WM-Chancen von Sven Ulreich Bloß nicht die Harmonie stören

Seit Wochen besticht Sven Ulreich beim FC Bayern durch starke Leistungen. Die Rufe, den Tormann für die WM zu nominieren, werden lauter. Aber der Bundestrainer könnte sie überhören.

REUTERS

Von


Er hatte als routinierter Bundesliga-Torwart mit dem Thema Nationalmannschaft eigentlich abgeschlossen. Doch dann hat er beim FC Bayern im Verein so starke Leistungen gezeigt, dass seine Nominierung in der Öffentlichkeit massiv gefordert wurde. Schließlich gelte das Leistungsprinzip, da habe er sich die Turnierteilnahme verdient, so der Appell an Joachim Löw

Der Bundestrainer gab nach. Hans Jörg Butt fuhr als dritter Schlussmann mit zur WM 2010 nach Südafrika.

Es scheint so, als würden sich die Dinge acht Jahre später wiederholen. Wieder ein Bayern-Torwart, der mit der Nationalelf in den vergangenen Jahren nichts zu tun hatte. Wieder eine ganz starke Saison, gipfelnd in der überragenden Leistung im Pokalhalbfinale in Leverkusen. Wieder der lautstarke Appell an Löw in Sachen WM-Nominierung.

Aber in diesem Fall könnte es gut sein, dass sich der Bundestrainer anders entscheidet.

Niemand wird bestreiten, dass Ulreich eine sehr starke Saison absolviert, zu Beginn der Spielzeit als Überbrückungslösung gehandelt, bis Stammkeeper Manuel Neuer seinen Fußbruch auskuriert habe. Je länger sich die Genesung Neuers hinzog, umso mehr wuchs Ulreich in die Rolle des Rückhalts. Dem Selbstbewusstsein des 29-Jährigen konnte man beim Wachsen zugucken. Mittlerweile kommen die Lobeshymnen von allen Seiten, aus der Mannschaft, aus den Medien, aus der Vereinsspitze. Wenn ein Bayern-Spieler gelobt wird, ist die Forderung nach der Nationalmannschaft nicht weit.

Es zählt nicht nur die Leistung

Bei der Nominierung von (Reserve-)Torleuten für die WM ist allerdings das Leistungsprinzip nicht immer maßgeblich. Zumindest nicht bei Löw, dem eine stabile Hierarchie und vor allem ein störungsfreies Klima innerhalb des Teams wichtig sind. Wenn es Manuel Neuer noch in den Kader schaffen sollte und aus medizinischer Sicht nichts gegen seinen Einsatz spricht, ist diese Hierarchie ohnehin stabil: Neuer ist die Nummer eins, der in dieser Spielzeit so starke Torwart Marc-Andre ter Stegen (Barcelona) dahinter die Nummer anderthalb.

Hinter Neuer und ter Stegen wäre die Position für den Torwart Nummer drei dann mehr oder weniger frei wählbar - einfach deswegen, weil er im Turnierverlauf ohnehin nur ein Zählkandidat ist. Diesen Platz könnte dann auch Ulreich einnehmen - obwohl Löw wohl eher den treuen Bernd Leno von Bayer Leverkusen für sein jahrelanges Hintenanstehen belohnen würde.

Fotostrecke

17  Bilder
Ersatztorhüter im WM-Kader: Der dritte Mann

Muss Neuer aber trotz der in der Öffentlichkeit regelmäßig gestreuten Fortschritte seiner Gesundung auf das Turnier verzichten und ter Stegen aufrücken, würde sich hinter dem Barca-Keeper eine neue Konstellation auftun. Ter Stegen ist Stammtorwart bei einem der besten und berühmtesten Fußballteams der Welt, er hat in der Nationalmannschaft die vergangene Saison als unumstrittene Nummer eins durchgespielt. Dennoch wäre die WM - nimmt man mal den weniger hochwertigen Confed Cup des Vorjahres aus - sein erstes richtig großes Turnier.

