St.-Pauli-Boss Littmann: "Viagra hat bei mir nicht angeschlagen"

Er ist im Theater zuhause, nutzt aber auch den Fußball als Bühne. Mit dem FC St. Pauli hat Corny Littmann den geeigneten Club gefunden. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der FC-Präsident über die Bundesliga, seine Homosexualität und Potenzmittel.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit kämpft der FC St. Pauli gegen den Abstieg aus der zweiten Liga. Wie sehen Sie die Chancen Ihres Clubs, Herr Littmann?

Littmann: Der FC St. Pauli hat ein unglaubliches Potential. Was den Zuspruch der Fans anbelangt und auch sportlich. Durch den Neubau des Stadions werden wir mittelfristig hoffentlich bald wieder in der ersten Bundesliga spielen und dort auch bleiben. SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit fünf Jahren Präsident des FC St. Pauli. Muss der Chef eines Fußballclubs eigentlich Ahnung von Fußball haben?

Littmann: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ahnung vom Fußball?

Littmann: Ich glaube, es gibt zwei wichtige Dinge, die man als Präsident haben muss. Zum einen musst du eine Leidenschaft für den Verein und für den Fußball entwickeln. Zum anderen musst du eine Kenntnis darüber haben, wie der Club und die Mannschaft leben, welche Hierarchien es dort gibt. Den Teamgeist, den Zusammenhalt kann man als Präsident fördern. Man muss eine Ahnung davon haben, wie eine Gruppe gemeinsam funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie sich mit Fußballratschlägen zurück?

Littmann: Beim Kaffee unterhalte ich mich auch mit den Trainern und lass sie auch meine völlig unmaßgebliche Meinung wissen. Wir haben aber eine klare Aufgabenverteilung. Ich muss als Präsident gemeinsam mit dem Präsidium die Voraussetzungen dafür schaffen, dass erfolgreich Fußball gespielt werden kann. Nicht mehr und nicht weniger. Gegenüber den Trainern würde es mir daher nie einfallen, irgendwelche Ratschläge zu geben oder mich ins Sportliche einzumischen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Littmann, Sie leben in einer schwulen Partnerschaft. Gab es wegen Ihrer Homosexualität Anfeindungen beim FC St. Pauli?

Littmann: Ich kann meine Homosexualität offen ausleben. Das ist wohl nur beim FC St. Pauli möglich. Woanders hätte man mich vermutlich gar nicht gewählt. Meine sexuellen Neigungen waren im Verein jedenfalls noch nie ein Thema. Ich war schon in jungen Jahren Fußballfan, da hatte ich von Männern, Frauen oder Sex noch überhaupt keine Ahnung. Der Beginn meiner Fußballleidenschaft liegt lange vor meiner Geschlechtsreife.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal hat man den Eindruck, Sie wollten bewusst provozieren, etwa in der Halbzeit des DFB-Pokalspiels gegen Werder Bremen im vergangenen Jahr, als Sie während eines live im Fernsehen übertragenen Interviews mit ihrem Handy spielten.

Littmann: Das war ein Versehen, kein bewusster Tabubruch. Ich wusste ja nicht, dass das Telefon klingeln würde.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten es vorher ausschalten können.

Littmann: Manchmal vergesse ich es aber auch – wie in diesem Fall. Was aber sicher richtig ist, dass ich eine gewisse Gelassenheit entwickelt habe und diese auch ausstrahle. Weit vor meinem Engagement beim FC St. Pauli habe ich mehr als 40 Live-Sendungen fürs Fernsehen gemacht. Da ließ man viele Dinge einfach geschehen, die man vorher sowieso nicht planen konnte. Es kann sein, dass es auf manche Leute befremdlich wirkt, wenn ich während eines Interviews an mein Handy gehe, aber genau davon leben Live-Sendungen – von den Situationen, die nicht geplant waren, von Dingen, die schief gehen.

SPIEGEL ONLINE: Es hat Sie überhaupt nicht gestört, als Ihr Handy vor einem Millionenpublikum klingelte?

Littmann: Es war mir auf alle Fälle nicht peinlich. Manchmal fällt bei uns im Theater während der Vorstellung im Zuschauerraum ein Glas um und zerbricht. Entweder passt es an dieser Stelle oder es passt eben nicht. Aber es passiert. So ist das Leben. Ich muss aber zugeben, dass ich nach diesem Interview nun immer darauf achte, dass mein Handy ausgeschaltet ist.

SPIEGEL ONLINE: Genießen Sie es, eine Bühne zu haben?

Littmann: Ich spiele wahnsinnig gerne in meinem Theater. Und wer viel und gerne schauspielert, begibt sich in die Gefahr, von außen so wahrgenommen zu werden, dass er sich im richtigen Leben auch gerne darstellt. Damit muss ich leben.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eitel?

Littmann: Ich kriege es zumindest selten gesagt. Da ich eine öffentliche Person bin, bin ich in gewissem Maße aber sicher auch eitel. Ich hatte aber nie das Gefühl, eine besondere Schönheit zu sein. Da gab es immer welche, die attraktiver waren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im vergangenen Jahr Ihren ersten Marathon gelaufen. Für jemanden, der als Raucher und Freund guter Weine bekannt ist, eine bemerkenswerte Leistung.

Littmann: Wer sich darüber wundert, dass ich auch mal einen Marathon laufe, kennt mich nicht. Ich weiß nicht, warum Menschen überrascht sind, wenn sie gewisse Dinge über mich erfahren, dass ich gerne Rotwein trinke, dass ich Kettenraucher bin und dass ich nun auch mal einen Marathon gelaufen bin. In der Vorbereitung musste ich meinen Alkohol- und Zigarettenkonsum allerdings erheblich einschränken.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Viagra?

Littmann: Ich bin immer neugierig, in vielerlei Hinsicht. Aus purer Neugierde habe ich Viagra auch schon ausprobiert. Ich wollte wissen, wie es ist. Bei mir hat es aber nicht wirklich angeschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie enttäuscht?

Littmann: Enttäuscht und beruhigt zugleich. Ich weiß ja, dass es bei mir noch sehr gut ohne Hilfsmittel geht.

Interview: Oliver Lück und Rainer Schäfer

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