Rolfes zu Football Leaks "Berater sind die Brandbeschleuniger"

Simon Rolfes beschäftigte sich schon während seiner Bundesligakarriere mit Finanzfragen, 2012 machte er sich mit einer Beratungsagentur selbstständig. Die Football-Leaks sieht Rolfes als Chance, Standards für seine Branche einzuführen.

Fußballprofi Rolfes
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Zur Person
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    Simon Rolfes, 34, spielte bei Werder Bremen, Alemannia Aachen und in der Bundesliga zehn Jahre für Bayer Leverkusen, wo der Mittelfeldmann auch Nationalspieler wurde (26 Länderspiele). Rolfes, der derzeit parallel zwei Studien absolviert, machte sich 2012 zusammen mit dem Investoren und Finanzberater Markus Elsässer selbständig.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rolfes, Sie haben sich nach dem Profifußball gemeinsam mit einem Finanzexperten selbstständig gemacht, um Karrieren zu begleiten. Würden Sie Ihren Schützlingen Steuersparmodelle vorschlagen?

Rolfes: Nein. Das ist nicht unser Ansatz. Wir möchten Sportler ganzheitlich begleiten, dazu gehören auch die Finanzen. Aber zum einen sicher nicht im illegalen Bereich und zum anderen sind die Steuersparmodelle sehr schlechte Investments mit Bumerang-Effekt.

SPIEGEL ONLINE: Das sieht die Konkurrenz im Beratermarkt anders, wie die jüngsten Football-Leaks-Enthüllungen zeigen. Da wird hemmungslos getrickst, um die Millionen von Stars wie Ronaldo und Özil am Fiskus vorbeizuschleusen.

Rolfes: Das alles auf windige Berater zu schieben, die es ohne Zweifel gibt, ist mir zu einfach. Die Spieler sind erwachsen und somit für Ihre Entscheidungen auch verantwortlich. Das muss man auch mal hinterfragen. Bevor ich was unterschreibe, sollte ich es mir schon erklären lassen. Natürlich wirken diese Berater wie Brandbeschleuniger auf Spieler, die den Hals nicht voll bekommen und den legalen Weg verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Was sicher auch daran liegt, dass sich jeder einfach "Spielerberater" nennen darf.

Rolfes: Da wäre es sinnvoll, endlich mal Qualitätsstandards zu setzen. Das alte System, das die Fifa mittlerweile auch abgeschafft hat, einen Multiple-Choice-Test auszufüllen und dann eine sogenannte Lizenz zu bekommen, ist schon lange nicht mehr zeitgemäß.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten solche Standards aussehen?

Rolfes: Ein Studium zum Beispiel. Das würde sicher auch den Spielern bei ihrer Auswahl helfen. Nehme ich jetzt den ehemaligen Pizzabäcker oder jemanden, der das zwei Jahre studiert hat? Ich wüsste, wie ich mich entscheiden würde. Als 20-Jähriger kannst Du nicht das ganze Feld aus Sport und Finanzen überblicken. Deshalb haben die Berater - gerade im Umgang mit jungen Spielern - eine besondere Fürsorgepflicht, der die windigen unter Ihnen nicht nachkommen.

Darum geht es bei Football Leaks
    Die Enthüllungsplattform Football Leaks sammelt vertrauliche Daten und E-Mails zu den Geldflüssen im Fußball. So deckt sie illegale Zahlungen an Spielerberater und Investoren ebenso auf wie die Versuche, Millionen an der Steuer vorbeizuschmuggeln dank Offshore-Geschäften. Football Leaks schweigt zu seinen Quellen, hat die Dokumente allerdings dem SPIEGEL und anderen Medien im Verbund der European Investigative Collaboration zur Verfügung gestellt. Mit einem Umfang von 1,9 Terabyte handelt es sich um den bisher größten Datensatz im Sport.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst hatten auch einen Spielerberater ohne ein solches Studium. Nach welchen Kriterien haben Sie den ausgesucht?

Rolfes: Mir war es in erster Linie wichtig, dass er mich auch sportlich weiterbringen konnte. Darüber hinaus habe ich mich um viele Dinge selbst gekümmert. Das Thema Finanzen und Geldanlage habe ich unabhängig davon selbst gestaltet.

SPIEGEL ONLINE: Und dann ist man in der Kabine der Dumme, weil man sich an die Spielregeln hält, statt zu tricksen?

