Drittliga-Überraschung Sonnenhof Großaspach Der Klub mit der Blockhütte im Stadion

Die SG Sonnenhof Großaspach ist die Sensation der dritten Liga, das Team überwintert auf Platz zwei. Beim Dorfklub sitzen die VIPs im Holzhaus, und der Mann von Schlagerstar Andrea Berg zieht die Strippen. Besuch beim Underdog.

Fabian Held

Aus Aspach berichtet Fabian Held


Die Idylle liegt irgendwo zwischen Stuttgart und Heilbronn. Hier, in der Gemeinde Aspach, leben 8000 Menschen in vier Ortsteilen, man sieht enge Gassen, ein paar Bundesstraßen und viele Einsiedlerhöfe. Es gibt in dieser Idylle auch einen Fußballklub, der 1994 völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit aus einer Fusion des FC Sonnenhof Kleinaspach und der SpVgg Großaspach entstand. Ohne große Ambitionen kickte diese SG Sonnenhof Großaspach in der Landesliga. Damals. Seitdem ging es alle paar Jahre eine Liga höher. Mittlerweile sind die Aspacher in der dritten Liga angekommen und stehen zur Winterpause auf dem zweiten Tabellenplatz. Damit würde der Verein am Saisonende in die zweite Liga aufsteigen und zur Elite dieses Landes gehören.

Aber bei der SG wollen sie vor allem ein Dorfverein bleiben.

Der prominenteste Mann im Klub ist einer, den es selbst gar nicht in die Öffentlichkeit drängt. Uli Ferber ist bestens vernetzter Spielerberater, der unter anderem Mario Gomez, Bernd Leno und Joshua Kimmich vertritt. Dazu betreibt er eine Marketingagentur und ist Ehemann und Manager von Andrea Berg. Mit seinem Netzwerk hilft er dem Verein an vielen Stellen, dennoch betont Geschäftsführer Thomas Deters: "Es gibt hier kein Mäzenatentum." Ferber sitze ja auch nur im Aufsichtsrat des Vereins und die SG sei wirtschaftlich unabhängig. 2,85 Millionen Euro beträgt das Budget für den gesamten Verein, das ist deutlich unter dem Liga-Schnitt. Rund 1,2 Millionen Euro kämen durch 120 große und kleine Sponsoren zusammen, ein Zwölftel davon steuerten Firmen bei, an denen Ferbers Familie beteiligt ist, rechnet Deters vor. "Wir sind stolz, dass auch noch die kleine Dorfbäckerei zu unseren Sponsoren gehört, die schon in der Landesliga dabei war."

Die kleine mechatronik Arena, in der 10.000 Besucher Platz finden, schmiegt sich an bewaldete Hügel. Eine enge Landstraße führt hierher, zum Fautenhau. Sie ist so schmal, dass es nicht mal einen Mittelstreifen gibt. Viele Autos kommen sich hier normalerweise aber sowieso nicht entgegen. Nur manchmal herrscht Verkehrschaos. Zum Beispiel, wenn die SG Dynamo Dresden in die Provinz reist und mit ihr geschätzte 5000 Gästefans. Die Partien der beiden Mannschaften sind mittlerweile Top-Spiele, zuletzt trafen so der Erste auf den Zweiten, und die mechatronik Arena war das erste Mal überhaupt ausverkauft. Das Spiel endete 0:0.

Viel Erfolg, wenig Zuschauer

Das Stadion wurde von einer Investorengruppe gebaut, zu der einige Familienangehörige der Ferbers sowie Mario Gomez und Schlagersängerin Berg gehören. Auch hier hat Ferber wieder geholfen, allerdings konnte die Arena so auch komplett ohne öffentliche Gelder gebaut werden. Sollte Aspach tatsächlich aufsteigen, müsste das Stadion um 5000 Plätze erweitert werden - das fordern die Auflagen der DFL. Möglich wäre das, die Verantwortlichen haben sich schon Gedanken gemacht. Konkrete Pläne gibt es aber noch nicht.

Aspach hat einen der geringsten Zuschauerschnitte in der dritten Liga. Etwas, woran der Verein arbeiten möchte. Mit Besuchen in Schulen und ermäßigten Tickets versuchen die Verantwortlichen, neues Publikum anzulocken. Wer durch den Rems-Murr-Kreis fährt, merkt: Das wird ein schwieriges Unterfangen. Gut 30 Kilometer von Stuttgart entfernt hängen hier viele verblichene VfB-Fahnen vor den Häusern.