Alles - nur keine Personaldebatte im Turnier

Nur ein Wackler in der Gruppenphase, eine folgenreiche Unsicherheit, die dann entstehende Drucksituation, und die öffentliche Debatte um den Torwart Nummer eins ginge los. Sie würde an Vehemenz noch gewinnen, wenn ter Stegen einen Bayern-Torwart mit dessen entsprechender Lobby in der Presse hinter sich wüsste. Die Ulreich-Rufe wären garantiert. Eher jedenfalls als die Rufe nach Leno oder Kevin Trapp.

Eine Personaldiskussion im Turnier - das ist so ungefähr das, was Joachim Löw am allermeisten hasst. Der Bundestrainer hat im Turnier den Tunnelblick, er braucht für sein Arbeitsklima ein Team, das intern komplett ruhig agiert. Mit dieser Strategie ist er vor vier Jahren Weltmeister geworden, keine Störfeuer, keine Querschüsse, wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern. Ulreich selbst wäre wahrscheinlich der Letzte, der von sich aus die Ansprüche an einen Startelfplatz beanspruchen würde, aber die Dinge würden in der Öffentlichkeit auch so ihre Dynamik erhalten.

Löw hat in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass er gegenüber dem Ruf der Öffentlichkeit stur sein kann. Dass er Lukas Podolski nibelungentreu von Turnier zu Turnier noch dann mitnahm, als man ihn außerhalb der Mannschaft längst als Leistungsträger abgeschrieben hatte. Der Bundestrainer redet zwar sehr viel vom Konkurrenzdenken, das er hochhalten müsse. Am Ende bevorzugt er aber doch die Spieler, denen er vertraut, die er durch und durch kennt, von denen er praktisch in jeder Situation weiß, wie sie reagieren. Schon ein dritter Torhüter, der die Harmonie ansatzweise stören könnte, auch wenn er es selbst gar nicht will, ist ihm da schon zu viel. Da nützt auch die beste Saisonleistung nichts.



insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Herr Bayer 18.04.2018
1. Ulreich muss mit
wenn Neuer noch nicht fit ist. Ter Stegen kann sich auch verletzen.
diebreuers 18.04.2018
2. Argumention Spon
Also mal kurz zusammengefasst, Ulreich dürfte also nicht mit falls Neuer noch verletzt sein sollte, weil der sehr fehlerarme Ter Stegen, falls er überraschenderweise doch einen Fehler machen würde, von der Presse in Frage gestellt werden würde da die Presse Bayernfans sind und deshalb Ulreich besser zuhause bliebe, obwohl er selbst ja keine Forderungen stellen würde, aber es möglich wäre dass ie Presse Unruhe hineinbrächte da Ulreich ja Bayernkeeper ist. Hihihi
peterw 18.04.2018
3. Und die CL?
Genau so interessant wäre es zu wissen, ob in einem eventuellen Champions league Endspiel ein Ulreich in Topform oder - Risiko! - ein nicht eingespielter Neuer im Tor stehen würde.
doppelnass 18.04.2018
4. Herr Ahrens
Meistens ist es so, dass mit "die Öffentlichkeit", die Medien gemeint sind. Ich wüsste nicht, wo die "Öffentlichkeit" von Löw was fordert. Die Stimmen, die immer lauter werden, sind meistens nichts anderes als Artikel.
ge1234 18.04.2018
5. Unabhängig ...
... davon, ob Neuer nun rechtzeitig wieder fit wird oder nicht, hat er fast ein Jahr lang kein Spiel mehr bestritten, insofern stellt sich die Frage gar nicht, ob Neuer als Nummer eins zurückkehrt, da m.E. auf alle Fälle ter Stegen zumindest bei dieser WM die Nummer eins sein muß. Deshalb kann es nur darum gehen, wer hinter ter Stegen die Nummer 2 oder 3 sein soll und da muß sich Jogi zwischen Leno, Neuer, Ulreich und Trapp entscheiden. Trapp hat genauso wenig Spielpraxis wie Neuer und sich durch sein schwaches Spiel gegen die Brasilianer auch nicht unbedingt für die N11 empfohlen, insofern bleiben hinter ter Stegen nur Leno und Ulreich übrig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.