Spaniens Sieg gegen Iran Ein Diego Costa gegen Tausende Vuvuzelas

Diego Costa galt nach der WM 2014 als gescheitert. Nun steht fest: Der Stürmer ist für Spanien plötzlich unverzichtbar. Gegen starke Iraner und den tosenden Lärm von den Rängen war er der entscheidende Spieler.

Diego Costa
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Szene des Spiels: Die vielen iranischen Fans im WM-Stadion von Kasan brüllten vor Freude, und die Ersatzspieler rannten von der Bank aufs Spielfeld. Es war ein explosionsartiger Jubel, als Saeid Ezatolahi den Ball aus kurzer Distanz ins Tor schoss. Es wäre der Ausgleich in der 62. Minute gewesen. Gegen Spanien, den Weltmeister von 2010, die Übermacht - doch im lauten Lärm der Iraner (mehr dazu unter "die Rückkehr") ging ein entscheidender Pfiff unter. Der iranische Torschütze stand im Abseits, der Treffer zählte nicht.

Ergebnis des Spiels: Am Ende verpasste Iran die große WM-Überraschung. Das Team des erfahrenen Trainers Carlos Queiroz verlor knapp 0:1 (0:0) gegen Spanien. Noch kann Iran das Achtelfinale erreichen. Spanien reicht ein Punkt gegen Marokko, um die Runde der letzten 16 Teams aus eigener Kraft zu erreichen.

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Spaniens Sieg gegen Iran: Der Stürmer für den Unterschied

Die Rückkehr: Der Sound der WM 2010 in Südafrika hat die Endrunde in Russland erreicht - Tausende Iran-Fans kamen mit Vuvuzelas zum Spiel. Wer sich nicht mehr erinnert: Die Vuvuzela ist ein Blasinstrument und gilt seit 2010 als Symbol des südafrikanischen Fußballs. Oder anders gesagt: Die Vuvuzela erzeugt ein dröhnendes Störgeräusch, ein nie enden wollendes "Döööö", gefühlt schlimmer als ein Tinnitus. Man muss diesen Lärm wirklich nicht mögen, aber die Atmosphäre in Kasan wirkte selbst vor dem TV-Bildschirm beeindruckend.

Die erste Hälfte: Ob sich die Spanier vom Krach auf den Tribünen gestört fühlten? Eher von der Defensivtaktik des Gegners, der phasenweise mit sechs Verteidigern im eigenen Sechzehner stand. Deswegen dauerte es, bis das klar überlegene Spanien zu einer guten Chance kam. In der 30. Minute schloss David Silva per Fallrückzieher ab - drüber. Kurz vor der Pause schoss der ManCity-Profi knapp links neben das Tor. Das waren die wenigen Szenen, in denen Spanien eine Anspielstation im Strafraum des Gegners fand.

Zweite Hälfte: Spanien erhöhte nach Wiederanpfiff den Druck und ging durch ein Tor von Diego Costa in der 54. Minute in Führung. Es war die Belohnung für Spaniens drückende Überlegenheit. Aber wer danach einen Kantersieg erwartete, wurde enttäuscht. Iran ging mehr Risiko, ohne in der Defensive in Gefahr zu geraten. Knapp zehn Minuten vor Abpfiff vergab Mehdi Taremi eine Großchance zum Ausgleich, es blieb bis zum Schlusspfiff spannend.

Das Phantom: Es gibt Spiele, in denen Diego Costa kaum auffällt, aber trotzdem seine Tore macht. Das war im ersten WM-Duell gegen Portugal der Fall: Der Atlético-Stürmer kam auf 30 Ballkontakte, schoss zweimal aufs Tor und erzielte zwei Treffer. Und so lief es im zweiten WM-Duell: 22 Ballkontakte, zwei Torschüsse, ein Treffer. Sein drittes Tor bei diesem Turnier war besonders kurios, der 29-Jährige wurde bei einem Klärungsversuch der Iraner angeschossen - der Ball war für Keeper Alireza Beiranvand unhaltbar.

