Staat vs. Fußballfans: Der unterschätzte Hooltra

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Stadionverbote, rigoroser Kampf gegen Pyrotechnik, nun sogar V-Leute in Fankurven - viele Ultras fühlen sich vom Staat verfolgt. Tatsächlich birgt die harte Gangart von Polizei und Fußballverbänden ein Problem: Sie stärkt die Position der aggressiven Hardliner.

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dapd

Fußballfans, Polizisten: Stimmung nach Sicherheitshysterie auf einem Tiefpunkt

Beginnen wir mit einem einfachen Vergleich: Wie viele Menschen wurden beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC verletzt? Kein einziger. Und wie viele Menschen kamen auf der Berliner Fanmeile beim EM-Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien zu Schaden? Die Berliner Polizei schrieb 99 Strafanzeigen, 36 davon wegen einfacher und schwerer Körperverletzung. 17 Personen wurden festgenommen.

An diesen zwei Beispielen kann man erkennen, wie schief die Debatte um Sicherheit bei Fußballspielen geführt wird. Nach dem Relegationsspiel in Düsseldorf gab es dank der Live-Übertragung sowohl medial als auch in der Politik kaum noch ein Halten. Obwohl niemand verletzt wurde, beherrschte das Thema tagelang die Schlagzeilen.

"Der wichtige sachliche Dialog mit Fans, Vereinen, Politik, Polizei und Öffentlichkeit wird durch diese Form des Populismus sabotiert. Wir sind an einer faktenbezogenen Diskussion interessiert und halten den Dialog mit den Verbänden offen", schrieben die Fanbeauftragten der Lizenzvereine Ende der vergangenen Woche in einer gemeinsamen Pressemitteilung.

Tatsächlich wird die Sicherheitsdebatte zum Teil krude geführt: Borussia Dortmund belegte 50 Fans mit Stadionverboten für je ein Jahr, weil sie bengalische Feuer gezündet hatten - nicht im Stadion, sondern auf der Meisterfeier in der Stadt, die die Polizei später als "friedlich" eingestuft hatte. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verbot wegen der Gefahr des Abbrennens von Pyrotechnik im Sommer sogar sämtliche Testspiele türkischer Clubs in Deutschland.

"Stadionverbote nach dem Gießkannenprinzip"

Auch jenseits der Pyrotechnik steht hartes Durchgreifen hoch im Kurs: Gegen zwei Fans des FSV Mainz 05, die sich eine Auseinandersetzung mit Neonazis am Bahnhof Remagen geliefert hatten, verhängte der DFB zwei Jahre Stadionverbot. Dabei hatte FSV-Fanprojekt-Mitarbeiter Matthias Schöffel das Verhalten der Mainzer in einer ersten Stellungnahme noch als "ein deutliches Zeichen unserer Fans, wie man zu so einer Gesinnung steht", bezeichnet.

"Die Zahl der Stadionverbote, die direkt vom DFB erteilt werden, hat im Zuge der aktuellen Sicherheitsdebatte zweifelsohne zugenommen", sagt Martin Endemann von der Fanvereinigung "Bündnis aktiver Fußballfans" (Baff). Dadurch, dass die Betroffenen sich nicht äußern könnten und dem DFB die Hintergründe oft gar nicht konkret vorlägen, treffe es "nach dem Gießkannenprinzip" durchaus "auch die Falschen."

Phillip Markhardt von der Fanorganisation ProFans kritisiert zudem, dass das rigorose und von vielen Fans als willkürlich empfundene Vorgehen von Verbänden und Vereinen den Hardlinern in der Fanszene nützt: "Diejenigen, die schon immer gesagt haben: 'Reden bringt doch eh nichts', fühlen sich jetzt bestätigt", so Markhardt.

Von zahlreichen Fanvertretern und Szenekennern bekommt man zu hören, dass die Stimmung nach der Sicherheitshysterie der vergangenen Saison an einem Tiefpunkt sei. Wenn es den Verantwortlichen nicht gelingt, die dialogbereiten Ultra-Gruppen wieder einzubinden, könnten DFB und DFL daher bald noch ein viel größeres Problem haben. Auf Nachfrage, wie denn der Plan für die Zukunft diesbezüglich aussieht, wollte die DFL keine Stellung beziehen.

Schläger-Treffen im Wald

Grundsätzlich stellt sich die Frage: Was passiert mit den mittlerweile Tausenden Fans die ein jahrelanges Stadionverbot erhalten? Die Antwort ist simpel: Zumeist bleiben sie weiterhin in ihren Gruppen und fahren nach wie vor organisiert zu jedem Heim- und Auswärtsspiel. Allerdings verbringen sie die 90 Minuten Spielzeit dann häufig an anderen Orten.

