Stadionshows in der Premier League Kunstwerk ohne Rahmen

In Bundesligastadien wird um jedes Spiel herum ein Spektakel veranstaltet. In der Premier League geht es dagegen angenehm altmodisch zu, schreibt Hendrik Buchheister in seiner Kolumne.

Fans von Manchester United
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Fans von Manchester United


Pünktlich sein war wichtig. Mir zumindest. Bei Bundesligaspielen saß ich spätestens zehn Minuten vor Anpfiff auf meinem Platz auf der Tribüne, hatte meinen Laptop aufgebaut und mich mit dem WLAN für Journalisten verbunden - was an einigen Standorten eine nicht zu unterschätzende Herausforderung ist. Mit Strebertum hatte das rechtzeitige Erscheinen natürlich nichts zu tun. Mir ging es darum, das heilige Vorprogramm zu erleben.

In der Bundesliga wird um jedes Spiel ein Spektakel veranstaltet. Ein Mann vom örtlichen Radiosender (oder ein Ex-Profi, den der Verein nicht loslassen will) moderiert die Stadionshow, die auf den Videowänden gezeigt wird. Es werden die Höhepunkte vergangener Partien eingespielt, Fans werden zu einer Prognose für die anstehenden 90 Minuten genötigt. Und wenn der Verein über ein Maskottchen verfügt, was bei den meisten Bundesligisten der Fall ist, darf auch das Maskottchen eine Einlage beisteuern. Ich habe als Bundesligareporter in Norddeutschland nicht wenig Zeit damit verbracht, Dino Herrmann (beim Hamburger SV) und Wolf Wölfi (dreimal dürfen Sie raten!) zuzusehen.

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Ein Großteil der Stadionshow ist zu vernachlässigen, doch die letzten zehn Minuten vor dem Spiel hatten für mich immer etwas Besonderes. Wenn die Spieler nach dem Warmmachen wieder in die Kabine gegangen waren, die Bühne also bereitet war, wenn das Publikum die Vereinshymne sang, der Stadionsprecher die Vornamen der Startelf durchgab und die Zuschauer die Nachnamen brüllten, so, als würde eine entscheidende Schlacht anstehen - dann war ich immer froh, pünktlich an meinem Platz gewesen zu sein.

Und damit nach England.

Bei Spielen der Premier League ist es nicht nötig, frühzeitig im Stadion zu sein. Bis kurz vor Anpfiff passiert im Old Trafford in Manchester oder an der Anfield Road in Liverpool im Grunde nichts. Natürlich, es läuft Musik. Doch dass die Verkündung der ersten Elf als martialisches Ritual zelebriert würde, habe ich in England noch nicht erlebt.

Der Stadionsprecher begrüßt die Zuschauer mit einer Sachlichkeit, als läse er den Wetterbericht vor. Egal, ob sich der FC Burnley und Leeds United im Ligapokal oder die Champions-League-Teilnehmer Manchester City und Tottenham Hotspur gegenüberstehen. Dann gibt er die Namen der Spieler bekannt, worauf die Fans nach jedem Namen mit einem eher pflichtschuldigen "Hey!" antworten.

Kein Techno vom Band, keine Schiffshupe

Wenn ein Tor gefallen ist, läuft das ähnlich. Es donnert kein Techno vom Band wie beim Hamburger SV, es dröhnt keine Schiffshupe wie bei Werder Bremen. Auch der in der Bundesliga übliche Ergebnisdienst aus dem Wechsel zwischen Stadionsprecher und Publikum - HSV? ZWEI!!! Dortmund? NUUUUUULL!!! In Wahrheit natürlich: fünf - kommt in den Stadien der Premier League nicht zur Anwendung. 1:0 für Liverpool, Torschütze: Mohamed Salah. 1:0 für City, Torschütze: Raheem Sterling. 1:0 für United, Torschütze: Romelu Lukaku. Hey! Ich empfinde das als angenehm altmodisch. Es ist ein bisschen wie in der Bezirksliga.

Und ein Widerspruch. Denn eigentlich ist die Premier League von Kopf bis Fuß auf Unterhaltung getrimmt. Die Klubs bekommen Milliarden aus der TV-Vermarktung, die Spiele werden zur Mittagszeit angesetzt, damit auch das Publikum in Asien zuschauen kann, Eintrittskarten für die Partien der großen Klubs sind nur dezent einfacher zu bekommen als Tickets für die Rolling Stones.

Ich erkläre mir diesen Widerspruch damit, dass sich die Liga im Stadion die Reduzierung auf das Nötigste erlauben kann. Sie muss das Rahmenprogramm nicht zum Spektakel aufpumpen - weil schon das Geschehen auf dem Rasen ein Spektakel ist.



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
ge1234 06.01.2018
1. Vielleicht...
.... liegt es auch einfach nur daran, dass den Vereinen in der PL die Zuschauer im Stadion schlicht und ergreifend egal sind, kommt das große Geld doch aus der TV-Vermarktung! Ansonsten ist es nur noch peinlich, wie Herr Buchheister Woche für Woche versucht, dass armselige englische PL-Gebolze zum Spektakel und Fussballfest hochzujazzen.
tombrok 06.01.2018
2.
Stehtribüne bedeutet, wer zuerst kommt, malt zuerst, d.h. in reinen Sitzplstzstadien wie in England ist das Stadion vor Anpfiff sich gravierend leerer als in Deutschland. Leerer natürlich nicht nur auf der Heimseite, sondern ob der mangelnden Auswärtsfahrkultur auch auf der gegnerischen Seite. Wie mein Vorredner bereits sagte, dürfte das Operetten-Publikum und generelles Desinteresse der Vereine und Liga an Stadienbesuchern, sein übriges tun.
Stäffelesrutscher 06.01.2018
3.
Was bin ich froh, dass ich die Fußball-Bundesliga zu einer Zeit erlebt habe, als Herr Buchheister noch gar nicht geboren war. Kein »Die Ecke wird Ihnen präsentiert von Baumarkt Sowieso«, keine Jelena Petrovna alias Helene Fischer in der Halbzeit, aber dafür tolle Stimmung auf der Tribüne, auch schon eine Stunde vor dem Anpfiff. Schöne Gesänge, Wiedersehensparty mit den anderen Fans, und dann stürmten Sundermanns Jungs los und gewannen als Aufsteiger 14 von 17 Heimspielen. Ach ja: wir brauchten für die Stimmung keine Pyros. Und wir wollten das Spiel sehen. Monsterfahnen und -planen (alias »Choreo«) störten da nur.
andromeda793624 06.01.2018
4.
Zitat von ge1234.... liegt es auch einfach nur daran, dass den Vereinen in der PL die Zuschauer im Stadion schlicht und ergreifend egal sind, kommt das große Geld doch aus der TV-Vermarktung! Ansonsten ist es nur noch peinlich, wie Herr Buchheister Woche für Woche versucht, dass armselige englische PL-Gebolze zum Spektakel und Fussballfest hochzujazzen.
Also ich brauche die Stadionshow nicht. In der Bundesliga gibt s die bessere Stadionshow und in der PL den besseren Fußball. Ich finde das 2. wichtiger.
spadoni 06.01.2018
5. ge1234
Das armselige englische PL-Gebolze, wie bitte??? Soweit ich mich errinnere sind noch 5 englische Manschaften in der CL vertreten, aber nur EINE Deutsche. Wie war das mit dem Gebolze, wieder einmal mehr typisch deutsche Überheblichkeit!!!
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