Dank an den Ex-Trainer: Dass Diego Costa überhaupt noch in der spanischen Auswahl spielt, ist Ex-Trainer Lopetegui zu verdanken. Der kurz vor der WM entlassene Coach, der künftig Real Madrid trainiert, hatte den Stürmer während der WM-Qualifikation zurück in den Kader geholt. Ausgerechnet Costa, der als eher unbeweglicher Mittelstürmer angeblich nicht in das spanische System passen soll und nach dem WM-Debakel 2014 mit dem Vorrunden-Aus bereits als gescheitert galt. Genau dieser Costa scheint nun wichtiger denn je - er ist jetzt der Spieler, der den berühmten Unterschied ausmachen kann.

Diego Costa (rechts)
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Diego Costa (rechts)

Zitat des Spiels: Auch der neue Coach Fernando Hierro hat die Stärke Costas erkannt und sagte nach dem Spiel: "Diego arbeitet hart, aber er kann es noch viel besser machen. Er arbeitet so viel für die Mannschaft und hat deshalb nicht nur wegen seiner Tore eine große Bedeutung für die Mannschaft."

Ausblick: Portugal (vier Punkte) und Spanien (vier) sind die Favoriten auf das Weiterkommen in der Gruppe B. Diese Teams haben mit Cristiano Ronaldo oder Andrès Iniesta die Weltstars in ihren Reihen, ihre individuelle Klasse ist enorm und das Potential für eine weitere Formsteigerung während der WM vorhanden. In der ersten K.-o.-Runde würden Gastgeber Russland und Uruguay als Gegner warten.

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Ausblick II: Aber im Rennen ist eben auch noch: Iran. Das Team hat nach dem Auftaktsieg gegen das bereits ausgeschiedene Marokko noch die Chance auf die Sensation. Dafür braucht der Außenseiter einen Erfolg am kommenden Montag gegen Portugal (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Nach dem Auftritt gegen Spanien gehört diese Aufgabe zumindest nicht unter die Kategorie "Absolut ausgeschlossen" - ein kleines Wunder wäre dennoch notwendig. Für Irans Nationaltrainer Queiroz wird das Duell ein Wiedersehen mit der Heimat, der 65 Jahre alte Portugiese trainierte den EM-Sieger von 2016 in den Neunzigerjahren und zuletzt von 2008 bis 2010. Vielleicht hilft ihm das für die Mission Achtelfinale.

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ratx 20.06.2018
1. Lärm contra Fangesang
Der durch die Vuvuzelas verursachte Lärm bewirkte nach meinem Eindruck keine "beeindruckende Atmosphäre". Ich empfand diesen Lärm als sehr störend und unangenehm im Verlauf des Spiels. Hier hätte die ARD den Ton deutlich abregeln können. Wenn ich solchen Lärm mag, stelle ich mich neben eine Startbahn. Schade, wenn die Fans sich nicht anders bemerkbar machen wollen/können. Dem Ausscheiden der betreffenden Mannschaften sehe ich daher mit einer gewissen Freude entgegen. Der aufopfernde Kampfgeist der Iraner war erfrischend und ein schöner Gegensatz zum saturierten Schlaf-Fußball einer etablierten "Mannschaft"
stoffi 21.06.2018
2. Iran hatte
sicher mehr Kontakte mit den Füssen der Spanier, als mit dem Ball. Diese Fouls, immer auf die Füsse zu treten, hätte gleich gelb nach sich ziehen müssen. Versuchten die Spanier ihr Spiel aufzubauen, lag gleich ein Iraner schauspielernd am Boden. Sie haben kein gutes Spiel gezeigt. Man stellt nicht einen Bus ins Tor und lässt nur die anderen kommen. Schwache Leistung für ein Weltmeisterteam. Wenn sie nicht mehr können, haben sie da auch nichts zu suchen.
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