Chaos in Paderborn Ein Klub unter der Gürtellinie

Der SC Paderborn ist derzeit das Dschungelcamp des deutschen Fußballs. Statt sich um sportliche Belange zu kümmern, muss sich der Verein mit einer Penis-Affäre herumschlagen. Der erhoffte Stefan-Effenberg-Effekt ist längst verpufft.

Eine Glosse von


Was bisher geschah: Zuletzt ging es im Dschungelcamp so richtig ab. Nick schlug über die Stränge und hat zu vorgerückter Stunde Charlotte das vorgezeigt, was bei den Dschungelprüfungen an sich zum Verspeisen gedacht ist.

Die Empörung war groß, obwohl Charlotte das angeblich alles gar nicht so schlimm fand. Jedenfalls kam es zur Konfro mit Thorsten, ach, nein, der heißt ja Stefan. Reinstes Kasalla. Zum Glück hat Wilfried, der Boss vom Dschungelcamp, am Ende herausgefunden, dass Stefan sich wie vorgeschrieben an die Nachtruhe gehalten hat. So wurde nicht er rausgewählt, sondern Nick. Morgen dann die Fortsetzung.

Das ist natürlich alles Unsinn. Im Dschungelcamp würde es nie so drunter und drüber gehen.

Hier handelt es sich vielmehr um Einblicke in den deutschen Profifußball. Internes aus der stärksten 2. Liga der Welt.

Es geht um den SC Paderborn. Der war mal ein artiger, angenehm langweiliger Provinzverein. Um den die Kollegen der "Bild"-Zeitung jahrelang einen großen Bogen machten, weil dort nie etwas aufsehenerregendes passierte. Dann jedoch geschah es, dass dem Verein auf wundersame Weise der Aufstieg in die 1. Bundesliga gelungen ist. Die Erstligazugehörigkeit geriet zwar zu einem Kurztrip, aber das eine Jahr im Oberhaus reichte offenbar, um dem Verein genug Flausen in den Kopf zu setzen. Bling Bling an der Pader.

Schon im Dezember drei Spieler suspendiert

Stefan Effenberg, der Tiger, der Mittelfinger der Fußballnation: Seit Oktober ist er der Trainer in Paderborn. Und obwohl er sich bemüht, den grundsoliden Arbeiter mit Grasfresser-Sprüchen zu geben, sodass sich selbst ein Thorsten Legat anstrengen muss, dies noch an Medizinball-Rhetorik zu überbieten, hat Paderborn seitdem das Etikett der Skandalnudel der 2. Liga weg. Konkurrent 1860 München gibt sich zwar Mühe, erblasst aber vor Neid.

Schon vor Weihnachten wurden drei Spieler in einer Nacht-und-Nebel-Aktion suspendiert, und keiner in Verein und Mannschaft weiß bis heute so recht zu erklären, warum eigentlich. Es folgte in der Winterpause die "Sex-Affäre von Belek", der "Penis-Skandal". Auch hier gibt's wieder unterschiedlichste Versionen des Hergangs. Und die lokalen Sportredakteure haben sich von da an fußballerischen Taktikfragen zuzuwenden wie: Hat der mittlerweile suspendierte Stürmer Nick Proschwitz sich im Foyer des Teamhotels entblößt, oder wurde ihm vielmehr von Mitspielern die Hose heruntergezogen? Wurde zuvor im Hotelflur uriniert? Sind es jetzt Blumenkübel oder Vasen gewesen, die am Mannschaftsabend in den hoteleigenen Swimmingpool geflogen sind?

