Siegreiche Spanier: Die Unvergleichlichen
Spanien ist derzeit das Maß aller Dinge im Weltfußball - das bekam Deutschland im Halbfinale zu spüren. Abgebrühte Abwehrspieler, ein überragendes defensives Mittelfeld und phantastische Stürmer machen die Mannschaft zum absoluten Titel-Favoriten.
Am Sonntag bekommt der Fußball einen neuen Weltmeister. Spanien und die Niederlande haben dem Weltfußball über Jahrzehnte großartige Momente und exquisite Spieler beschert. Allerdings gewannen beide noch nie den Weltpokal. Spanien war zweimal Europameister (1964 und 2008), Holland gewann 1988 die EM. Nun wird einer von ihnen Champion, als achte Nation überhaupt, nach Uruguay, Italien, Deutschland, Brasilien, England, Argentinien und Frankreich.
Nach den Eindrücken der Halbfinals scheinen die Spanier favorisiert. Sie ließen sich von nichts und niemandem von ihrem dominanten Spiel abbringen. Sie glänzen nicht mehr so wie noch 2008 bei der Euro, aber sie steigerten sich von Spiel zu Spiel. Sie fanden Sicherheit und im Verlaufe des Turniers auf jede Frage die passende Antwort - außer in der Auftaktpartie gegen die Schweiz, die sie sensationell verloren.
Dieses 0:1 gegen die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld war eine von Spaniens zwei Niederlagen in drei Jahren, die andere war das 0:2 im Confed-Cup 2009 gegen die USA. Seit 2007 haben die Spanier in 54 Spielen unter Luis Aragonés und Vicente del Bosque in 54 Spielen nur diese beiden Male verloren - bei 49 Siegen (davon einer im Elfmeterschießen) und zwei Unentschieden. Eine unvergleichliche Bilanz. Spanien, die Nummer zwei der Weltrangliste, galt vor dem Turnier als klarer Favorit. Nun steht das Team im Finale.
Warum das so ist, war am Mittwochabend in Durban zu beobachten. "Wir haben heute gesehen, was eine Top-Mannschaft ist. Da müssen wir noch ganz schön arbeiten", sagte der schwer enttäuschte Bastian Schweinsteiger, der als Letzter den Platz verließ, als die Spanier längst in der Kabine verschwunden waren. Schweinsteiger hatte alles versucht, ja, er konnte nicht so glänzen wie in den vergangenen Partien. Aber er gehörte erneut zu den Besten.
Nur: Zur Dialektik des Fußballs gehört ganz einfach das Prinzip von Wirkung und Gegenwirkung. Die Spanier waren nicht bereit zuzulassen, was England und Argentinien zuließen. Andersherum: Die Deutschen waren kaum einmal in der Lage, in Spaniens Abwehrblock, der in den vergangenen Spielen einige Schwächen offenbarte, Unheil anzurichten. Deutschland konnte nicht wirkungsvoll kombinieren, vielleicht weil diesmal der Mut fehlte, aber auch weil die Spanier das verhinderten.
Die Südeuropäer hatten Respekt vor den Deutschen, das war in den ersten Minuten deutlich zu beobachten, doch dann zogen sie ein Pressing ungeahnter Qualität auf, weit in der gegnerischen Hälfte. Damit ließen sie das deutsche Spiel nicht zur Entfaltung kommen und provozierten lange Pässe, die im Nirgendwo landeten oder vom zentralen Abwehrblock abgefangen wurden.
Natürlich ließen die Spanier den Ball wieder minutenlang zirkulieren. Die Passsicherheit war größer als in allen Spielen zuvor, wenngleich es die Deutschen ihrerseits zu verhindern wussten, dass Andrés Iniesta und Xavi ihre gefürchteten Bälle in die Lücken setzten. Das war, alles in allem, Abwehrarbeit auf hohem Niveau - aber eben nicht gut genug für die Spanier.
Denn beim Siegtreffer in Minute 73 durfte Carles Puyol von der Strafraumgrenze seelenruhig und unbedrängt Anlauf nehmen und den Ball mit einem lehrbuchreifen wuchtigen Kopfball versenken. Ja, es war nur eine Standardsituation. Doch Spanien hat das Tor geduldig erzwungen. Und: Galt es über Jahrzehnte nicht als Zeichen absoluter Professionalität und Kaltblütigkeit, Standards zu nutzen? Haben das nicht deutsche Mannschaften oft genug bewiesen?
Auf den defensiven Mittelfeldpositionen waren Xabi Alonso (Real Madrid) und Sergio Busquets (FC Barcelona) die entscheidenden Spieler. Sie eroberten Dutzende Bälle, schlossen alle Lücken und leiteten stets elegant und blitzschnell die nächsten Kombinationen ein. Auch Schweinsteiger lief sich oft an diesem perfekt harmonierenden Duett fest. Mögen andere für die Glanzpunkte gesorgt haben, Carles Puyol mit seinem Kopfballtor oder Pedro mit seinen Dribblings, mag Xavi zu Recht oder zu Unrecht als "Man of the Match" ausgezeichnet worden sein - Xabi und Busquets boten die perfekte Partie. Sie gaben der Selección Halt, sie waren der Schlüssel zum Sieg. Auf exakt jenen Positionen haben Schweinsteiger und Sami Khedira, besonders gegen Argentinien, aber auch gegen England, ähnlich herausragend agiert. In Durban aber fanden sie ihre Meister.
"Wir haben sehr gut gespielt, sie haben in jeder Hinsicht großartig gekämpft. Einige Spieler waren herausragend", sagte del Bosque (59 Jahre), der auch das Trainerduell gegen Joachim Löw (50) gewonnen hat. Es heißt, del Bosque möge keine Veränderungen, sei schwer von seinem Kurs abzubringen. Aber er hat sich im rechten Moment vom bislang enttäuschenden, an den Nachwehen einer Knie-Operation laborierenden Fernando Torres getrennt und stellte Pedro an die Seite von David Villa. Das war eine weitere Schlüssel-Personalie. Pedro beschäftigte die deutsche Abwehr phasenweise mehr als Villa, den Lahm relativ gut unter Kontrolle hatte. Pedro war mit seiner Ballsicherheit und Dribbelstärke ein Gewinn. "Pedro war beeindruckend", sagte David Villa. "Es war eine starke Partie gegen einen starken Gegner. Jetzt wollen wir Weltmeister werden."
Die Spanier haben nur kurz gemeinsam gejubelt, dann gratulierten sie den Deutschen. Es waren Gesten größten Respekts. Überhaupt war es eine außerordentlich faire Partie mit nur 16 Fouls (Deutschland neun, Spanien sieben) und ohne Verwarnung. Zyniker sagen, die Deutschen hätten richtig hinlangen und einige Karten riskieren müssen, um die Dominanz der Spanier zu brechen und Zeichen zu setzen. Das Deutschland der achtziger Jahre hätte vielleicht so agiert.
Doch das Deutschland unter Joachim Löw bevorzugt andere Methoden.
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