St. Pauli-Derby-Sieger Pliquett Benes süße Rache

Es war ein riskanter Schachzug von St. Pauli-Trainer Stanislanwski, aber er brachte Erfolg: Vor dem Sieg im Hamburger Derby stellte er Benedikt Pliquett ins Tor, zum ersten Mal in der Bundesliga - weil der Keeper seinen Club liebt wie kaum ein anderer und mit dem HSV noch eine Rechnung offen hatte.

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dapd

Schon während der 90 Minuten hatte Benedikt Pliquett alles aus sich hinausgebrüllt. Er hatte geschrien, wenn ihm eine Parade gelang, die Fäuste geballt. Und er hatte das Logo des FC St. Pauli geküsst, als Gerald Asamoah in der 59. Minute traf. Er hatte auch provoziert, etwa, als er Zé Roberto anrempelte. Das war alles ein bisschen wie dereinst Oliver Kahn in seinen grenzwertigen Phasen. Und doch nur ein müder Vorbote dessen, was Pliquett nach dem Abpfiff des 1:0 (0:0)-Derbysieges beim Hamburger SV bot.

Als der erste Triumph gegen den Lokalrivalen seit über 33 Jahren feststand, rannte Pliquett los wie ein Galopper aus der Startbox. Dann stoppte er abrupt, stellte sich vor HSV-Star Mladen Petric, um dessen Pose nach einem Tor, einen Bogenschuss, zweimal zu imitieren und ihn daraufhin hämisch auszulachen. Dann riss er einen Mann aus dem Betreuerteam auf dem Weg in die Kabine um. Er befand sich immer noch im höchsten Tempo, als er im Kabineneingang ausrutschte und sich wieder hochrappelte. Ein paar Sekunden nur verharrte er in der Kabine, dann rannte er wieder hinaus in die Arena. Dabei schrie er: "Und ihr habt mich vom Hof gejagt, ihr Lutscher."

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Hamburger Derby: HSV versagt, Asamoah trifft
Das war unfein. Den Gegner nach einem Sieg zu verhöhnen, entspricht nicht dem Fairplay. "That's not cricket", so umschreibt es der Engländer. Andererseits beschrieb der denkwürdige Auftritt des Benedikt Pliquett recht anschaulich die Leidenschaft, die großen Gefühle bei den Profis des FC St. Pauli. Sie hatten dieses Duell David gegen Goliath unbedingt gewinnen wollen. Das war auf der anderen Seite nicht bei allen wahrzunehmen. Allein Dennis Aogo liefen nach Abpfiff Tränen übers Gesicht, auch Heiko Westermann war stinksauer. Aber der Rest nahm diese Niederlage geschäftsmäßig auf.

Pliquett hatte keine Heldentaten vollbracht im Tor des FC St. Pauli, die größte Parade war die Fußabwehr gegen Joris Mathijsens Schuss aus vier Metern. Und doch könnte die Geschichte dieses Derbysieges in einen Mythos münden, in dem dieser Torwart die Hauptrolle spielt. Weil dieser Torwart am besten erzählt, was dieser Sieg für die Fans und auch für viele dort tätige Profis bedeutet. Weil dieser Pliquett, wie es Trainer Holger Stanislawski ausdrückte, "St. Pauli ist".

"Ich liebe den Verein. Ich liebe ihn wirklich"

Allein das Zustandekommen des Einsatzes mutet irrwitzig an. Pliquett gilt aktuell als der dritte Keeper am Kiez, hinter Thomas Kessler und Routinier Mathias Hain, und doch feierte er gestern sein Bundesliga-Debüt. Stanislawski habe ihm vor Beginn der Rückserie in Aussicht gestellt, dass er im Derby im Tor stehe würde, berichtete Pliquett mit leuchtenden Augen: "Da habe ich ihm gesagt, das Versprechen musst du aber halten, sonst reiße ich dir den Kopf ab." Stanislawski ging hohes Risiko mit der Nominierung ein, aber er habe es tun müssen, sagte er: Man könne nicht immer nur erklären, dass man solchen Leuten vertraue und sie nie spielen lassen.

Pliquett arbeitete also über Wochen hinweg auf diesen Einsatz hin, wie besessen und hochmotiviert, aus zweierlei Gründen. Erstens war der 26-Jährige im Herbst, als er mit St. Pauli-Fans vom Spiel in Freiburg zurückkehrte, von HSV-Fans im Bahnhof Hamburg-Altona überfallen worden. Zweitens hatte ihn der HSV, bei dem er drei Jahre als Jugendlicher alles gegeben hatte, im Alter von 19 Jahren weggeschickt, "vom Hof gejagt", wie er es ausdrückte. Gestern genoss er die süße Rache.

Doch das waren noch nicht alle Motive. Pliquett ist ein Mann des Stadtteils St. Pauli, wo er seit 2004 als Fußballprofi arbeitet. Hier hat er seinen Zivildienst geleistet und dabei, wie er dem "Hamburger Abendblatt" vor ein paar Monaten in einem offenbar ruhigeren Moment erzählte, "die Menschen dort und ihre Probleme gut kennengelernt". Er steht hinter dem Verein und den Werten, die der Club vermittelt. "Ich identifiziere mich voll und ganz mit dem, wofür der FC St. Pauli steht." Gestern, beim Ausbruch der Gefühle, klang das so: "Ich liebe den Verein. Ich liebe ihn wirklich. Das kommt zu 100 Prozent aus meinem Herzen."

