Posse um Köln-Coach Solbakken: Ein Verein zerlegt sich selbst

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Es ist eine Entscheidung mit Nachgeschmack. Stale Solbakken bleibt vorerst Trainer des 1. FC Köln, doch das Bekenntnis der Vereinsoberen zum Coach fällt nur halbherzig aus. Das Hin und Her zeigt vor allem eins: Die Rheinländer haben ein massives Führungsproblem.

Augsburg-Sieg gegen Köln: Solbakkens Sorgen werden größer Fotos
DPA

Stale Solbakken grinste schelmisch. So verzieht der Norweger seine Mundwinkel fast immer, wenn er sich kurz danach in Sarkasmus oder Ironie flüchtet: "Ich bin wahrscheinlich noch Trainer, weil Starcoach José Mourinho nicht ans Telefon gegangen ist." Der 44-Jährige zieht seine Situation gekonnt ins Lächerliche. Was anderes bleibt ihm kaum übrig. Die Sonntagsposse um seinen Joberhalt war mehr als unwürdig. Und offenbarte die Führungsschwäche des Vereins.

Bereits am frühen Vormittag hatte Geschäftsführer Claus Horstmann Stellung am Geißbockheim bezogen. Der 47-Jährige erklärte nach der 1:2-Niederlage gegen Augsburg vom Samstag, dass es nun Gespräche über den weiteren Saisonverlauf geben würde. Schnell wurde klar, dass diese Gespräche nur einem Zweck dienen sollten: einer Entscheidung darüber, ob Solbakken weiterhin als Trainer des Tabellenfünfzehnten fungieren darf, oder ob er abgelöst werden soll.

Horstmann stellte den Norweger damit in aller Öffentlichkeit bloß, lediglich der Zeitpunkt der Trennung schien noch unbestimmt. Während Solbakken also das Vormittagstraining leitete, bereitete Horstmann Einzelgespräche mit Führungsspielern wie Lukas Podolski, Kapitän Pedro Geromel oder Sascha Riether vor. Auch eine Telefonkonferenz mit den Verwaltungsratsmitgliedern stand bevor.

Zwischendurch schien Solbakken in Köln schon Geschichte

All dies erreichte brühwarm die Öffentlichkeit. Der "Kölner Express" richtete sogar eigens einen Liveticker vom Geißbockheim ein. Es wirkte wie das Warten auf weißen Rauch.

"Ich weiß nicht, ob ich heute Nachmittag noch Trainer sein werde", zuckte Solbakken selbst nach dem Training nur die Schultern und fuhr anschließend nach Hause. In den folgenden Stunden wurden immer wieder Namen und Möglichkeiten diskutiert, zwischenzeitlich soll Solbakken bereits Geschichte gewesen sein. Ein Konzept mit dem Trainertrio Frank Schaefer, Dirk Lottner sowie Stephan Engels wurde von den Verantwortlichen diskutiert. Kurz nach 16 Uhr sickerte aus dem vertraulichen Gremium durch, dass Schaefer - im Vorjahr bereits für ein paar Monate als Chefcoach verantwortlich - übernehmen werde. Gleichzeitig soll aber auch Solbakken über die Fortführung seiner Amtszeit informiert worden sein. Das Informationschaos war perfekt.

Was bleibt ist eine Posse, die einen extrem geschwächten Trainer zurücklässt, da das Vertrauen in Solbakken an diverse Auflagen gekoppelt ist: "Es wird drastische Veränderungen in der Mannschaft und in der Trainingsvorbereitung für das Spiel gegen Bremen geben. Das ist Aufgabe von Stale Solbakken und so mit ihm besprochen", sagte Horstmann. Wie diese Maßnahmen konkret aussehen sollen, wollte der Geschäftsführer nicht verraten. Er ergänzte lediglich: "Die Maßnahmen bedeuten sicherlich eine kleine Veränderung seines [Solbakkens, d. Red.] Wegs."

Professionalität ist verloren gegangen

Wie ein Trainer, der so öffentlich von einem Verein vorgeführt wird, dieses verunsicherte Team noch auf den richtigen Kurs bringen soll, ist allerdings mehr als fraglich. Wenn dazu der Geschäftsführer ein derart struktur- und konzeptloses Bild abgibt, stellt sich die Frage: Ist dem FC die Professionalität vollkommen abhanden gekommen?

