Siegen-Stürmer Billy Reina Südwestfalen statt Sonneninsel

Als Billy Reina noch jung war, galt er als Hoffnungsträger mehrer Bundesligisten. Heute, mit 33, ist Reina bei den Sportfreunden Siegen in der Zweiten Liga gelandet. Und glücklich damit.

Von Martin Baumeister


Als Giuseppe Reina, genannt Billy, vor einigen Monaten vom Hauptstadtclub Hertha BSC zu den Sportfreunden Siegen gewechselt ist, hat das manchem interessierten Beobachter die Sprache verschlagen. "Provinz", urteilte die "Sport-Bild" über die kleine Großstadt (105.000 Einwohner) zwischen Sauerland, Rothaargebirge und Westerwald. "Provinz", räumt der Siegener Sportdirektor Rolf Bleck mit dem Stolz des Bodenständigen ein. "Provinz", sagt Billy Reina, "damit habe ich kein Problem."

Andere schon. "Was ist schlimmer als verlieren? Siegen!", ätzt ein Kalauer, der glauben macht, der Ort sei Siedlung gewordene Depression. Dabei ist die Idylle hier durchaus zu Hause. Die Höhenzüge rings um die Stadt glänzen golden, als wollten sie einen Landschafts-Wettbewerb gewinnen. Es riecht nach Herbst und frischer Luft. Irgendwo im Vorort Geisweid, in dem sich das Trainingsgelände der Sportfreunde befindet, plätschert ein Bach.

Die Beschaulichkeit dieses Heimatfilms wird sogar amtlich unterstützt. Ein Schild verbietet, in Blech gestanzt, "das Mitbringen und Benutzen jeglicher Lärminstrumente". Immerhin hat die Verpflichtung von Billy Reina für einiges Spektakel gesorgt. Gerade fühlt sich der 33-jährige Neuzugang aber nicht spektakulär, sondern eher hungrig und schlägt einen Lokaltermin beim Italiener vor. "Ihr könnt hinter mir her fahren", sagt Billy.

Während der viertelstündigen Kolonne fallen drei Dinge auf: Erstens säuft im Autoradio andauernd der Sender ab. Zweitens lässt Billy beim Anfahren nach einem Ampel-Stopp mindestens zwanzig Sekunden Grünphase ins Land gehen. Rücksicht auf die ortsfremden Gäste oder Indikator neuer Gelassenheit? "Ich bin ruhiger geworden", bestätigt Reina eine innere Wandlung nach zwölf Profijahren, "ich rege mich nicht mehr auf."

Als Egal-Mentalität soll das nicht verstanden werden. "Ich wollte diese neue Herausforderung", sagt er. Im Wörterbuch für Lizenzspieler steht dieser Satz unter "gebräuchliche Wendungen", doch dann fummelt er die Münze wieder aus dem Phrasenschwein. "Nein, ich glaube nicht, dass es mit dem ganz großen Fußball noch mal was wird. Aber ich will unbedingt noch ein paar Jahre spielen." Ein goldener Karriere-Herbst in Siegen? Kann man das so sagen? "Frühherbst", korrigiert Reina.

Kein Daimler mehr

Ach ja, drittens: Wo ist eigentlich sein Daimler? Dieses repräsentative 500-PS-Geschoss, das die "Sport-Bild" kürzlich auf dem Spielerparkplatz neben den putzigen Mittelklasse-Karossen seiner Kollegen fotografierte, als sei etwas aus dem All in Siegen gelandet. "Den habe ich abgegeben", erklärt der ehemalige Fahrzeugbrief-Inhaber ohne spürbares Bedauern.

Täglich pendelt Billy Reina zwischen seiner Heimatstadt Unna und Siegen. Das sind gute 100 Kilometer, ein Weg. "Jedes Mal, wenn ich vom Training kam, war der Tank leer. So viel kann ich gar nicht verdienen." Außerdem wolle er Neidgefühle gar nicht erst aufkommen lassen, begründet er den Entschluss, auf einen Diesel umzusteigen.

Siegens Promi-Italiener heißt nicht Raffaele oder Rossini, sondern Rimini und ist gar kein Promi-Italiener, sondern eine Pizzeria. Rustikales Einrichtungskonzept. Aus den Lautsprechern schmettert Freddie Mercury "It's a kind of magic". An den Wänden wechseln ländliche Szenen mit impressionistischen Darstellungen des weltstädtischen Paris. Alles in Öl.

Reina (2003 für Hertha gegen Bochums Freier: "Ich bin ruhiger geworden"
DPA

Reina (2003 für Hertha gegen Bochums Freier: "Ich bin ruhiger geworden"

Siegen hat einiges gemeinsam mit Berlin. Zum Beispiel die Städtepartnerschaft mit Spandau, eine Universität gibt es hier auch, eine Nicolaikirche und sogar einen Christopher Street Day. Trotzdem, Siegen ist nicht Berlin. Deshalb klingt die Erkundigung irgendwie höhnisch: Warum spielt Billy Reina eigentlich nicht mehr in der Metropole? "Gute Frage", lobt er, "das weiß ich bis heute nicht so richtig."

