Spielermotivation Griff in die Psycho-Kiste

Brennende Appelle an die kollektive Ehre - das war einmal. Fußballprofis wollen heute individuelle Motivationshilfen. Das Magazin "11 FREUNDE" beleuchtet die Reiss-Methode. Sie ergründet, was einzelne Spieler zu Höchstleistungen anspornt: Ruhm, toller Sex - oder einfach nur Ruhe.

Von Dirk Gieselmann


Elf Freunde sollt ihr sein. Dieser Sinnspruch hing lange in den Kabinen, vergilbt, aber immer noch gültig. Trainer sahen ihre Mannschaft als homogene Gruppe: "Hört mal alle her!" Der Trainer sprach das Kollektiv an, packte es bei seiner Ehre. Bestenfalls wurden die Spieler nach ihrer taktischen Funktion und ihrem Alter unterschieden. Wer viele Tore schießt, darf auch mal was sagen. Wer am längsten dabei ist, wird Kapitän. Fertig war die Mannschaftshierarchie. Um die Befindlichkeit des Einzelnen scherte man sich wenig.

Jürgen Klopp in Mainz: Selbstversuch in Sachen Motivation
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Jürgen Klopp in Mainz: Selbstversuch in Sachen Motivation

Erst in den neunziger Jahren begannen die Übungsleiter, sich Gedanken zu machen, mit wem sie es genau zu tun hatten. Dieses Interesse lag jedoch weniger in der Nächstenliebe als in der Ökonomie begründet. Längst galt ein Profi als menschliche Ressource. Die Leistungsdiagnostik hatte Einzug gehalten, und weil durch die Feintarierung der Muskeln und Blutkörperchen nun jeder Spieler an seine körperlichen Grenzen stieß, suchte man nach neuen Wegen, um besser zu sein als die Konkurrenz.

"Wir müssen unsere Leistung abrufen" war ein Satz, der zu dieser Zeit oft gesagt wurde. Er ließ durchschimmern: Leistung ist nicht einfach da. Man braucht, wie wenn man seinen Kontostand abruft, einen Code, um an sie zu gelangen. Diesen vermutete man in der Psyche.

Was man damals allenfalls ahnte, weiß man heute: Wie viel Leistung ein Spieler abzurufen vermag, liegt an seiner Motivation - nicht nur an der augenblicklichen, sondern vor allem an der globalen, die der Ausübung seines Berufs zugrunde liegt. Gewinnen wollen alle; doch der Eine spielt groß auf, wenn es gegen den Erzrivalen geht, der Andere denkt an den nächsten Luxusschlitten, ein Dritter sieht sein Gesicht auf Postern in Jugendzimmern.

Familie, Status, Macht, Neugier, Rache, körperliche Aktivität, Essen, Ehre - das sind 8 von 16 fundamentalen Bedürfnissen, die der Psychologe Prof. Steven Reiss von der Ohio State University in den USA empirisch ermittelt hat. Seine Vermutung: Bei einigen Probanden sind sie nicht deckungsgleich mit dem, was sie selbst zu wollen glauben.

Reiss erkannte diese Kluft und machte es sich zum Ziel, Wollen und Handeln des Einzelnen zu harmonisieren. Dazu entwickelte er Evaluationsbögen, mit denen sich die zentralen Lebensmotive ermitteln lassen. Probanden müssen 128 vorgegebene Aussagen wie "Prestige ist sehr wichtig für mich", "Ich habe viele Sexphantasien" oder "Ich mag das Gefühl, dass meine Familie mich braucht" auf einer Skala von minus drei ("völlig falsch") bis plus drei ("stimmt völlig") bewerten. Die Ergebnisse ergeben ein Persönlichkeitsdiagramm, das sogenannte Reiss-Profil.

Jürgen Klopp war einer der ersten, die diese Methode auf den Fußball übertrugen. Der Trainer von Borussia Dortmund, damals noch bei Mainz 05, unternahm zunächst einen Selbstversuch, und das Ergebnis traf, wie er bemerkte, "zu 98 Prozent Klopp". Grund genug für ihn, auch die Spieler in den Zweikampf mit sich selbst zu schicken. Dabei kam heraus, dass viele hohen Wert auf die Familie legen. Klopp ließ also am Bruchweg eine Kinderbetreuung einrichten, die es den Spielerfrauen ermöglichte, ihren Männern beim Kicken zuzuschauen. Diese wiederum liefen unter den Augen ihren Partnerinnen zu Höchstform auf. Auch wenn der Effekt dieser Maßnahme sich nicht messen lässt, sie wird ihren Anteil daran gehabt haben, dass der FSV 2004 endlich in die Bundesliga aufstieg.

Und doch scheinen Teile der Fußballwelt die Sportpsychologie zu fürchten als sei sie Teufelswerk. An Peter Boltersdorf, einem Pionier der Reiss-Methode im deutschsprachigen Raum, machen sich die Ressentiments fest. Als er den Schalker Ex-Trainer Mirko Slomka beriet, nannte die "Bild"-Zeitung ihn den "geheimnisvollen Psycho-Flüsterer". Er habe Slomka in die Personalpolitik hineingeredet und sei mitverantwortlich für die verpasste Meisterschaft 2007. Die Möglichkeit, dass der Verein ohne Boltersdorfs Beratung schlechter abgeschnitten hätte, kam niemandem in den Sinn.

Es spricht Bände, dass damals der ehemalige S04-Manager Rudi Assauer der Schmähkampagne der "Bild"-Zeitung Vorschub leistete, als er unkte: "Ich habe gewarnt, sich ständig von Herrn Boltersdorf beraten zu lassen." Assauer als Sprachrohr einer Klientel, der Psychologie von Grund auf suspekt ist.

Ralf Rangnick, Übungsleiter von Bundesliga-Aufsteiger Hoffenheim und Verfechter moderner Trainingsmethoden, stimmt mit Assauer nicht überein. Rangnick sagt: "Es hat ein Umdenken stattgefunden. Es wird hintergründiger berichtet. Einen Beitrag dazu hat Jürgen Klinsmann geleistet, der als Bundestrainer die psychologischen Hilfsmittel offen angewandt und dem Druck der Medien standgehalten hat." Klinsmann, Rangnick, Klopp, Slomka und auch Hecking, Möhlmann oder Labbadia: Eine Garde aufgeschlossener Trainer will wissen, wie sie ihre Spieler gezielt motivieren kann - auch wenn ihre Arbeit dadurch ungleich komplexer wird.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil: wie Psychologie heute den entscheidenden Vorteil ausmachen kann und warum die Kabinenpredigt eine Sache der Vergangenheit ist.



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