Auch die Infrastruktur des Vereins ist noch ausbaufähig. Neben dem Rasenplatz im Stadion steht dem Verein nur noch ein Kunstrasenplatz zur Verfügung. Deshalb trainiert die Mannschaft oft auf der Fläche einer benachbarten Kreisklassemannschaft. "Morgens ist meine wichtigste Aufgabe, herauszufinden, wo wir heute trainieren können", sagt Trainer Rüdiger Rehm und lacht. Ein Nachwuchsleistungszentrum und eine kleine Soccerhalle werden aktuell gebaut, ein zweiter Rasenplatz soll bald folgen.

Duales System im Fußball

Der Presseraum befindet sich auf einer ehemaligen Kegelbahn. Dank holzgetäfelter Wände und rustikaler Einrichtung ist kaum zu erkennen, ob hier ein Landes- oder Drittligist seine Pressekonferenzen abhält. Die Haupttribüne grenzt an ein großes Blockhaus - die Loge der Aspacher. Viele VIPs verzichten gar auf ihre Sitzplätze und beobachten die Spiele lieber von der großen Terrasse aus. Zwei Stunden nach Abpfiff schließt der VIP-Bereich, dann finden hier Hochzeiten statt. Der Verein pflegt sein Dorf-Image.

Fast alle Spieler gehen neben dem Sport noch einem Beruf nach. Auf den "dualen Weg" legt Geschäftsführer Deters viel Wert. Etwa 15 bis 25 Stunden in der Woche verbringen die Spieler in Betrieben oder an der Uni. Bei Sponsorenverhandlungen werden immer auch Ausbildungsplätze mit ausgehandelt. Das hat auch sportliche Vorteile, findet Trainer Rehm. "Die Spieler sind ausgeglichener", sagt er, die Kicker würden "nicht so lange über Niederlagen nachdenken".

Rehm selbst ist der Architekt des aktuellen Erfolgs. Wenn er über die Taktik seiner Mannschaft redet, spricht er viel von Mustern, die er seinen Spielern an die Hand geben und mit denen er sein Team jedes Jahr ein bisschen besser machen will. Seine Mannschaft besteht, ähnlich wie in Darmstadt, aus vielen Spielern, die andernorts durchs Raster gefallen sind. Wie etwa Torwart Christopher Gäng, der unter Depressionen litt und zweitweise in der Oberliga für Lok Leipzig spielte. Oder Max Dittgen, der einzige Star in einer ansonsten homogenen Truppe. Der U20-Nationalspieler kam beim 1. FC Nürnberg nicht über die zweite Mannschaft hinaus und zeigt jetzt in Aspach sein Potenzial. Ein Gespräch mit Rehm habe ihn vom Wechsel aufs Dorf überzeugt, verrät er.

In Aspach freuen sie sich, dass sie mit Dittgen wieder ein Talent ausgegraben haben. Und sie wissen auch: Ewig werden sie ihn nicht halten können. Das ist die Kehrseite der Dorf-Idylle. Der Erfolg frisst regelmäßig seine Kinder. Er könne sich schon vorstellen, noch ein Jahr hier in der dritten Liga zu kicken, sagt Dittgen. Klar ist jedoch auch: Nur die Perspektive einer höheren Liga wird ihn am Ende überzeugen können. Aber so schlecht sieht da ja gar nicht aus.