Die Antwort: Im sportlichen Bereich ist das so. Nach dem Präsidenten-Rücktritt von Wolfgang Overath, dem Rausschmiss von Sportdirektor Volker Finke steht nun an der Kölner Spitze mit Horstmann eine Person, die dem Fachportal "Karriereführer.de" einmal sagte: "Bis ich zum FC gewechselt bin, hatte ich mit Fußball nichts mehr zu tun." Das war 1999. Davor kümmerte er sich fünf Jahre lang um den Aufbau von künstlich angelegten Ferienresorts. Bis zum Wechsel zum FC beschränkte sich die Fußballfachkompetenz Horstmanns auf einige wenige Besuche im Stadion des FC Schalke 04.

Dieser Mann ist nun derjenige, der den Kölnern sportliche Strukturen für den Verbleib in der Bundesliga garantieren soll. Wie dies gelingen kann, dafür liefert er bislang keine Antworten. Es war zu hören, dass Solbakken seine Trainingsgestaltung künftig enger mit Schaefer und Engels abstimmen muss. Und dass einige Lizenzspieler womöglich demnächst in die Reservemannschaft degradiert werden.

Aber wirklich klar ist dies keinesfalls. Es ist nichts klar in Köln. Derzeit herrscht im Verein, in der Clubspitze, in der Mannschaft ein größeres Durcheinander als Weiberfasnacht auf der Zülpicher Straße. Und das mitten in der Fastenzeit.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Nicht richtig hingeguckt
teekaysevenfive 01.04.2012
Zitat von sysopDPAEs ist eine Entscheidung mit Nachgeschmack. Stale Solbakken bleibt vorerst Trainer des 1. FC Köln, doch das Bekenntnis der Vereinsoberen zum Coach fällt nur halbherzig aus. Das Hin und Her zeigt vor allem eins: Die Rheinländer haben ein massives Führungsproblem. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,825119,00.html
Lieber Rafael Buschmann. Erstens hat sich Herr Horstmann eindeutig hinter den Trainer gestellt und die Mannschaft in die Pflicht genommen. Eindeutiger geht es kaum. Zweitens, ja, der Verein liegt (fast) im Chaos, hat aber kein Führungsproblem. Er hat gar keine Führung. Auch Ihnen dürfte aufgefallen sein, dass die Posten von Präsident und Sportdirektor seit einiger Zeit vakant sind und der nicht zu beneidende Herr Horstmann sich darum kümmern kann dafür zu sorgen, dass nicht alles im Chaos versinkt.
2. Falsch
no_angie 01.04.2012
Zitat von sysopDPAEs ist eine Entscheidung mit Nachgeschmack. Stale Solbakken bleibt vorerst Trainer des 1. FC Köln, doch das Bekenntnis der Vereinsoberen zum Coach fällt nur halbherzig aus. Das Hin und Her zeigt vor allem eins: Die Rheinländer haben ein massives Führungsproblem. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,825119,00.html
"Derzeit herrscht im Verein, in der Clubspitze, in der Mannschaft ein größeres Durcheinander als Weiberfasnacht auf der Zülpicher Straße. Und das mitten in der Fastenzeit." Nein, falsch!! Dort wird wenigstens gemeinsam gefeiert. Beim FC dagegen ist derzeit nur Chaos. Die Pfeifen, die Finke an Land gezogen haben, sollten nach Düsseldorf abgeschoben werden.
3. Das vestehe wer will
h0wkeye 01.04.2012
Da wird nun mit allen Spielern ein Einzelgespräch geführt und das Ergebnis ist, das der Trainer bleibt. Anscheinend also auf Wunsch und unter Absprache mit den Spielern. Stellt man so einen Trainer bloß? Wer hier bloßgestellt wurde war die Presse, die wieder einmal irgendwelche "durchgesickerten" Gerüchte zur Tagesmeldung erhoben hat und damit ausnahmsweise mal am selben Tag - und damit auch für den dümmsten Leser merk- und nachvollziehbar auf die Fresse gefallen ist. Das nun eben diese Presse in dieser Form zurück schlägt - ein Schelm der Böses dabei denkt....
4. Schechter Verlierer
vaikl 01.04.2012
Da ist wirklich Jemand einfach nur sauer, dass er die "3 Trainer an einem Tag entlassen!"-Schlagzeile dann doch nicht bringen durfte...
5. Ach SPON...
pap1 01.04.2012
... heute verwechselt Ihr Ursache mit Wirkung. Die Posse habt doch heute die Presse geliefert, Express, Sky und Ihr ebenso. Schlecht gelaufen, da war wohl der Wunsch der Vater Eurer Gedanken.
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