Von Lukas Rilke
Hamburg - Wenn in der Vergangenheit auf eines Verlass war beim FC St. Pauli, dann auf die Fans. Selbst in Regional- und Zweitligazeiten war die Unterstützung von den Rängen meist erstklassig.
Doch jetzt könnte ausgerechnet ein Zuschauer im eigenen Stadion den Kiezclub um den Klassenerhalt gebracht haben.
Als beim Stand von 0:2 (0:1) gegen Schalke 04 in der 88. Minute ein voller Bierbecher Schiedsrichterassistent Thorsten Schiffner im Nacken traf, brach Schiedsrichter Deniz Aytekin die Partie ab. Er habe "keine andere Wahl" gehabt, als das Match vorzeitig zu beenden, sagte Aytekin später. Schiffner wurde in die Kabine gebracht und von einem Arzt behandelt. Ihm gehe es den "Umständen entsprechend gut", hatte Aytekin nach dem Spiel erklärt. Später wurde Schiffner in einem Hamburger Krankenhaus untersucht, kehrte aber noch nachts ins Hotel zurück.
Eine knappe Stunde nach Spielende wurde noch im Millerntorstadion ein Tatverdächtiger dingfest gemacht und auf einer benachbarten Polizeistation vernommen. Der Mann streitet die Tat bislang ab und wurde am Samstag wieder auf freien Fuß gesetzt. Nun werden weitere Zeugen gesucht, die den Verdacht durch ihre Aussagen erhärten können.
Da es zum Zeitpunkt des Abbruchs 2:0 für Schalke stand, ist wohl davon auszugehen, dass die Partie auch mit diesem Ergebnis gewertet werden wird. Die Deutsche Fußball Liga DFL legt die Entscheidung den eigenen Statuten gemäß in DFB-Hände.
Für St. Pauli wäre die sechste Niederlage in Serie in den verbleibenden Minuten so oder so nicht mehr abzuwenden gewesen, zumal das Team nur noch mit neun Spielern auf dem Platz stand. Mit 28 Punkten aus 27 gewerteten Partien liegen die Hamburger derzeit auf Relegationsplatz 16. Doch nun droht nach dem Skandal auch noch eine Geldstrafe, ein "Geisterspiel" oder gar eine Platzsperre. Ob die DFB-Ermittlungen bereits am Wochenende beginnen oder erst am Montag aufgenommen werden, konnte DFB-Pressesprecher Ralf Köttker am Samstagmorgen noch nicht sagen. Sicher ist aber: Für St. Pauli werden die entscheidenden Wochen im Abstiegskampf besonders schwer.
St. Pauli mit schwerem Restprogramm im Abstiegskampf
Bereits direkt nach dem Spiel hatten die Clubverantwortlichen Stellung genommen. "So etwas geht gar nicht, da gibt es null Toleranz. Ich kann mich nur bei dem Linienrichter entschuldigen", sagte St. Paulis Trainer Holger Stanislawski am Freitagabend. Auch Sportchef Helmut Schulte bat um Entschuldigung, wies aber auch darauf hin, dass die St.-Pauli-Fans sonst einen guten Ruf genießen. "Für sie muss ich hier auch eine Lanze brechen. 99 Prozent von ihnen sind absolut in Ordnung, natürlich ist aber auch immer mal das eine oder andere schwarze Schaf darunter", so Schulte. Den Untersuchungen durch den DFB werde man sich stellen, fügte der Sportchef hinzu.
Auch wenn am Abend alles unter dem Eindruck des Abbruchs stand: Die 88 Minuten davor zeigten, dass es für St. Pauli extrem schwer werden wird, die Klasse zu halten. Bis auf eine kurze Phase nach der Halbzeitpause dominierten die Gäste aus Gelsenkirchen die Partie. Das Team von Trainer Stanislawski konnte sich kaum Torchancen erspielen, wirkte planlos und ungefährlich.
Zudem muss die Mannschaft im kommenden Spiel bei Bayer Leverkusen auf Fin Bartels (Rote Karte/78. Minute) und Jan-Philipp Kalla (Gelb-Rote-Karte/68.) verzichten, die des Feldes verwiesen wurden. Soll der Klassenerhalt gelingen, müssen im Saisonendspurt noch einige Punkte her. Doch das Restprogramm der Hamburger hat es in sich: Nach dem Duell mit dem Tabellenzweiten Leverkusen muss das Team noch nach Wolfsburg, Kaiserslautern und Mainz, außerdem stehen Heimspiele gegen Werder Bremen und Bayern München an.
Für die Partie gegen Schalke hatte sich Trainer Stanislawski extra eine Jacke mit dem Slogan "Ein Verein, Eine Mannschaft, Ein Ziel = 1. Bundesliga" bedrucken lassen. Seit dem Freitagabend ist das Ziel nun noch weiter in die Ferne gerückt.
FC St. Pauli - Schalke 04 (beim Stand von 0:2 in der 88. Minute abgebrochen)
0:1 Raúl (26.)
0:2 Draxler (66.)
St. Pauli: Pliquett - Bartels, Thorandt, Gunesch, Kalla - Boll (77. Bruns), Lehmann - Kruse, Takyi (82. Eger), Hennings (63. Naki) - Asamoah
Schalke: Neuer - Uchida, Höwedes, Metzelder, Sarpei - Kluge (75. Matip), Papadopoulos - Farfan, Baumjohann (46. Draxler) - Gavranovic (7. Edu), Raúl
Schiedsrichter: Aytekin
Zuschauer: 24.487 (ausverkauft)
Rote Karte: Bartels (St. Pauli, 78.) grobes Foulspiel
Gelb-Rote Karte: Kalla (St. Pauli, 68.) wiederholtes Foulspiel
Gelbe Karten: Thorandt (7) - Draxler, Papadopoulos (2)
Mit Material von sid und dpa
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