Von Lukas Rilke
Wo die offiziellen Fußballregeln enden, begann am Dienstagabend im Parken-Stadion in Kopenhagen ein Skandal. Nach einem Schiedsrichterball während der Partie zwischen Gastgeber FC Nordsjælland und Schachtjor Donezk (2:5) erzielte Luiz Adriano den 1:1-Ausgleich für die Ukrainer - und löste damit eine Welle der Empörung aus.
"Die Bösen haben den Sieg zusammengeklaut", schrieb die dänische Nachrichtenseite bt.dk und Nordsjællands Trainer Kasper Hjulmand warf Spielern, Trainern und Verantwortlichen des Gegners vor, "keinerlei Moral" zu haben. Sportchef Jan Laursen beschwerte sich: "Da quasseln sie uns alle die Ohren voll mit Fair Play und Respekt. Und dann sowas."
Im TV ereiferte sich Sky-Experte Lothar Matthäus über "eine Unsportlichkeit, die ihresgleichen sucht. Ich weiß nicht, was er (Luiz Adriano, Anmerk. d. Red.) sich dabei gedacht hat." Und selbst die ukrainische Sportpresse konnte sich über die vorzeitige Qualifikation Schachtjors nicht so recht freuen: "Schwer, auf Donezk stolz zu sein", titelte Liga.net.
Adriano selbst zeigte sich auch einen Tag nach dem Spiel wenig einsichtig. "Ich freue mich sehr. Wir haben gewonnen", sagte er vor dem Abflug in die Heimat der dänischen Zeitung "Ekstra Bladet". Er betonte, er sei glücklich über alle Tore, "auch über das erste".
Was genau war passiert? Es lief die 25. Minute der Champions-League-Partie zwischen Gastgeber FC Nordsjælland und Schachtjor Donezk, ein dänischer Spieler musste behandelt werden, der französische Unparteiische Antony Gautier unterbrach das Spiel. Kurz darauf ging es mit einem Schiedsrichterball weiter.
Die Regeln schreiben kein Fair Play vor
Man kennt das Prozedere aus der Bundesliga und bis hinab in die Kreisligen. Der Schiedsrichter gibt den Ball frei und ein Spieler der Mannschaft, die zum Zeitpunkt der Unterbrechung nicht im Ballbesitz war (in diesem Fall Donezk), spielt zurück zum Gegner. In den Regeln verankert ist dies allerdings nicht, beim Deutschen Fußball-Bund lautet die offizielle Formulierung dazu: "Das Spiel ist fortgesetzt, wenn der Ball den Boden berührt."
Donezk-Mittelfeldspieler Willian hatte noch den Fair-Play-Gedanken im Kopf, als er einen langen Pass in Richtung Nordsjælland-Tor schlug - Luiz Adriano aber nicht. Der 25-Jährige setzte zum Erstaunen der dänischen Spieler nach, umkurvte den nur halbherzig verteidigenden Torhüter Jesper Hansen und schob zum Ausgleich ein.
Ein gellendes Pfeifkonzert begann, Nordsjællands Spieler schienen ob der Aktion regelrecht perplex. Solche Szenen haben selbst im Profi-Fußball Seltenheitswert, wo ansonsten jeder noch so kleine Vorteil genutzt wird und moralische Bedenken selten im Vordergrund zu stehen scheinen.
Trainer Hjulmand sagte später, dass Adriano vom Platz hätte geschickt werden müssen. "Wir reden immer von Fair Play - ich denke eine Rote Karte für Adriano wäre angemessen gewesen."
Doch Schiedsrichter Gautier ahndete keine der Aktionen, Adriano blieb auf dem Platz und erzielte sogar noch zwei weitere Tore und twitterte später fröhlich Jubelbilder von sich. Ob diese Freude dem 25-Jährigen noch vergehen wird, ist ungewiss. Auch die europäische Fußball-Union Uefa nahm bisher noch nicht Stellung zu möglichen Strafen. Man wolle Gautiers offiziellen Spielbericht abwarten, hieß es. Dieser muss innerhalb von 24 Stunden nach Spielende eingereicht werden.
"Von Respekt haben wir heute nichts gemerkt"
Ausgerechnet im so auf Fairness bedachten England gab es einen ähnlichen Vorfall. Arsenals Marc Overmars hatte die Gemüter erhitzt, als er in der Saison 1998/1999 im FA Cup gegen Sheffield United zum 2:1 traf, anstatt den Ball zurückzuspielen. Damals gab es ein Wiederholungsspiel, das ebenfalls Arsenal gewann.
Unvergessen ist eine Aktion im niederländischen KNVB Cup 2006, als Ajax Amsterdams Jan Vertonghen im KNVB Cup gegen Cambuur-Leeuwarden aus Versehen mit einer Rückgabe traf. Im Gegenzug ließ man den Gegner ein Tor schießen - was diesem aber nur mit viel Mühe gelang, wie diesesYouTube-Video zeigt.
In Kopenhagen wollten Adrianos Teamkollegen den Dänen im Gegenzug ebenfalls freie Bahn für ein geschenktes Tor lassen, doch auch mit dieser fairen Geste konnte sich der brasilianische Angreifer nicht so recht anfreunden. Wild gestikulierend forderte er seine Mitspieler auf, den zunächst unbehelligt auf das Gäste-Tor zulaufenden Nicolai Stockholm zu stoppen. Donezk Taras Stepanenko gehorchte und grätschte dem Dänen den Ball ab.
Donezk-Trainer Mircea Lucescu war der doppelt unfaire Auftritt seiner Elf sichtlich unangenehm. "Ich entschuldige mich für das Tor, das so viele Diskussionen ausgelöst hat. Wir wollten dem Gegner sofort die Gelegenheit für ein Tor im Gegenzug geben. Aber das hat einer unserer Spieler verhindert", so der Rumäne.
Stockholm, Nordsjællands Kapitän, sagte: "Wir dachten sie würden uns nun ein Tor schenken. Die eine Hälfte ihrer Mannschaft schien genau so gedacht zu haben - aber die andere nicht." Er habe nach dem Tor auf den offiziellen Champions-League-Aufnäher auf seinem Ärmel geschaut, so Stockholm: "Da steht etwas von Respekt - leider haben wir heute davon nicht viel gemerkt."
Mit Material von dpa
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