Vom Stürmer zum Sportdirektor Der wundersame Weg des Igli Tare

In Ludwigshafen veralberten ihn die Mitspieler, in Kaiserslautern verfluchten ihn die Fans. Das Magazin "11FREUNDE" über den ewig unterschätzten Igli Tare, der zu einem der wichtigsten Männer im italienischen Fußball aufstieg.

Lazio-Sportdirektor Tare: "Das ist Schicksal"
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Lazio-Sportdirektor Tare: "Das ist Schicksal"


Als Igli Tare das Eingangstor zum Lazio-Trainingsgelände in Formello erreicht, steppt dort ganz kurz der Bär. Vier Männer mittleren Alters hüpfen auf und ab und halten ihre Stifte, Kameras und einen kleinen Jungen in die Höhe. Sie schreien "Igli!" und "Oh!" und "Signore!", schließlich ist Tare nicht irgendwer.

Der Ex-Mittelstürmer, der früher manchmal ein wenig ungelenk vor dem Tor wirkte, ist heute Sportdirektor bei Lazio Rom. Er hat Miroslav Klose geholt oder den Brasilianer Hernanes. Er ist mittlerweile ein mächtiger Mann, ein edler Herr mit Designeranzug, ein geheimnisvoller Padrone, der seine Augen beim Sprechen stets ein wenig zusammenkneift. Und selbst wenn er seinen Mitarbeitern nur beiläufig zunickt, so glaubt man doch, dass sie danach ganze Ländereien kaufen oder zumindest einen neuen Spieler.

Abends werden sie zu Hause erzählen, dass er mit ihrem Jungen eine Runde über den Parkplatz gefahren ist. Vielleicht werden sie auch sagen, dass Tare ihm einen Vertrag angeboten habe, und dann werden sie alle lachen.

Eine Viertelstunde später steht Igli Tare in seinem Büro im ersten Stock der Geschäftsstelle im Formello, 40 Kilometer nördlich von Rom. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Gemälde mit Lazios Wappentier, dem Adler, daneben Bilder von Miroslav Klose und den Pokalhelden von 2009 und 2013. Wenn der 1,91 Meter große Tare ein bisschen was von dem Mackertum eines Stefan Effenberg hätte, könnte er auf seinen Balkon treten und sagen: "Ich hab's allen gezeigt!" Doch Tare setzt sich einfach in seinen Sessel. Er lächelt nicht, denn dafür gibt es keinen Grund. Fußball ist eine ernste Sache. Er legt das Sakko ab und sagt: "Das ist Schicksal."

Steiniger Weg in die Bundesliga

Tare war früher Stürmer. Er spielte in Deutschland für Südwest Ludwigshafen, den VfR Mannheim, Fortuna Düsseldorf, den Karlsruher SC und den 1. FC Kaiserslautern. Auch wenn es in Düsseldorf ziemlich gut lief, war Tare nie ein Top-Star, manchmal sogar eher so was wie ein Maskottchen des Misserfolgs. Die Trainer stellten ihn selten von Beginn an auf, die Fans pfiffen ihn aus, wenn die Mannschaft schlecht spielte und sie einen Sündenbock brauchten. Doch im Gegensatz zu anderen, die in solchen Situationen aus dem Profikarussell fielen, ging es für ihn immer weiter, auf wundersame Weise sogar höher. In der "taz" stand mal: "Tare fällt von unten nach oben." Viele Fans und Mitspieler fragten sich: Wie geht das?

Als er sich im Winter 1992 auf den Weg nach Deutschland machte, fror er. Er hatte für seine Flucht aus dem kommunistischen Albanien nach Deutschland umgerechnet 800 Euro bezahlt. Stundenlang stapfte Tare mit fremden Männern und den Schleusern durch Wälder, der Schnee lag meterhoch. Irgendwann sah er das Schild "Bundesrepublik Deutschland", und er dachte, jetzt würde alles gut. Er kam bei seinen Cousins in Ludwigshafen unter, die bereits zwei Jahre zuvor mit 3000 anderen Albanern die deutsche Botschaft in Tirana gestürmt und später eine Einreiseerlaubnis für Deutschland erhalten hatten. Igli Tare war 17 Jahre alt, als ein neues Leben beginnen sollte, mit langen Haaren, mit Jeans, und natürlich mit diesem Traum von der Bundesliga.

