Datenlese

Datenlese So entsteht der SPON-Index (SPIX)

Ein Spiel, vier Tore: Bas Dost im Februar gegen Leverkusen
AP/dpa

Ein Spiel, vier Tore: Bas Dost im Februar gegen Leverkusen

Von und


An jedem Spieltag werden wir von nun an die Stars der Fußballbundesliga bewerten. Datenbasiert und unbestechlich. Das System dahinter erläutern wir hier im Detail.

In der Schule ist es ein geläufiges Prinzip. Wenn Schüler für eine Leistung eine Note bekommen sollen, werden dafür möglichst viele harte Fakten herangezogen - Ergebnisse von Klassenarbeiten oder mündlichen Prüfungen zum Beispiel. Bei der Bundesliga wollen wir nun ebenso verfahren und die Spieler nach jedem Spieltag bewerten. Und zwar auf Basis eines Datenmodells, das diese Bewertung ganz objektiv berechnet.

Schon länger arbeitet SPIEGEL ONLINE mit detaillierten Statistiken für jedes Spiel der Bundesliga, vom Ballbesitz über den Anteil gewonnener Zweikämpfe bis zu Fouls und Platzverweisen. Sie stammen vom Sportdatenanbieter Opta. Die dahinterstehenden Rohdaten sollen uns künftig helfen, die Leistung der Spieler möglichst objektiv zu benoten.

Dazu musste ein Modell entwickelt werden, das zugleich nachvollziehbar und sehr präzise ist. Folgenden Ansprüchen sollte unser System genügen:

1. Ein starker Auftritt ist mehr als ein Tor.

Natürlich sind es vor allem die spielentscheidenden Szenen, die nach einem Spieltag im Gedächtnis bleiben. Ebenso wie alle Spieler, die daran beteiligt waren, die also Tore geschossen oder verhindert haben. In unser Modell sollte aber auch das einfließen, was zwischen diesen besonderen Momenten auf dem Platz passiert.

Deshalb berücksichtigen wir insgesamt 48 Faktoren, die in unterschiedlicher Gewichtung in die Note eingehen.

Ein Beispiel aus der vergangenen Saison zeigt, wie sich das auswirken kann. Der 21. Spieltag, Wolfsburg besiegt Leverkusen 5:4. Mittendrin: Bas Dost. Der VfL-Stürmer präsentiert sich bemerkenswert cool im gegnerischen Strafraum, erzielte vier Tore. Dost tut, was er soll, und er tut das sehr gut. Dass er trotz seines Viererpacks nicht den Bestwert unter allen Stürmern des Spieltags erreicht, liegt an Thomas Müller.

Viermal erfolgreich, trotzdem ohne Spitzenwert: Bas Dost
Getty Images

Viermal erfolgreich, trotzdem ohne Spitzenwert: Bas Dost

Anders als Dost ist Müller beim 8:0-Sieg des FC Bayern über den HSV nicht von Vorlagengebern abhängig. Er trifft zweimal, bereitet aber auch drei Tore und weitere Chancen vor. Wo Dost als reiner Verwerter auftritt und keinen einzigen vorwärtsgerichteten Pass anbringt, kombiniert Müller mit den Mitspielern. Zudem beteiligt er sich hervorragend am Münchner Pressing; mit gelungenen Defensivaktionen sorgt er mit dafür, dass Bayern kein Tor kassiert.

Teamplayer: Thomas Müller gratuliert Mario Götze zum 2:0 gegen den HSV
Getty Images

Teamplayer: Thomas Müller gratuliert Mario Götze zum 2:0 gegen den HSV

Das Beispiel von Dost und Müller ist extrem, zeigt aber, worum es uns grundsätzlich geht. Selbst ein Verteidiger, der trifft, ist der Konkurrenz nicht automatisch voraus. Tore sind für unser Modell ein essenzielles, aber nicht das alleinige Kriterium für Bestwerte.

2. Ein Angreifer ist kein Mittelfeldspieler.

Die Anforderungen für die Positionen auf dem Fußballplatz unterscheiden sich deutlich. Treffsicherheit und Torvorlagen sind im Angriff hochrelevant, Zweikampfstärke und Stellungsspiel in der Abwehr. Unser Modell bildet diese Unterschiede ab, indem für jede Position immer nur eine Auswahl der 48 Faktoren einbezogen wird.

