vor dem Anpfiff war die Stimmung bei der Partie aufgeheizt, serbische Fans skandierten Schmährufe während die albanische Hymne gespielt wurde.

Nun beschäftigt der Fall die Uefa, sie hat umfangreiche Disziplinarverfahren eingeleitet. Die Ermittlungen gegen den serbischen Verband betreffen laut Uefa den Einsatz von Feuerwerksraketen durch Fans, den Platzsturm, Zuschauerausschreitungen, einen nicht ausreichenden Ordnungsdienst sowie den Einsatz eines Laserpointers. Gegen den albanischen Verband laufe ein Verfahren wegen der Weigerung, weiterzuspielen, und wegen des Zeigens der Flagge als "unerlaubtes Banner". Termin für die Verhandlung vor der Disziplinarkammer der Uefa ist der 23. Oktober.

luk/dpa/AFP/Reuters

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
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1. Was heisst hier ausgelöst? Provokation?
zauselfritz 15.10.2014
"Provokation" wird ja gerne als Rechtfertigung genommen, sich wie Tiere zu verhalten. Freilich war das die Absicht, aber wie wäre es, wenn man eben mal nicht zum Tier wird und Versuche wie diese ins Leere laufen lässt? Fehlanzeige. Denn sowohl Provokateur als auch Provozierte wollen die Gewalt. Es braucht nur einen billigen Anlass: Provokation.
2. Der Vergleich mit der Hakenkreuzfahne ...
magic88wand 15.10.2014
... hinkt etwas. Aber wenn Joachim Sauer beim Spiel gegen Polen eine Drohne mit Deutschland in den Grenzen von 1937 auf der Fahne über das Stadion in Warschau geflogen hätte, wäre das ein passender Vergleich.
3. Unmöglich!
troy_mcclure 15.10.2014
Eine klare Provokation, aber dass man dann so ausrasten muss wie beide Seiten (insbesondere die albanischen Spieler, die anfingen, den serb. Spieler zu attackieren), das verstehe ich nicht. Nehmen wir sie schnell alle in die EU auf, dann ist das Problem gelöst :-(
4. Konsequenz
zauselfritz 15.10.2014
Übrigens kann die Konsequenz eigentlich nur der Ausschluss beider Verbände von der Quali und somit EM sein.
5. Einfach
Lankoron 15.10.2014
beide Verbände aus der laufenden Qualifikation ausschließen....einfach gelöst....
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