Stadionsicherheit Phantomstreit um die billigen Plätze

Polizei kontra Bundesligisten kontra Fans - kämpfen in der Diskussion um die Sicherheit in Deutschlands Fußballstadien alle gegen alle? Im Gespräch mit den Betroffenen wird klar: Die Streitparteien sind sich näher, als sie denken.

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Fanproteste in Dortmund: Die Bundesligastadien sind sicher
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Fanproteste in Dortmund: Die Bundesligastadien sind sicher


Ein Hintergrundgespräch in einem Polizeirevier, irgendwo in der Bundesrepublik. Hier sitzen die Praktiker. Jene, die an jedem Wochenende dafür sorgen sollen, dass ein Fußballspiel "störungsfrei" über die Bühne geht. Ihre Aufgabe: Trennung der Fangruppen am Bahnhof, aufpassen, dass durchreisende Züge mit Clubanhängern der Lokalrivalen den hiesigen Bahnhof nicht zum Randale-Zwischenstopp nutzen.

Fast immer gelingt das, sagen sie. An Spieltagen der Heimmannschaften sei sowieso seit längerem nichts mehr passiert. Früher war alles besser? Im Fußball garantiert nicht, sagt der Einsatzleiter. In den achtziger und neunziger Jahren sei es gefährlich gewesen in den Stadien. Heute nicht mehr.

Wie passt das zusammen? Seit Wochen liefern sich Clubs, Polizei, Politik und Fans eine emotionale Debatte über ein Sicherheitskonzept in den Stadien.

In den Bundesliga-Arenen blieb es am Wochenende zum dritten Mal nach dem Anpfiff während der ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden still. Vor den Spielen zogen Tausende Fußball-Anhänger in Protestmärschen durch sieben Städte. Die Innenminister von Bund und Ländern hatten die Vereine zuvor mit Nachdruck aufgefordert, das Konzept zu verabschieden und umgehend umzusetzen. Sie hatten am Freitag einen Forderungskatalog vorgelegt, in dem es unter anderem um eine Verschärfung der Videoüberwachung und der Einlasskontrollen geht.

Warum tobt seit Wochen die Sicherheitsdebatte? Der Beamte zuckt mit den Schultern: "In irgendeinem Bundesland ist halt immer Wahlkampf." Der Beamte hat das Papier "Sicheres Stadionerlebnis" ausgedruckt vor sich liegen. "Wir als Polizei", sagt er und zeigt auf den dünnen Stoß Papier, "haben manchmal den Eindruck, dass es einfach darum geht, vollgeschriebenes Papier zu präsentieren". So falsch ist der Eindruck derzeit nicht, wenngleich einzelne Punkte wie die Schulung der Ordnerdienste oder festgeschriebene Dialoge mit den Fans durchaus vernünftig sind.

Skeptische Bundesliga-Manager

Ein anderer Ort, ein ähnliches Gespräch. Diesmal mit einem Bundesliga-Manager. Was er von dem Papier halte? "Tut nicht weh", sagt er. "Wir bräuchten aber die Debatte nicht. Unser Stadion ist jedenfalls sicher."

Außenstehende mag diese Aussage wundern, noch verwunderter sind sie wahrscheinlich, wenn sie erfahren, dass fast alle Bundesliga-Manager so sprechen. Sie sind genervt vom Dauer-Pyro-Feuer ihrer Ultraszenen. Sie befürchten, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Zündelei zu schweren Verletzungen führt. Aber Gewalt? Körperverletzung? Prügeleien? Nein, das sei kein Thema.

Etwas anderes wäre auch nicht glaubwürdig. Selbst wenn man die teilweise grotesk überhöhten Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) als Grundlage nimmt, kommt man zu dem Ergebnis, dass sich pro Spieltag der ersten und zweiten Liga 1,6 Menschen verletzen. 1,6 Verletzte bei 19 Großveranstaltungen. Das ist eine so geringe Ziffer, dass man die aktuelle Sicherheitsdebatte erst recht nicht mehr begreift.

Natürlich sind nicht alle Fans Unschuldslämmer, bei manchen Spielen suchen Hunderte auf den Anreisewegen die Konfrontation mit gegnerischen Anhängern. Und auch im Stadion passiert nicht deshalb so wenig, weil sich hier nur Pazifisten versammeln, sondern weil Ordner und Polizei mit ausgefeilter Sicherheitstechnologie arbeiten, so dass Gewalttäter keine Chance haben, unerkannt zu bleiben. Die Rede ist von sündhaft teuren Kameras, die Bilder liefern, die an jeden Menschen im Stadion extrem nah heranzoomen können.