Wie vieles in Reinas Karriere hat es wohl auch mit Verletzungspech zu tun. Zwei Monate lang lässt es sich gut an bei der Hertha, dann reißt er sich im April 2004 das Kreuzband. Es folgen ein Muskelfaserriss, Kurzeinsätze, Rhythmusprobleme. Der auslaufende Vertrag zum Saisonende wird zu einem heimlichen Ultimatum. Zu einem sehr heimlichen, wenn man Reina glauben darf. "Man hat mir immer wieder signalisiert, dass man sich schon einig werden würde. Aber bis zum letzten Tag wusste ich nicht, ob verlängert wird oder nicht."

Billy belebt die Bielefeld-Connection, steht in engem Kontakt mit Trainer Thomas van Heesen. Ein Vertrag kommt nicht zustande. "Interne Probleme", schätzt Billy, "vielleicht lag es am Finanziellen." Reina erweitert seinen Aktionsradius. Dubai ist im Gespräch. Und er denkt daran, den Spuren seines früheren Bielefelder Kollegen Rainer Rauffmann zu folgen, der für Omonia Nikosia viermal zypriotischer Torschützenkönig wurde.

"Ich saß schon im Flieger nach Zypern, als der Anruf aus Siegen kam." Statt Sonneninsel also Südwestfalen, statt Hauptstadt Hinterland. Den Kulturschock will er nicht leugnen. "Wenn man eineinhalb Jahre in Berlin gelebt hat, weiß man, was man da hatte. Das fehlt mir", gesteht er. Das gelte für "außerhalb des Fußballs". Innerhalb des Fußballs spricht er von "14 oder 15 Trainingsplätzen, Rasenheizung, Schwimmbad, super Fitnessraum".

Billy Reina sitzt an einem Fensterplatz. Das harte Novemberlicht strahlt ihm ins Gesicht wie eine Verhörlampe. Er ist einer dieser Typen, die mit 23 schon so aussahen wie mit 33. Oder mit 33 immer noch für 23 durchgehen. Dass man ihn aus dem Adlon des deutschen Fußballs ausgecheckt hat, stört ihn nicht besonders. "Hier muss man sich seine Fußballschuhe selbst besorgen", sagt er, "wie in der Jugend."

Zufriedenheit über das Erreichte

Andauernd meldet sich sein Handy auf dem Tisch. Klingelton: die Titelmelodie der Fernsehserie "Magnum". Doch Billy Reina ist bewundernswert klingeltonresistent. Sein Gleichgewicht, das Spießer wie Magnums Kumpel Higgins hochnäsig für Phlegma halten würden, ist gut ausbalanciert. Zum Beispiel durch Zufriedenheit über das Erreichte. Deutscher Meister war er, 2002 mit Borussia Dortmund.

In respektabel großen Clubs hat er gespielt. "Ich will nicht sagen, dass ich das Maximum herausgeholt habe", sagt er, aber er hat sich nichts vorzuwerfen. "Vielleicht habe ich einfach zu spät mit dem Profifußball angefangen." Erst mit 21 wurde er von Hannes Bongartz entdeckt. Entscheidender noch waren die Verletzungen, die Reinas Laufbahn stets begleitet haben. Eine rätselhafte, langwierige Patellasehnen-Entzündung während seiner Dortmunder Zeit hat ihm eineinhalb Jahre bester Profifußballer-Ernte vermasselt.

Als "absolut tödlich" beschreibt Reina diese Zeit des quälenden Dialogs zwischen Knie und Kopf. Umso lebendiger fühlt er sich nun in Siegen. Bei den Sportfreunden trägt er die 54 auf dem Trikot, die höchste Rückennummer der zweiten Liga. "Nur so. Ohne Hintergrund. Aus Spaß." Der Spaßfaktor in Siegen sei hoch. Kein Vergleich zum Leistungsdruck und Konkurrenzkampf in Dortmund oder Berlin. "Mir geht es gesundheitlich gut, ich hab wieder richtig Bock auf Fußball", sagt Billy.

Endstadion Siegen für den ewigen Young Gun? "Ich habe aufgehört zu planen", bekennt er und zuckt mit den Schultern. "Vielleicht mache ich ja in der Rückrunde 15 oder 20 Hütten." Wieder das Mobiltelefon. "Jetzt muss ich aber mal dran gehen. Es scheint was Wichtiges zu sein", entschließt sich Reina. "Hallo?!" Er macht eine Pause. Dann sagt er leise: "Ich bin hier."



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