Rolfes: Das war bei uns nicht so. Über Finanzen wird in der Kabine kaum geredet. Bei Fußballern ist es wie im großen Teil der Bevölkerung: Die wenigsten interessieren sich großartig für Finanzen.

SPIEGEL ONLINE: Der Fußball erlebte ein finsteres Jahr. Die Weltverbände von Korruption durchsetzt, die EM kommerziell aufgebläht, die Megastars in schmutzige Geschäfte verwickelt. Wie kaputt ist diese Sportart?

Rolfes: Der Fußball muss aufpassen, dass er die Fans nicht für dumm verkauft. Aber es ist auch an der Zeit, dass die Fans ihren Vereinen und Stars nicht mehr alles durchgehen lassen. Die Toleranz der Fans ist viel zu hoch. Es schleicht sich eine gewisse Gleichgültigkeit ein. Unter dem Motto: "Das läuft ja eh alles nicht legal ab, da kann man nichts machen." Das ist gefährlich für den Fußball. Ich sehe aber in den Enthüllungen auch eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Die worin besteht?

Rolfes: In größerer Transparenz und Professionalität. Die Spieler werden sich künftig dreimal überlegen, ob sie ihre eigenen krummen Vertragsdeals in der Zeitung lesen möchten. In Teilen des Fußballbusiness scheint eine Sättigung einzutreten, die bei zu großer Unglaubwürdigkeit in Desinteresse münden kann. Dadurch würde der Markt wieder kleiner. Der Fußball wird auf Dauer also zu mehr Transparenz gezwungen sein.

SPIEGEL ONLINE: Das ist eine sehr positive Vision.

Rolfes: Die meisten Veränderungsprozesse beginnen mit etwas Negativem. Der Fußball hat jetzt die Chance zu einer Selbstreinigung hin zur Qualität und Professionalität. Die Verbände könnten doch die unseriösen Spielerberater einfach sperren, sodass die bei keinen Verhandlungen mehr am Tisch sitzen dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann umgeht man eine solche Sperre, indem man einfach Papa mit an den Tisch setzt. So wie im aktuellen Fall mit Julian Brandt bei Ihrem Ex-Verein Bayer Leverkusen, der sich ebenfalls nicht an Spielregeln gehalten hat.

Rolfes: Das ist sicher grenzwertig. Halb Europa war hinter Brandt her. Der Verein hat seine Chance genutzt. Auch wenn es diskutabel ist, aber so funktionieren zur Zeit noch Teile des Geschäfts.



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Seite 1
attac-pluto 12.12.2016
1.
Nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Brandbeschleunigung ist die Werbefinanzierung. Die hat auch die Fußballergehälter in unanständige Höhen getrieben.
rolleyes 12.12.2016
2. Wer bestellt, der bezahlt!
Das wäre ein Lösungsansatz für den Brandt-Fall. Ein Verein darf keinen Spielerberater bezahlen, damit der Berater auch tatsächlich den Spieler vertritt.
bluestar2000 12.12.2016
3. Alles der gleiche Über-Finanz-Dreck ...
Im "Kleinen" sind es die Spielergehälter und Transfers und im Großen die kompletten Finanzierungsmodelle der Vereine a la "Abramovich" und jetzt auch "Rote Brause Leipzig". Das ganz GEschäft ist mit der Pervertierung der Beträge pervers geworden. Aber ich geb zu, ich geh ja auch immer noch ins Stadion ...
cs01 12.12.2016
4.
Zitat von rolleyesDas wäre ein Lösungsansatz für den Brandt-Fall. Ein Verein darf keinen Spielerberater bezahlen, damit der Berater auch tatsächlich den Spieler vertritt.
Wenn ein verein einen Spielerberater bezahlt, dann sollte dieser Betrag auch korrekt als Lohn des Spielers versteuert werden. Damit würde schon einiges sauberer laufen.
nickellodeon 12.12.2016
5. Herr
Rolfes macht es sich ein wenig einfach. Wenn er sich um alles selbst gekümmert hat, wozu war noch ein Berater nötig? Ein Jurist für die Vertragsdetails wäre ausreichend. Wenn ich schon lese das ein Nationalmannschaft Manager und der Trainer ein Signing Fee erhält, einen Medien und Vertragsberater haben. Demnächst noch einen Profischuhputzer etc.
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