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hartmannulrich 22.12.2015
1. Einsiedlerhöfe?
Es werden wohl Aussiedlerhöfe gemeint sein. Eremiten sind in der Gegend selten.
AVFC1969 22.12.2015
2. umgekehrte Entwicklung
das ist schon bemerkenswert: Beim Handball dominierten früher die Dorf- bzw. Kleinstadtvereine (Großwaldstadt, Wallau-Massenheim, Leutershausen, Hüttenberg u.a.). Einer nach dem anderen verschwand in der Versenkung. Mit den kleinen Bällen wird nun hauptsächlich in größeren Städten erfolgreich geworfen. Im Fussball läuft es gerade umgekehrt. Statt Wuppertal, Offenbach, Herne oder Waldhof Mannheim haben es schon Sandhausen, Heidenheim (ehemals Aalen) und bald vielleicht Großaspach in die 2. Liga geschafft. Dabei ist sicher kein Zufall, dass die Anzahl der Großstadt-Vereine aus dem ehemals dominaten NRW schrumpft und die Anzahl der Klubs aus Bayern und Baden-Württemberg stets zunimmt - ob man das nun begrüßt oder eher nicht, ist eine andere Frage ....
jstawl 22.12.2015
3.
Zitat von AVFC1969das ist schon bemerkenswert: Beim Handball dominierten früher die Dorf- bzw. Kleinstadtvereine (Großwaldstadt, Wallau-Massenheim, Leutershausen, Hüttenberg u.a.). Einer nach dem anderen verschwand in der Versenkung. Mit den kleinen Bällen wird nun hauptsächlich in größeren Städten erfolgreich geworfen. Im Fussball läuft es gerade umgekehrt. Statt Wuppertal, Offenbach, Herne oder Waldhof Mannheim haben es schon Sandhausen, Heidenheim (ehemals Aalen) und bald vielleicht Großaspach in die 2. Liga geschafft. Dabei ist sicher kein Zufall, dass die Anzahl der Großstadt-Vereine aus dem ehemals dominaten NRW schrumpft und die Anzahl der Klubs aus Bayern und Baden-Württemberg stets zunimmt - ob man das nun begrüßt oder eher nicht, ist eine andere Frage ....
Ich wollte es gerade schon schreiben... Die Frage ist und bleibt: Warum schaffen es Vereine wie Heidenheim, Sandhausen, Aalen, Großaspach etc. , die zwar teils über einen Mäzen, aber nicht das große Geld verfügen (ich lasse Hoffenheim daher mal außen vor), während es andere Traditionsmannschaften mit einem Mehr an (Spieler-)etat nicht schaffen, mitzuspielen. Oder nehmen wir die Uni-Stadt-Vereine a la Freiburg, Mainz etc. Vllt. liegt es dann doch einfach am ruhigeren Umfeld und an der Mentalität des Süddeutschen, die heute in Zeiten des Wirtschaftens wichtiger ist als früher. Selbst Traditionsvereine, die einfach mal zur Bescheidenheit und Vernunft gekommen sind, wie z.B. Hertha und Köln, haben relativ schnell wieder Erfolg. Es ist eben doch so, dass Geld allein keine Tore schießt, insbesondere, wenn es um die Plätze außerhalb der CL-Gelder geht.
crazy_swayze 22.12.2015
4.
Zitat von AVFC1969das ist schon bemerkenswert: Beim Handball dominierten früher die Dorf- bzw. Kleinstadtvereine (Großwaldstadt, Wallau-Massenheim, Leutershausen, Hüttenberg u.a.). Einer nach dem anderen verschwand in der Versenkung. Mit den kleinen Bällen wird nun hauptsächlich in größeren Städten erfolgreich geworfen. Im Fussball läuft es gerade umgekehrt. Statt Wuppertal, Offenbach, Herne oder Waldhof Mannheim haben es schon Sandhausen, Heidenheim (ehemals Aalen) und bald vielleicht Großaspach in die 2. Liga geschafft. Dabei ist sicher kein Zufall, dass die Anzahl der Großstadt-Vereine aus dem ehemals dominaten NRW schrumpft und die Anzahl der Klubs aus Bayern und Baden-Württemberg stets zunimmt - ob man das nun begrüßt oder eher nicht, ist eine andere Frage ....
Trotz der Größe des Marktes ist der Fußball eben immer noch ein Dilettantenstadl - wo große Player normalerweise ihre Marktmacht weiter ausbauen, durch Know-How glänzen und der kleinen Konkurrenz die Mitarbeiter entlocken, so glänzen beim Fußball die Traditionsvereine hauptsächlich durch Inkompetenz, falsche Transferpolitik und schlechte Führung. Da ist es als kleiner, gut strukturierter Verein einfach, dagegenzuhalten. Bei den anderen Sportarten ist hingegen eher eine Professionalisierung erkennbar, der kleine Dorfverein mit ehrenamtlichen Mitarbeitern hat dort ausgedient.
Tomislav1980 22.12.2015
5.
Zitat von AVFC1969das ist schon bemerkenswert: Beim Handball dominierten früher die Dorf- bzw. Kleinstadtvereine (Großwaldstadt, Wallau-Massenheim, Leutershausen, Hüttenberg u.a.). Einer nach dem anderen verschwand in der Versenkung. Mit den kleinen Bällen wird nun hauptsächlich in größeren Städten erfolgreich geworfen. Im Fussball läuft es gerade umgekehrt. Statt Wuppertal, Offenbach, Herne oder Waldhof Mannheim haben es schon Sandhausen, Heidenheim (ehemals Aalen) und bald vielleicht Großaspach in die 2. Liga geschafft. Dabei ist sicher kein Zufall, dass die Anzahl der Großstadt-Vereine aus dem ehemals dominaten NRW schrumpft und die Anzahl der Klubs aus Bayern und Baden-Württemberg stets zunimmt - ob man das nun begrüßt oder eher nicht, ist eine andere Frage ....
Das stimmt auch nur zum Teil. Die Handballer aus der Provinz ziehen hauptsächlich aus Marketinggründen in die großen Städte bzw. nennen sich um. Z.B. sind die Rhein-Neckar-Löwen nicht wirklich Mannheimer, der TVB Stuttgart sind keine Stuttgarter, die Hamburger haben ihre Lizenz damals einem anderen Verein abgekauft...
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