Slomka auf Schalke Unbeliebt, isoliert, entlassen

Zermürbt vom eigenen Club: Vorbehalte gab es gegen Mirko Slomka seit dessen erstem Arbeitstag auf Schalke - und sie verstärkten sich stetig. Mit seiner kühlen Art gewann er keine Freunde und verlor dann noch die Unterstützung seines letzten Fürsprechers.

Von , Gelsenkirchen


Nun hat das ewige Aufwiegen von Argumenten ein Ende auf Schalke. Mirko Slomka ist entlassen, nachdem er über viele Monate das ewig gleiche ergebnislose Spiel spielen musste: Der Trainer hantierte mit Fakten, 2006 habe er das Halbfinale des Uefa-Cups erreicht, 2007 sei seine Mannschaft Zweiter in der Bundesliga geworden, 2008 erreichte sie das Viertelfinale in der Champions-League – besser war kein Club mehr, seit Bayer Leverkusen 2002 im Finale stand. Doch im Alltag reichten stets zwei sieglose Spiele, um eine schrille Diskussion um seinen Posten zu entfachen.

Es waren die hohen ästhetischen Ansprüche an das Spiel der Mannschaft, vor allem aber Gefühle, die diese Dynamik befeuerten. Nach der schlimmen Niederlage von Bremen fasste Slomka diese unendliche Auseinandersetzung so zusammen: "Die Diskussionen beschränken sich ja auf gewisse Gruppierungen, die etwas gegen mich haben. Wenn man die Fakten betrachtet, waren wir vor diesem Spieltag Zweiter in der Liga und bis letzte Woche unter den besten acht in Europa - und trotzdem wurde ständig über mich diskutiert."

Die "Gruppierungen", von denen der Trainer spricht, sind Journalisten und andere eng an den Club gebundene Beobachter, die in ihrer grundlegenden Skepsis zuletzt immer mehr von Präsident Josef Schnusenberg und vom mächtigen Aufsichtsratschef Clemens Tönnies gestützt wurden. Für Slomka war dieser ewige Widerstand aus den eigenen Reihen – denn auch viele der Berichterstatter pflegen große Sympathien für den Club – zutiefst ermüdend. "Ich habe keine Lust mehr, mich zu verteidigen. Entweder man sieht die Qualität, die ich als Trainer habe oder auch nicht, aber ich stelle mich nicht jede Woche hin und lasse über meine Person diskutieren", war einer der letzten Sätze, die Slomka als Schalker formulierte. Das klang nach einem langen, zähen Kampf, den die Clubchefs in der Nacht zum Sonntag für beendet erklärten. Am Morgen verabschiedete Slomka sich von der Mannschaft und räumte sein Trainerzimmer. Vielleicht war es auch eine Erleichterung für den 40-Jährigen.

Denn praktisch seit seinem ersten Arbeitstag, an dem der kurz vor seiner Ablösung stehende Manager Rudi Assauer despektierlich erklärte, "auf Slomka wäre ich nicht gekommen", gab es erhebliche Vorbehalte gegen den Trainer. Viele von den Berichterstattern, die täglich nach Gelsenkirchen fahren, mochten den meist verbindlichen, aber nie herzlichen Mann einfach nicht. Slomka reagierte auf diese Wand der Skepsis immer öfter barsch, wirkte arrogant in seiner Freundlichkeit – woraufhin sich die Abneigung gegen diesen kühl auftretenden Übungsleiter immer weiter steigerte. Diese Entlassung ist auch Folge einer Stimmung, die sich über viele Monate ergeben hat, und die irgendwann übermächtig wurde.

Hinzu kommt indes die fachliche Kritik. Seine Mannschaft habe sich sportlich nicht weiterentwickelt, wird Slomka vorgeworfen, er erwiderte darauf immer wieder, "unter mir sind Spieler wie Rakitic, Jones, Rafinha oder Westermann zu Nationalspielern geworden". Einen Kreativspieler wie Lincoln, der den Club im Sommer 2007 verließ, könne man sich "nicht backen", daher der Mangel an Esprit im Spiel. Slomka hat das Geld für so einen Mann nicht bekommen, und deshalb kann der Vorwurf einer fehlenden Entwicklung auch gegenüber Manager Andreas Müller erhoben werden.

Müller hatte bis zuletzt für Slomka gekämpft, während der ersten ernsten Demissionsversuche zu Beginn der Rückrunde ist er noch sehr kritisch mit Schnusenberg und Tönnies umgegangen, als diese die Qualitäten des Trainers öffentlich anzweifelten. Nun ist der Manager eingeknickt. "Zuletzt gab es auch bei mir eine Tendenz, die Zusammenarbeit mit Mirko nach dieser Saison zu beenden", ließ Müller am Sonntag ausrichten. "Nach dem gestrigen Spiel bei Werder Bremen ist dann bei mir die Entscheidung gereift, diesen Schritt vorzuziehen." Möglicherweise musste er seinen eigenen Kopf retten, denn die Verantwortung für die umstrittene Transferpolitik trägt auch Müller, nun steht erstmal wieder das Trainerthema im Mittelpunkt.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Schalke ein hochkompliziertes Arbeitsfeld darstellt. Eigentlich verschanzten sich alle Schalker Trainer seit Huub Stevens schon nach wenigen Wochen in einer chronischen Verteidigungshaltung. Mal fehlte der Erfolg (Frank Neubarth, Marc Wilmots), mal gelang es nicht, die erforderliche Durchschlagskraft zu entwickeln (Jupp Heynckes), oder Manager Assauer und Teile des Umfelds hatten ein persönliches Problem mit dem Übungsleiter (Ralf Rangnick). Wer unter diesen Bedingungen ein geeigneter Nachfolger werden könnte, ist daher eine viel spannendere Frage als die Zukunft des Duos Mike Büskens und Youri Mulder, die das Team interimsweise bin zum Ende der laufenden Saison betreuen sollen.

"Youri und ich haben ja gemeinsam einige Jahre gezockt. Von daher ticken wir da ähnlich. Jetzt geht es darum, dass wir für den Verein das Beste tun", sagte Büskens der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Büskens besitzt eine Lizenz als Fußball-Lehrer und coacht seit 2005 die zweite Schalker Mannschaft in der Oberliga Westfalen. Er absolvierte insgesamt 257 Bundesligaspiele für Schalke. Mulder, der dem SO4-Profikader von 1993 bis 2002 angehörte, war zuletzt als Experte für den niederländischen Fernsehsender NOS tätig.



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