St.-Pauli-Fans Zwischen Ironie und Schnappatmung

Gelungene Fan-Zwischenrufe im Fußballstadion sind eine hohe Kunst. Die Anhänger des FC St. Pauli haben ihr Händchen für Tribünen-Kommentare einige Male unter Beweis gestellt. Das "FC St. Pauli Album" hat einige zusammengetragen.

St.-Pauli-Fans
Getty Images

St.-Pauli-Fans


Die Kunst des Zwischenrufs wird auch am Millerntor großgeschrieben und hat schon so manchen Klassiker hervorgebracht. Etwa die unvergessene (und heute ungewollt aktuell wirkende) Parole "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder dritte Liga!" von 1986. Oder die trockene Antwort auf die Provokation einiger Hertha-Fans: "Arbeitslose! Arbeitslose!" schmähten diese den braun-weißen Fanblock - und der skandierte prompt die bestmögliche Antwort: "Steuerzahler! Steuerzahler!"

Weniger Schlagfertigkeit als vielmehr psychologische Finesse verlangte dagegen der damalige Trainer Franz Gerber im (letztlich erfolglosen) Zweitliga-Abstiegskampf 2002/2003: "Unsere Mannschaft ist nach den vielen Negativ-Erlebnissen des vergangenen Jahres psychisch noch nicht ganz gefestigt", richtete er sich an Presse und Anhänger: "Deshalb kommt unseren Fans eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie sind ja ohnehin leidgeprüft und leidensfähig. Ich hoffe, sie werden bei Fehlpässen weder pfeifen noch raunen - das könnte zur Verunsicherung der Spieler beitragen." Die Folge: In Teilen des Millerntor-Stadions ist "Psssst! Nicht raunen!" bis heute ein liebgewonnener Spott, wann immer die braun-weißen Fußballgötter statt Zuckerpässen und Übersteigern doch eher Rumpelfußball servieren.

Fan-Choreografie gegen Paderborn, 2010
Getty Images

Fan-Choreografie gegen Paderborn, 2010

Wie sich die Einfälle von den Rängen auf dem Rasen anfühlen, erzählt der langjährige frühere St.-Pauli-Profi Timo Schultz: "Als ich noch Spieler war, gab es plötzlich einen dieser seltenen ruhigen Momente vor der Gegengerade. Irgendeiner schrie von halbrechts: 'Jetzt geh doch mal einer nach vorne!' Antwort von halblinks: 'Sei mal ruhig da hinten. Wenn keiner vorne ist, kann auch keiner im Abseits stehen!'"

Bevor es den heutigen FC-St.-Pauli-U17-Trainer Schultz ans Millerntor zog, hatte er das eine oder andere Spiel auch als Zuschauer angesehen - und auch daran gute Erinnerungen: "Einmal zum Beispiel - das letzte Spiel vorm Winter. Aachen oder Ahlen, tiefste zweite Liga, alle waren unzufrieden. Mitte der zweiten Halbzeit fing die Gegengerade auf einmal damit an, dass alle 'PSCHSCHT!' machten: 'PSCHSCHT, PSCHSCHT!' Nach zwei, drei Minuten war das ganze Stadion still, und alle waren am Gucken. Und dann haben die ein riesen Spruchband hochgehalten: 'Ruhe bitte!' Dann ging das Spruchband wieder runter, und als Nächstes kam: 'Die Profis müssen sich konzentrieren!' Ich hab mich totgelacht!"

ANZEIGE
Christoph Nagel:
FC St. Pauli Album

Unvergessliche Sprüche, Fotos, Anekdoten

Die Werkstatt; 160 Seiten; 9,99 Euro.

Als es besagter Gegengerade (die Tribüne, auf der einst die ersten Totenkopffahnen wehten) 2011 dann im Zuge der "Stadionrekonstruktion" an den Kragen ging und sie durch eine neue Tribüne ersetzt werden sollte, dürfte das vielleicht schönste Fan-Transparent zu diesem Anlass nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf dem Rasen ein Schmunzeln hervorgerufen haben: "Du warst wie wir", hieß es darauf, an die geliebte alte und legendär enge "Bruchbuden-Tribüne" von 1961 gerichtet: "bunt, liebenswert, unbequem - und vorm Anpfiff voll!"



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.