Skandal um WM-Vergabe Blatters brutalstmögliche Aufklärung

Die Fifa hat mit der Suspendierung zweier hochrangiger Funktionäre das einzig Mögliche getan. Zu groß war der Imageschaden, zu eindeutig die Beweise für Fehlverhalten. Transparenz ist durch diese Entscheidung und die vorläufige Sperre vier weiterer Offizieller noch lange nicht im Verband eingezogen.

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Claudio Sulser hat in seiner Zeit als Spieler viermal die Schweizer Meisterschaft geholt, er war europäischer Torschützenkönig, 1982 wurde er zum Fußballer des Jahres in der Schweiz gewählt. Einer, der die schönen Seiten des Fußballs ausgekostet hat.

Am Mittwochabend waren diese schönen Seiten ganz weit weg.

Sulser ist mittlerweile Vorsitzender der Ethikkommission des Weltverbandes Fifa, und er hatte am Abend die Suspendierung zweiter hochrangiger Fifa-Funktionäre zu verkünden. Dieser "traurige Tag für den Fußball", wie Sulser sich ausdrückte, war damit allerdings ein eher guter für die Fifa. Der Verband, dem immer wieder vorgeworfen wird, Unangenehmes unter den Tisch zu kehren, hat diesmal zumindest schnell gehandelt.

Zu nachhaltig wäre allerdings auch der Imageschaden gewesen, wenn die Fifa nicht auf die Vorwürfe gegen ihre zwei beschuldigten Mitglieder des Exekutivkomitees reagiert hätte. Zu eindeutig war zudem auch die Beweislage gegen den Nigerianer Amos Amadu und Reynald Tamarii aus Tahiti. Beide waren geradezu fahrlässig naiv zwei verdeckt recherchierenden Reportern der "Sunday Times" aufgesessen, denen sie ihre Bereitschaft signalisiert hatten, ihre Stimme bei der Vergabe künftiger Fußball-Weltmeisterschaften zu verkaufen. Das Ganze war auch noch für alle Welt auf Video festgehalten worden und damit ohnehin nicht mehr totzuschweigen.

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Weltfußballverband Fifa: Sepp Blatter und seine Vizes

Angesichts dieser Belege sahen wohl auch die Fifa-Oberen keine andere Möglichkeit mehr, als Sanktionen zu verhängen und die Fifa damit nach außen als durchgreifendes Gremium darzustellen. Neben Tamarii und Amadu wurden vier weitere Offizielle vorläufig von ihren Fifa-Ämtern entbunden, es handelt sich bei ihnen um einen Funktionär des pazifischen Inselstaats Tonga und drei Fifa-Offizielle aus Afrika.

Es sei die Pflicht der Fifa, den Fußball "vor jeglicher Manipulation und schlechtem Verhalten zu schützen", befand Verbandsboss Joseph Blatter anschließend. Das klingt ein wenig nach der brutalst möglichen Aufklärung, die einst der hessische Ministerpräsident Roland Koch den Vorwürfen in der CDU-Spendenaffäre angedeihen lassen wollte. Blatter will sich als konsequenter Sanierer darstellen - nachdem er zwei Tage zuvor noch die klassischen Reflexe seines Verbands gezeigt hatte und sämtliche Mitglieder des Komitees, dem unter anderem auch Franz Beckenbauer angehört, zum Stillschweigen in dieser Angelegenheit verdonnert hatte.

"Glauben Sie mir, dass wir in diesem Hause alles getan haben, um eine faire Entscheidung im Sinne des Fußballs zu fällen", bemühte sich Sulser um Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig betonte er aber, man wolle um jeden Preis den Eindruck verhindern, dass die Sache in ein "öffentliches Tribunal" über die zwei Beschuldigten verwandelt würde. Sulser legte mehrfach Wert auf die Feststellung, dass die Suspendierung vorläufigen Charakter habe, schließlich sei man "noch mitten in den Untersuchungen" - und ob weitere Exekutivmitglieder im Verdacht stünden, käuflich zu sein, das seien ohnehin "zurzeit nichts als Gerüchte".