Stadien sind sicher. Und alle, die ein Stadion schon mal von innen gesehen haben, wissen das: Fans, Polizei, Funktionäre und Fußballverbände. Doch sie werden getrieben von einer Allianz aus wahlkämpfenden Innenpolitikern und ein paar Boulevardmedien. Wer diese Berichte liest, kann glauben, dass Stadien lebensgefährliche Orte sind, an denen enthemmte Fußballschläger mit hochgerüsteten Polizeieinheiten Bürgerkrieg spielen.

Weder die Vereine noch die DFL wollen die Stehplätze abschaffen

Die ZIS veröffentlicht neben den zweifelhaften Verletztenstatistiken seit Monaten fragwürdige Zahlen zu Stadionverboten und vermeintlichen Straftaten, über die hohe Polizeifunktionäre in den Bundesligastädten nur den Kopf schütteln.

Zahlen übrigens, die - sofern sie die vermeintlichen Überschneidungen mit der rechten Szene betreffen - zwar einigen Medienvertretern vorliegen, nicht aber den Vereinen oder der Polizei, also den Instanzen, die vor Ort das vermeintliche Problem lösen müssten. Auch die DFL, so vernünftig sie zuweilen hinter verschlossenen Türen argumentiert, macht sich die Agenda populistischer Politiker zu eigen - Überschrift des Papiers ist: "Sicheres Stadionerlebnis".

Weder die Vereine noch die DFL, die in den vergangenen drei Spieltagen mit Transparenten angegangen wurden, wollen die Stehplätze abschaffen. Aber mancher Politiker würde genau das lieber heute als morgen beschließen, wenn er sich dadurch Vorteile beim Stimmenfang erhofft. Diese Forderung ist ähnlich absurd wie die gesamte Debatte. Seit Jahren gab es keine gravierenden Vorfälle mehr auf den Stehplätzen in Bundesliga-Stadien.

So verfestigt sich der Eindruck, dass hier eine Debatte geführt wird, um eine Debatte zu führen. Dabei sind sich die Streitparteien in vielen Punkten näher als sie denken.