Man kann das kitschig finden, pathetisch, womöglich auch sozialromantisch, aber auch der rein sportliche Teil dieser Geschichte ist bemerkenswert. Da kommt ein dritter Torwart in die Arena des großen Lokalrivalen, der 33 Jahre nicht zu besiegen war, es ist sein erstes Bundesliga-Spiel. Und dieser Nobody, auf den die Augen von 57.000 Fans gerichtet sind, behält die Nerven. Er hält gegen Ruud van Nistelrooy, den großen Torjäger. Er pariert gegen Joris Mathijsen, den Vize-Weltmeister. Er verkürzt den Winkel erfolgreich gegen Zé Roberto, den ehemaligen brasilianischen Nationalspieler. Und dann sagt er, dass er seinen Club liebt. Solche Geschichten gibt es nur im Sport.



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Seite 1
unterländer 17.02.2011
1. Ach du liebe Zeit ....
Zitat von sysopEs war ein riskanter Schachzug von Pauli-Trainer Stanislanwski, aber er brachte Erfolg: Vor dem*Sieg im Hamburger Derby stellte er*Benedikt Pliquett ins Tor, zum ersten Mal in der Bundesliga - weil der Keeper seinen Club*liebt wie kaum ein anderer und mit dem HSV noch eine Rechnung offen hatte. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,746053,00.html
Mannomann. Was der Typ da abgeliefert hat, das hätte den Spiegel bei Oliver Kahn zu Tiraden ob des Untergangs der guten Sitten im Sport veranlasst. Aber nicht bei St. Pauli. Nicht bei den lieben Underdogs. Da ist Anstand Nebensache. Ob der Mann St. Pauli liebt, ist so was von egal. Unsportlich bleibt unsportlich.
ray4901 17.02.2011
2. Die lieben Underdogs
Zitat von unterländerMannomann. Was der Typ da abgeliefert hat, das hätte den Spiegel bei Oliver Kahn zu Tiraden ob des Untergangs der guten Sitten im Sport veranlasst. Aber nicht bei St. Pauli. Nicht bei den lieben Underdogs. Da ist Anstand Nebensache. Ob der Mann St. Pauli liebt, ist so was von egal. Unsportlich bleibt unsportlich.
Grossstadt-Underdogs sind nicht Provinz-Underdogs. Hier in Freiburg wäre das, würde es gegen den VfB so zu und hergehen, unnatürlich und unsportlich. In Hamburg finde ich es passend zur Realität. Sozialromantik kann man es nennen. Und die Ausraster: was willst Du einen Jungen, vielleicht nicht den Intelligentesten, der sein erstes Spiel macht, mit den "Titanen", der die grössten Aussetzer bereits als Multimillionär produzierte, vergleichen. Welchen Klub, wenn überhaupt, Du liebst, ist MIR sowas von egal. ;-) Moralinsaures stösst mir immer auf.
Ein netter Netter 17.02.2011
3. Kein Stil
Das Verhöhnen des Gegners nach einer Niederlage hat keinen Stil. Auch nicht, wenn es sich um einen vermeintlichen Underdog wie St. Pauli handelt, der einen vermeintlichen Goliath besiegt. Da gibt es einfach keine zweierlei Maß. Überhaupt kann ich diese ewig gleiche Leier von St. Pauli als "Underdog" schon lange nicht mehr hören. Der Verein ist international bekannt, fast jeder liebt ihn (ausser ein paar HSV-Fans), und er ist seit vielen Jahren für sehr viele Leute Kult. Dass dennoch anscheinend nie Geld da ist, und es sportlich eher seitwärts als bergauf geht, kann also nur an Unfähigkeit liegen. Denn der Support ist sicherlich riesig. Der vermeintliche Underdog ist im Grunde der Platzhirsch. Das fällt sogar schon Ausländern auf - siehe hier: http://www.ichwerdeeinberliner.com/24-underdogs
unterländer 17.02.2011
4. Überraschung!
Zitat von ray4901Grossstadt-Underdogs sind nicht Provinz-Underdogs. Hier in Freiburg wäre das, würde es gegen den VfB so zu und hergehen, unnatürlich und unsportlich. In Hamburg finde ich es passend zur Realität. Sozialromantik kann man es nennen. Und die Ausraster: was willst Du einen Jungen, vielleicht nicht den Intelligentesten, der sein erstes Spiel macht, mit den "Titanen", der die grössten Aussetzer bereits als Multimillionär produzierte, vergleichen. Welchen Klub, wenn überhaupt, Du liebst, ist MIR sowas von egal. ;-) Moralinsaures stösst mir immer auf.
Und mir ist vollkommen egal, wie Sie Unsportlichkeit deuten. Scheinheiligkeit bleibt Scheinheiligkeit.
weholi 17.02.2011
5. Vorsicht
einseitig, unsachlich, schlechter Schreibstil - solcherlei Artikel gefährden die Glaubwürdigkeit des Spiegel. Nur noch eine Prise mehr Emotionen und große Worte, dann passt er eher in die BLÖD.
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