Paderborn-Präsident Finke: "Die Nachtruhe eingehalten"
DPA

Paderborn-Präsident Finke: "Die Nachtruhe eingehalten"

Da tritt Wilfried Finke auf den Plan, der Präsident und Geldgeber, Inhaber einer regionalen Möbelhauskette (Werbeslogan: "Geballtes Fachwissen") und offenbar mit detektivischem Talent ausgestattet. Er hat mithilfe einer Intensivrecherche herausgefunden, dass an jenem Abend "Trainer und Co-Trainer die Nachtruhe eingehalten" haben und daher die folgenden Saturnalien (Stichwort: Partyborn) vom Klassenerhalt träumend unschuldig verschlafen haben. Zudem stellte Mittelständler Finke richtig, dass es sich bei dem, was in den Pool flog, "nicht um eine Vase handelte, sondern um einen Spieler, der eine Wette verloren hat". Da kommt ihm seine Expertise als Chef eines Einrichtungshauses zugute, der genau weiß, was eine Vase von einem Spieler unterscheidet.

Effenberg "muss jetzt liefern"

Also befand Finke: Effenberg darf bleiben, selbstverständlich mit dem mittlerweile üblichen Zusatz: "Er muss jetzt liefern." Und über Proschwitz: "Der Spieler Nick Proschwitz wird das Trikot des SC Paderborn nicht wieder überstreifen." Und damit wird der gute Mann nun auch noch seiner Oberbekleidung beraubt.

Nun ist man in dieser altehrwürdigen Bischofsstadt, in der der heimische Bürgerschützenverein das Motto "Glaube, Sitte, Heimat" vor sich her trägt, Skandale durchaus gewohnt. Schließlich gab es hier schon die Aufregung um Robert Hoyzer, als dem SC Paderborn durch einige kreative Schiedsrichterpfiffe der Pokalerfolg über den großen Hamburger SV in den Schoß fiel. Oder dereinst um den Leiter des Ordnungsamts, der es sich nicht nehmen ließ, die ihm zur Kontrolle unterstehenden Etablissements der Umgebung höchstselbst zur Nachtzeit zu inspizieren, und dabei die Sperrstunde dieser Häuser eigenmächtig so lange ausdehnte, bis er selbst geruhte, nach Hause zu wanken.

Dass die aktuellen Vorgänge den SCP zur Lachnummer der Liga gemacht haben, ist das eine. Dass Proschwitz selbst, zu Saisonbeginn aus England mit hohen Erwartungen zurückgeholt, die Vorwürfe bestreitet und trotzdem gehen muss, obwohl die angeblich belästigte Frau nach eigener Aussage davon gar nichts mitbekommen habe, ist das andere. Die "Sport Bild", die das Chaos an der Pader über Tage genüsslich begleitet hat, kommentierte am Ende lakonisch: "Der prominente Name Effenberg hat den Trainer gerettet."

Am übernächsten Wochenende startet der SC Paderborn mit dem Auswärtsspiel in Sandhausen in das Fußballjahr 2016. An diesem Wochenende ist für den Verein noch spielfrei, um Terminkollisionen zu vermeiden: Dann wird der Dschungelkönig gewählt.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Ultras 26.01.2016
1. Danke!
Großartig geschrieben, ich hatte viel Spaß beim Lesen. Dafür vielen Dank!
norbi123 26.01.2016
2.
Nun, vernommen hat man dieses "Vorkommnis" wohl allerorten, war ja aufgrund der zahlreichen Berichte dazu unumgänglich. Ich bin sicher niemand, der (wenn es sich so ereignet hat) herunterspielt, aber im Ernst: Muss man den SCP und die Stadt Paderborn gleich so durch den Kakao ziehen?! Im Übrigen bin ich kein SCP-Fan, aber es wirkt alles wie ein groß aufgebauschtes Medienkonstrukt.
jo65ma 26.01.2016
3. Herrlich!
Sehr witziger Artikel. Und der nächste Trainer beim SCP wird Dschungelkönig Thorsten Legat.
troy_mcclure 26.01.2016
4.
Sehr amüsant geschrieben. Wenn Effe den Weg ist kann Loddar ja übernehmen.
svennzon 26.01.2016
5. Partyborn...
...auf jeden Fall nicht Paderboring, wie ich heut Morgen mal irgendwo vernommen hab.
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