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Forum - Was halten Sie vom Sicherheitskonzept der DFL?
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Seite 1
ray4912 10.12.2012
1.
Zitat von sysopDas Sicherheitskonzept des Ligaverbandes soll von den 36 Proficlubs verabschiedet werden. Doch viele Punkte sind strittig, etwa mögliche Ganzkörperkontrollen, Videoüberwachung und das totale Verbot von Pyrotechnik im Stadion. Was halten Sie von dem Konzept?
Es fehlt nicht an Verboten (da wird meiner Ansicht nach eher zu viel reglementiert - u.a. zu rigides Pyro-Verbot) nicht einmal die Durchsetzungmöglichkeit (via Erkennungssysteme) ist das Problem , sondern die fehlenden eindrücklichen Sanktionen. Der Gesetzgeber ist gefordert, der Richter wahrscheinlich noch mehr - er sollte die Gesetze, die bereits bestehen, in den Urteilen härter anwenden. Den vielen (die Mehrzahl) im "Normalleben" anständigen Fans wirkt automatisches Einsitzen und Gefahr des Jobverlusts restriktiv genug. Wer sich mit der Polizei in längeren Schlachten hand- oder steinegreiflich anlegt, darf auch mal etwas härter angefasst und länger weggesperrt werden. Das Problem ist nicht leicht zu lösen. Mannigfaltige Dissonanzen zwischen Politik, Stadtverwaltungen, Polizei, Verband, Klubs, Fanklubs, etc. sind unübersehbar, dann ist sowieso nix! Zéro! Braucht es vielleicht auch bei uns Tote, bis was geschieht?
Ihr5spieltjetzt4gegen2 10.12.2012
2.
Zitat von ray4912Es fehlt nicht an Verboten (da wird meiner Ansicht nach eher zu viel reglementiert - u.a. zu rigides Pyro-Verbot) nicht einmal die Durchsetzungmöglichkeit (via Erkennungssysteme) ist das Problem , sondern die fehlenden eindrücklichen Sanktionen. Der Gesetzgeber ist gefordert, der Richter wahrscheinlich noch mehr - er sollte die Gesetze, die bereits bestehen, in den Urteilen härter anwenden. Den vielen (die Mehrzahl) im "Normalleben" anständigen Fans wirkt automatisches Einsitzen und Gefahr des Jobverlusts restriktiv genug. Wer sich mit der Polizei in längeren Schlachten hand- oder steinegreiflich anlegt, darf auch mal etwas härter angefasst und länger weggesperrt werden. Das Problem ist nicht leicht zu lösen. Mannigfaltige Dissonanzen zwischen Politik, Stadtverwaltungen, Polizei, Verband, Klubs, Fanklubs, etc. sind unübersehbar, dann ist sowieso nix! Zéro! Braucht es vielleicht auch bei uns Tote, bis was geschieht?
Leider muss ich Dich etwas korrigieren. Ich tue dies ungern, bin es mir und anderen aber schuldig. Es ist noch gar nicht so lange her, da war ich bei der Einweihung einer Gedenktafel für Adrian Maleika in Bremen anwesend. Vor 30 Jahren war er der erste Tote bei sog. Fanausschreitungen im deutschen Fußball. Ein 17jähriger Auszubildender, der sein Leben noch vor sich hatte. Wollte nur seinen Verein spielen sehen in einem Derby. Dummerweise ist er eine Bahnstation zu spät ausgestiegen. Dort traf er auf eine Gruppe 'Fans' der anderen Mannschaft. Da er den offensichtlich falschen Schal trug, musste man ihn mit Steinen bewerfen. So gut gezielt, dass er an seinen Kopfverletzungen verstarb. Die 'Fangruppe' konnte identifiziert werden. Nur sehr wenige kamen vor Gericht, wo es Freisprüche bzw. ganz wenige minimale Strafen gab. Da ja nicht genau nachzuweisen war, wer denn nun nun den 'finalen Wurf' getätigt hat. An diesem Tag war unser Rechtssystem, zu dem ich mich voll und ganz bekenne, wieder einmal sehr schwer erträglich für mich. Wer es genauer wissen möchte, was damals passiert ist, kann gerne bei Willi Lemke und Günter Netzer nachfragen.
Ihr5spieltjetzt4gegen2 10.12.2012
3.
Dieses Ereignis war für mich mitentscheidend für mein Engagement im Bereich Gewalt im Fußball. Ich arbeite seit Jahrzehnten in 'Fanprojekten', schon als es diesen Ausdruck noch gar nicht gab. In Deutschland und anderswo. Wobei es immer noch schlimmer geht, wie man im Heysel-Stadion erleben musste. Vieles ändert sich, manches auch zum Guten. Illusionen mache ich mir aber schon lange keine mehr. Weil es keine monokausalen Erklärungen für bestimmte Phänomene gibt. Wenn ich eine Lehre aus den ganzen Jahren gezogen habe, dann dass Gewalttäter im Fußball nichts, aber auch gar nichts verloren haben und dass es auf gar keinen Fall Verharmlosungen geben darf. Da lasse ich mich gerne mit Hohn und Spott überschütten und in die berühmte rechte Ecke stellen. Das ist mir wurscht. Die wirksamste Möglichkeit, Gewalttäter (gegen Sachen und Personen) unter den Zuschauern einigermaßen vom Fußball fernzuhalten, ist die Isolation. Die übergroße Mehrheit der Fußballanhänger ist eh friedlich, wir sprechen über eine kleine, aber radikale Minderheit. Diese Gruppierungen setzen sich -wie so oft- aus einem harten Kern, Handlangern und Mitläufern zusammen. Nach meiner Erfahrung besteht durchaus die Chance, durch dialogorientiertes Arbeiten, aber auch konsequentes Handeln Zugehörige zu den beiden letzten 'Subgruppen' zur