Ein szenekundiger Polizist aus Nordrhein-Westfalen sagte SPIEGEL ONLINE, dass zahlreiche der mit Stadionverboten bestraften Ultras in eine massiv neu aufkommende Hooliganszene abgedriftet sind: "Mittlerweile gibt es an jedem Wochenende etliche Treffen im Wald oder auf Feldern. Die Gruppen sind gut organisiert, es gibt sogar Geheimsprachen über Prepaid-Handys oder in sozialen Netzwerken", sagt der Beamte.

Genau diese Tendenzen hatte die Ultra-Bewegung eigentlich zu Beginn der nuller Jahre gut im Griff. Schlägereien im und um das Stadion waren noch bis vor wenigen Monaten die Ausnahme, der Wettkampf zwischen den Fangruppen bezog sich auf das Durchführen von Choreografien oder Schlachtgesängen. Mit dem polizeilich legitimierten Herausdrängen von gemäßigten Führungsköpfen der Ultra-Szene aus den Fankurven werden funktionierende Gruppen-Hierarchien gesprengt. Der Raum für alte Hooligans und neue Schläger, die nachrücken können, ist derzeit sehr viel größer, als es DFB und DFL wahrhaben wollen. Der Hooltra hält Einzug.

Doch statt die Fanprojekte noch stärker einzubinden, setzt die Polizei nun sogar auf den Einsatz von V-Männern. Dabei zeigt vor allem die Entwicklung in der Pyrotechnikdebatte, dass der Abbruch von Gesprächen zu einer rigiden Form des Fanprotests führt. Laut Markhardt "sollten sich die für die Sicherheit Verantwortlichen langsam mal fragen, ob ihre Taktik nicht völlig kontraproduktiv ist".

Mit dieser Einschätzung ist er in der Fanszenen nicht allein.

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insgesamt 171 Beiträge
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1. optional
TeslaTraX 21.08.2012
das ist doch ein soziales problem in der BRD, irgendwo lassen die es einfach raus....
2. Eine Frechheit,
traldors 21.08.2012
das die Gesellschaft die Kosten der Polizeieinsätze bei und während der Spiele zu tragen hat.
3. .
Randale Bambule 21.08.2012
Und wen juckts wenn sich im Wald Gleichgesinnte auf die Fresse hauen, wo keine Unbeteiligten dabei sind? Den Wutbürger bei SpOn! Sonst aber niemanden. Schießt ruhig weiter scharf gegen gemäßigte Ultras und macht weiter schön aus jedem bengalischen Feuer einen Bürgerkrieg. Die Hoolszene dankt den Medien den Nachwuchs!
4. Erstens....
aprilapril 21.08.2012
Zitat von sysopdapdStadionverbote, rigider Kampf gegen Pyrotechnik, nun sogar V-Leute in Fankurven - viele Ultras fühlen sich vom Staat verfolgt. Tatsächlich birgt die harte Gangart von Polizei und Fußballverbänden ein Problem: Sie stärkt die Position der aggressiven Hardliner. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,850546,00.html
sollten Polizeieinsätze den Vereinen in Rechnung gestellt werden. Meine private Fete wirds auch nicht kostenlos mit Polizeischutz gesichert. Zweitens Einsätze bitte reduzieren, lasst denen doch ihre Köpfe einschlagen oder durch Pyrotechnik Verbrennungen angedeihen, vielleicht vermindert sich dann die Zahl der Volldeppen.
5. Ursache und Wirkung
Cube1974 21.08.2012
Leider merke ich in vielen Artikeln die sich mit dem Thema Ultras und vermeintlicher Fangewalt auseinander setzen eine Tendenz, die die Ursache für teilweise tatsächlich übertriebenen Sicherheitsdiskussionen kleinreden, oder nicht wahrhaben wollen. Es liegt nicht an dem Verbot von Pyro in Stadien, oder daran, dass Gewalt im Zusammenhang mit Fussballspielen fehl am Platz ist und bekämpft werden sollte. Es liegt daran, dass eine kleine Anzahl von Fans, die sich über die Belange der großen Mehrheit echter Fan hinwegsetzt. Früher nannte man diese einfach Hooligans und somit war deren Gewaltpotential und teilweise auch politische Gesinnung (meist rechts) klar umschrieben. Heute nennen sich die teilweise gleichen Leute ULTRAS, und sind davon überzeugt die einzig wahren Fussball-Fans zu sein. Deshalb ist es Ihnen egal, was die anderen 95 % der Fans denken, was die Spieler und der Club zu Ihrem verhalten sagen. Vielmehr ist die Ablehnung der genannten Parteien ein einendes Merkmal der ULTRAS. Nach dem Motto: Wir lieben den Club. Aber nicht den, der z.Z. spielt, sondern den, der uns mit allen unseren Marotten akzeptiert. Also bevor man Stadionverbote in Frage stellt, und über den Sinn dieser Nachdenkt. Bitte auch die Frage stellen, muss es dazu kommen, dass Stadionverbote verhängt werden. NEIN ist meine Antwort. Ich gehe seit 25 Jahren ins Stadion. Immer Stehplatz. Auswärtsfahrten zu Hauf. Konflikt mit der Polizei = 0.
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