Er beantragte Asyl in einem Heim unten am Hafen und fand über Walter Pradt, einen Mitarbeiter des Sozialamtes, einen Job beim Grünflächenamt. An manchen Tagen war er stolz, denn er lebte in Deutschland und hatte Arbeit. An anderen Tagen schämte er sich. Er wollte doch eigentlich hoch hinaus, Fußballprofi werden - und nun harkte er Beete. Oft zog er seine Kapuze tief ins Gesicht, damit ihn niemand erkannte.

Immerhin bekam Tare die Möglichkeit, Fußball zu spielen, denn Pradt war auch Trainer beim damaligen Oberligisten Südwest Ludwigshafen. Doch Tare kam mit dem Amateuralltag nicht zurecht. "Die ersten drei Jahre in Deutschland waren die schlimmsten meines Lebens", sagt er und schaut noch ein bisschen ernster drein als sonst. Allerdings, sagt er, habe auch er Schuld daran gehabt. Die neue Kultur, die neue Sprache, keine Freunde, keine Bundesliga. Er hatte als 15-Jähriger für Partizani Tirana in der ersten albanischen Liga debütiert und war U21-Nationalspieler gewesen - nun saß er auf der Ersatzbank, bei einem Oberligaklub, den niemand kannte. Tare war zwar in Deutschland, doch es bewegte sich nichts.

Tare nutzt Chance beim KSC

Irgendwann im Frühjahr 1995 lernte er einen albanischen Geschäftsmann kennen, der ihm ein Probetraining beim KSC versprach. "Wie das?", fragte Tare. "Lass mich nur machen", sagte der Mann, und er machte. Als sich Tare in der KSC-Kabine als Spieler von Südwest Ludwigshafen vorstellte, fragte Weltmeister Thomas Häßler: "Ist das ein Verein?" Die Mitspieler grölten, und Häßler, nun richtig in Fahrt, legte nach: "Ich werde demnächst meinen Bruder mitbringen. Anscheinend darf jeder hier mittrainieren."

Vielleicht gab Tare in diesem Moment das Träumen auf, vielleicht wurde er in diesem Augenblick mit einem Schlag ernst. In der folgenden Trainingseinheit rannte er jedenfalls wie ein Wahnsinniger, und am Ende entschuldigte sich Häßler sogar: "Du kannst ja richtig gut kicken!" Tare durfte bleiben, allerdings nicht als Profi, denn sein Trainer Winfried Schäfer war auch kein Träumer, sondern einer, der erst mal abwarten wollte, was denn der Albaner bringt, wenn es ernst wird.

Zurück in Ludwigshafen konnten Tares Mitspieler den Transfer kaum fassen. Einer sagte: "Haben die keine Ahnung von Fußball?" Und Tare scherzte: "Vielleicht war da jemand betrunken." Erst als ein anderer Mitspieler sagte: "Wir sehen uns ja eh bald wieder!", wurde Tare das erste Mal ein bisschen böse. "Merk dir mein Gesicht", sagte er, "du wirst es ab sofort nur noch im Fernsehen sehen."

Tares Weg ist gepflastert mit solchen Seitenhieben, mit skeptischen Blicken und fassungslosen Gesichtern, damals wie heute. Bei Lazio ist es sogar noch extremer, denn die meisten Fans wollen eigentlich gar nicht, dass ihre Söhne mit ihm eine Runde in seinem Wagen drehen. Die Fans wollen, dass er und Lazios Präsident Claudio Lotito wieder verschwinden. Und wenn man sich ein wenig genauer in Formello umschaut, rufen hier auch nicht alle "Oh!" oder "Signore!". An der Hauptstraße prangt ein Graffito, "Vattene, Lotito!" steht da, "Hau ab!" Im Internet schreiben die Fans, dass Lotito der schlechteste Präsident und Tare der schlechteste Sportdirektor in der Klubgeschichte sei. Ist hier überhaupt noch Platz für Träume? Für Lachen?

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