Umkehr zu bewegen. Für den 'harten Kern' gilt dies nach meiner Erfahrung nicht. Dort, wo die friedliebenden Fans sich klar von den gewälttätigen distanzieren und auch zwecks Dingfestmachung mit den Behörden zusammenarbeiten, erzielt man erstaunliche Erfolge. Solange man allerdings ein gemeinsames Feindbild pflegt, gelingt dies nicht. Hier heißt es m.M.n. anzusetzen. PS Es wird von bestimmter Seite in der aktuellen Situation immer der jetzige Bundesinnenminister als der 'böse Bube' im politischen Bereich hingestellt. Siehe '11Freunde' etc.. Passt ja auch so schön, das Klischee. CSU-Mann aus Bayern, muss ja ein Haudrauf sein. Schaut man sich die Diskussion etwas genauer an, entdeckt man, dass es sich um die Innenminister der Länder und des Bundes handelt. Sollte mich wundern, wenn die auf einmal sämtlich den Christ-Sozialen angehören. Schaut man noch genauer hin, wird man entdecken, dass Herr Jäger, Innenminister von NRW und SPD-Mitglied, sich hier besonders hervortut. Böse Zungen behaupten, er trainiere bereits für den Job im Bund nach der nächsten Bundestagswahl.
ray4912 10.12.2012
4. ich lasse mich
Zitat von Ihr5spieltjetzt4gegen2Leider muss ich Dich etwas korrigieren. Ich tue dies ungern, bin es mir und anderen aber schuldig. Es ist noch gar nicht so lange her, da war ich bei der Einweihung einer Gedenktafel für Adrian Maleika in Bremen anwesend. Vor 30 Jahren war er der erste Tote bei sog. Fanausschreitungen im deutschen Fußball. Ein 17jähriger Auszubildender, der sein Leben noch vor sich hatte. Wollte nur seinen Verein spielen sehen in einem Derby. Dummerweise ist er eine Bahnstation zu spät ausgestiegen. Dort traf er auf eine Gruppe 'Fans' der anderen Mannschaft. Da er den offensichtlich falschen Schal trug, musste man ihn mit Steinen bewerfen. So gut gezielt, dass er an seinen Kopfverletzungen verstarb. Die 'Fangruppe' konnte identifiziert werden. Nur sehr wenige kamen vor Gericht, wo es Freisprüche bzw. ganz wenige minimale Strafen gab. Da ja nicht genau nachzuweisen war, wer denn nun nun den 'finalen Wurf' getätigt hat. An diesem Tag war unser Rechtssystem, zu dem ich mich voll und ganz bekenne, wieder einmal sehr schwer erträglich für mich. Wer es genauer wissen möchte, was damals passiert ist, kann gerne bei Willi Lemke und Günter Netzer nachfragen.
..lasse mich gerne von Dir korrigieren. Du hast die Kenntnisse im Detail, so auch zum geschilderten Vorfall, den ich vergessen hatte. Da hat genau das nicht gespielt, was ich fordere, mit der strengen Anwendung der bestehenden Gesetze durch die Richter, wenn man die Missetäter damals schon alle kannte....unbegreiflich! Zu Deinen Ausführungen im letzten Beitrag kann ich Dir nur gratulieren. Ich schrieb ja nichts anderes. Isolation der wenigen (in Prozent wenigstens) Übeltäter und verständnisvolle "Koexistenz" mit den emotionalen, kreativen und zum Teil auch lustigen Fans auf den Rängen, das sollte möglich werden. Wer übrigens ausserhalb des Stadions gewalttägig wird, verdient erst recht kein Pardon, da hat man ja keine Begründung für Spass und sportliche Emotions. Aber selbst die Isolation der Gewalttätigen und aus Dummheit Gemeingefährlichen braucht die (ehrlichen) Anstrengungen und die Zusammenarbeit im mindesten aller Klubs und aller Fangruppen, zuhause und auswärts! Ob das überall schon optimiert ist, resp. alle Fangruppen die schwarzen Schafe selber ausgrenzen, ich weiss es nicht genau, habe aber meine Zweifel.
fussball11 10.12.2012
5.
Das eigentliche Problem des Sicherheitskonzepts ist ja vor allem die fehlende Qualität, darüber sollte man mal reden. Das Besucher Aufkommen in Dortmund ist vergleichbar mit dem Passagier Aufkommen am Münchner Flughafen, nur das man dort den ganzen Tag Zeit hat für die Kontrollen. Es ist doch gar nicht möglich das Feuerwerk zu finden, zumal Heimfans schon in der Woche das Material deponieren. Meint man wenn man Stichprobenartig den Fans in den Ar.... guckt, das man dann Bengalos findet. Das zeigt doch nur wie weltfremd diese Vorschläge sind. Das Kartenkontingent für Auswärtsfans einzuschrenken, glaubt man etwa das deshalb die Krawallos zu Hause bleiben? Das sich vor einem Spiel die ganzen Kerle mit Stadionverbot im Umfeld der Arena tummeln wenn Spieltag ist, wird genauso ignoriert. Wenn die schon nicht rein dürfen, machen die eben vor dem Stadion Randale und wieder ist der Verein Schuld. Genauso wenig wie der DFB zur WM sichere Stadien bauen konnte, genauso wenig scheint er jetzt in der Lage zu sein die wirklichen Probleme überhaupt zu erkennen. Inkompetenz ist anscheinend Pflicht beim Thema Sicherheit. P.S. ...und unser Innenminister hat jahrelang fremdenfeindliche Terroristen unbehelligt durchs Land fahren lassen und die einzige Antwort darauf ist das Verschwinden von Akten - da will man von eigenem Versagen schon mal ablenken....
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