Wir unterscheiden zunächst zwischen den Mannschaftsteilen Tor, Abwehr, Mittelfeld und Angriff. Doch das Anforderungsprofil an einen Innenverteidiger unterscheidet sich von dem eines Außenverteidigers; ein defensiver Mittelfeldspieler hat andere Aufgaben als ein offensiver. Deshalb differenzieren wir weiter aus und unterteilen die Profis in

  • Torhüter,
  • Innenverteidiger und Außenverteidiger,
  • defensive, offensive und äußere Mittelfeldspieler,
  • sowie Stürmer.

Die tatsächlichen Positionen lokalisieren wir, indem wir den durchschnittlichen Aktionsradius der Profis auf dem Spielfeld ermitteln. So lässt sich bestimmen, ob etwa einer der beiden zentralen Mittelfeldspieler in einem 4-4-2 eine offensivere Rolle eingenommen hat als der andere. In diesem Fall werden bei ihm Faktoren wie erfolgreiche Dribblings, angekommene Pässe im gegnerischen Felddrittel oder Torschussbeteiligungen stärker gewichtet, während für die Bewertung des defensiveren Mitspielers etwa Balleroberungen bedeutsamer sind.

Dennoch wollen wir auch ungewöhnliche Leistungen in unseren Noten abbilden, etwa wenn ein Abwehrspieler zum Torjäger wird. Wer ein Tor schießt, wird deshalb in der Bewertung grundsätzlich hochgestuft - unabhängig von der Position. Auch Abwehrspieler und Torwart behalten im Notenschema so die nötige Luft nach oben.

Übrigens werden Gegentore und Torchancen des Gegners zwar der gesamten Abwehr und dem Torhüter zu Lasten gelegt, dies aber nur anteilig. Für Torchancen des Gegners werden die Noten aller Spieler gemeinsam abgewertet, für Gegentore auch die des Torhüters. Umgekehrt verhält es sich mit Toren und Torchancen des eigenen Teams, die vor allem den Offensivspielern zugute kommen. Sämtliche andere Faktoren beziehen sich ausschließlich auf den jeweiligen Spieler.

Dieser wird mit allen anderen Spielern auf seiner Position verglichen, als Angreifer also zum Beispiel nur mit Angreifern. Die Index-Werte sind daher auch nur innerhalb der Positionen vergleichbar. Hinter ihrer Berechnung stehen immer zwei Fragen: Was wäre auf dieser Position an diesem Spieltag möglich gewesen? Und wie viel Prozent davon hat ein Spieler erreicht?

3. Leistung heißt auch Ausdauer.

Wie lange ein Spieler auf dem Platz stand, ist in unserem Modell ohnehin berücksichtigt. Denn viele Faktoren haben die Spielminuten als Bezugsgröße. Um Ausreißer zu verhindern, sollen zudem nur Spieler bewertet werden, die mindestens 30 Minuten gespielt haben. Damit werden die Noten auch untereinander vergleichbarer.

Im Live-Ticker werden die Index-Werte folgerichtig auch erst ab der 31. Spielminute angezeigt. Für einen später eingewechselten Spieler erscheint eine Bewertung erst, sobald dieser 30 Minuten gespielt hat. Der SPON-Index wird auf diese Weise fairer - und kann zugleich irritieren. Denn wer in der 80. Minute eingewechselt wird und als Joker in wenigen Minuten den Siegtreffer erzielt, wird trotzdem keinen Index-Wert bekommen. Und in der Elf des Tages nicht auftauchen.

Luft nach oben

Wie entsteht aus 48 Faktoren eine Bewertung? Als Ergebnis berechnet das Modell für jeden Spieler einen Prozentwert - den Anteil am theoretisch Möglichen. Einen Wert von 100 Prozent würde erreichen, wer in allen Faktoren verglichen mit den anderen Spielern auf seiner Position das beste Ergebnis an diesem Spieltag erreicht hat. Aber Perfektion ist bekanntlich kaum zu erreichen, Index-Werte von über 90 Prozent sind somit extrem selten.

Diskutieren Sie mit!
9 Leserkommentare
tarkurron 19.10.2015
jochenmabuse 19.10.2015
joshualuedke 19.10.2015
joshualuedke 19.10.2015
Felix2035 19.10.2015
maxzweistein 19.10.2015
derhatschongelb 19.10.2015
Talan068 19.10.2015
adubil 19.10.2015

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.