Von Peter Ahrens
Das gängigste Urteil über die spanische Liga ist das von der Zweiklassengesellschaft. In der zweiten Klasse sitzen 18 Vereine, in der ersten Klasse zwei. Tatsächlich beträgt der aktuelle Rückstand des Tabellendritten FC Valencia auf Spitzenreiter Real Madrid beeindruckende 30 Punkte, auf den Zweiten FC Barcelona immerhin noch 24 Zähler.
Für die Halbfinalteilnahme in der Europa League reicht es dennoch locker.
Valencia steht ebenso in der Vorschlussrunde wie die Schalke- und Hannover-Bezwinger Atlético Madrid und Atletic Bilbao. Dazu kommen die Champions-League-Halbfinalisten Barça als Titelverteidiger und Real, der kommende Bayern-Gegner. Spanien ist im Europacup in diesem Jahr so dominant wie nie zuvor. Die Primera División ist mehr als nur Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.
Zwei von vier Teams in der Champions League, drei von vier in der Europa League - vor ein paar Jahren sah so ähnlich die Bilanz des englischen Fußballs aus. In dieser Spielzeit hält nur noch der FC Chelsea den Union Jack im Europapokal hoch - die spanischen Vereine haben das Kommando übernommen. Nie war der Name Primera División so passend, Spanien ist die Nummer eins in Europa.
Die Dominanz der großen Zwei stärkt auch die anderen Teams
Es scheint, dass die Dominanz der zwei ganz Großen auch die übrigen Clubs eher stärker als schwächer macht. Den Titelkampf können Mannschaften wie Valencia und Atlético frühzeitig abschreiben, also ist deren Konzentration auf den europäischen Wettbewerb gerichtet. Mit welcher Fulminanz der Liga-Elfte Bilbao in Gelsenkirchen aufspielte, mit welchem Furor Valencia den Tabellenzweiten der niederländischen Ehrendivision, AZ Alkmaar, in seine Einzelteile zerlegte - das muss Eindruck hinterlassen.
"Der spanische Fußball ist eine Freude", sagte am Donnerstagabend einer, der es wirklich wissen muss. Schalkes Stürmerstar Raúl prophezeite nach dem Aus der Königsblauen in Bilbao für diese Europacup-Spielzeit gar "rein spanische Endspiele" - in der Europa League kann dies höchstens Sporting Lissabon im Halbfinale gegen Bilbao verhindern.
In der Champions League sind Madrid und Barcelona zumindest Favoriten in ihren Partien gegen die Bayern und den FC Chelsea. Die Münchner Zuschauer sollten sich nicht grämen, wenn sie in ihrer Arena im Endspiel auf den FC Bayern verzichten müssen. Sie bekämen den Clásico geboten.
Auch Valencia und Atletico sind europäische Spitzenteams
Der Außenblick auf die spanische Liga ist durch Real und Barcelona mindestens getrübt, wenn nicht verzerrt. Diese beiden Teams sind dermaßen überragend, mit solchen außergewöhnlichen Fußballern gesegnet - sie würden vermutlich auch die Bundesliga oder die Serie A beherrschen. Dies ist den übrigen Vereinen und der Liga in der Vergangenheit oft als Schwäche ausgelegt worden. Da wirken die Vergleiche auf europäischer Ebene relativierend.
Auch Valencia, Levante, Malaga, Bilbao und Atlético Madrid sind europäische Spitzenclubs - trainiert von exzellenten Fachleuten. Wie dem Argentinier Marcelo Bielsa, dem zwar der Beiname El Loco (der Verrückte) anhängt, der aber Atletic Bilbao perfekt auf den Viertelfinalgegner Schalke 04 eingestellt hat. Oder dem jungenhaften Unai Emery, der den FC Valencia seit vier Jahren formt - und dabei den Abgang der Ausnahmespieler David Silva und David Villa fast problemlos verarbeitet hat.
Es ist nicht verboten, die spanische Vorherrschaft in Europa als einen Fingerzeig auf das Abschneiden bei der Europameisterschaft im Juni sehen. Spanien ist Titelverteidiger, und es spricht nicht viel dagegen, dass das Team von Trainer Vincente del Bosque auch 2012 triumphiert. Die Theorie, dass die Doppelbelastung durch Liga und Europapokal die spanischen Nationalspieler schwächen könne, muss schon als Hilfsargument herhalten, wer die spanische Favoritenrolle relativieren will.
Spanien ist Europameister, Spanien ist Weltmeister, Spanien stellt den Titelverteidiger in der Champions League. Die nächste Fiesta steht bevor.
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