Am Termin des 2. Dezember, an dem das Exekutivkomitee sowohl den Austragungsort der WM 2018 als auch den von 2022 beschließen will, will die Fifa jedenfalls festhalten - aller Kritik zum Trotz, beide Weltmeisterschaften gleichzeitig zu vergeben und dies auch noch hinter verschlossenen Türen zu tun. "Glauben Sie etwa, man könnte so etwas in aller Öffentlichkeit verhandeln?", frage Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke. Für den Moment habe man getan, was zu tun ist. Man sei entschlossen gegen Verstöße gegen das Fifa-Ethikreglement vorgegangen, "hier herrscht bei uns eine Null-Toleranz-Politik", so Sulser.

Pressekonferenz mit zwei Stunden Verspätung

Dass diese durchzusetzen dem Verband nicht leicht gefallen war, hatte man schon vor dem Urteilsspruch der Kommission geahnt. Die für 18 Uhr angesetzte Pressekonferenz im Fifa-Hauptquartier in Zürich wurde immer weiter nach hinten verschoben, erst mit zweistündiger Verspätung waren Sulser und Valcke vor die Presse getreten. Um sich dort für den Verband wenig erbauliche Fragen der Journalisten anhören zu müssen. Warum man den Nigerianer Adamu überhaupt noch im Gremium der 24 Exekutivmitglieder geduldet habe, wo der afrikanische Vertreter doch bereits vor zwei Jahren wegen Korruption aus seinen nationalen Ämtern geflogen sei, wollten die Reporter wissen. Und ob sich nicht durch die Ereignisse der vergangenen Tage der Eindruck verfestige, dass "die Fifa als solches ein korruptes Unternehmen" sei.

Das ging dem Generalsekretär bei allem zur Schau getstellten Aufklärungswillen dann doch zu weit. "Wenn Einzelne Fehler machen, bedeutet das doch schließlich nicht, dass der ganze Verband korrupt ist", so Valcke: Wenn man so denken würde, dann "wäre ja die ganze Welt korrupt".

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Trashosaurus 17.10.2010
1. Wenn wunderts
Wundert es noch jemand das in einem internationalen Konsortium, in welchem ein machtgeiler alter Schweizer herrscht, wie ein afrikanischer Diktator, die kleineren Räder der Entscheidungskette ebenfalls dem großen Zampano nacheifern? Blatter verkörpert wie kein zweiter, dass die FIFA und die von ihr vergebene WM zu aller erst im Interesse des Geldes handelt. Der Fussball / Sport, diejenigen die ihn betreiben und diejenigen welche ihn anschauen müssen hinter monetären Interessen zurücktreten. Außerdem gilt für die Fifa das gleiche wie für andere internationale Verbände und Organisationen. Man schaue sich das Gemauschel und die Korruption in der internationalen Walfangbehörde (IWC) oder das gebaren des IOC (Olympische Spiele) an. Hier werden die systematisch die Stimmen von afrikanischen und karibischen Staaten gekauft. Dagegen unternommen wird wenig. Es wäre doch sehr sinnvoll, solchen Staaten für 2-4 Jahren die Mitwirkung bei Entscheidungen zu verbieten, wenn Sie der Bestechung bzw. Vorteilnahme überführt werden.
ratxi 17.10.2010
2. Wieso?
Zitat von sysopHochrangige Fußballfunktionäre stehen unter dem Verdacht, ihre Stimmen zur WM-Vergabe zu verkaufen. Schon in der Vergangenheit gab es Gerüchte um korrupte Fifa-Funktionäre. Glauben Sie, dass in der Fifa unabhängig entschieden wird?
Jeder nimmt doch, was er kriegen kann. Ist es nicht das , was wir alle von klein auf lernen?
.link 17.10.2010
3. ach...
...Deutschland hat die WM doch auch nur aufgrund eines kleinen aber feinen Geschenkkorbes bekommen ;)
Koltschak 17.10.2010
4. "Mitgliedern ist es untersagt, Dritte zu bestechen"
Vielleicht haben ja Persohnen ohne Glied versucht die Funktionäre zu kaufen. Dann wäre es ja Rechtens.
ricocoracao 17.10.2010
5. .
..bei der FIFA und auch dem IOC ist das doch normal, wieso nun diese Aufregung ?
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