Leverkusen-Angreifer Kießling Löws nächster Kuranyi

Seit Monaten bringt Stefan Kießling bei Bayer Leverkusen Top-Leistungen, aber beim Bundestrainer findet der Stürmer kein Gehör. Joachim Löw setzt vielmehr auf die bewährten Miroslav Klose und Mario Gomez. Der öffentliche Druck macht den Bundestrainer erst recht unnachgiebig.

Bayer-Angreifer Kießling: Ikea statt Frankreich
Bongarts/Getty Images

Bayer-Angreifer Kießling: Ikea statt Frankreich

Aus Paris berichtet


Stefan Kießling hat über Facebook seine Anhänger wissen lassen, wie er seinen Wochentag verbringt. Er baut Regale zusammen, die er bei einem Ikea-Besuch letztens erstanden hat. Zudem bewirbt Kießling das eigene Kochbuch, das er kürzlich herausgegeben hat.

Für solche Nebentätigkeiten hat der 29-jährige Stürmer von Bayer Leverkusen gerade ausreichend Muße, weil er trotz konstant starker Leistung im Verein zum wiederholten Male nicht in den Kreis der Nationalmannschaft geladen wurde. Wenn das Team von Bundestrainer Joachim Löw am Mittwoch in Paris zum Prestigeduell gegen Frankreich antritt (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), sitzt Kießling neben den frisch zusammengeschraubten Ikea-Regalen daheim vor dem Fernseher. Warum eigentlich?

Kießling hat in dieser Saison bisher 13-mal für Bayer getroffen. Nur der Bayern-Mittelstürmer Mario Mandzukic hat noch ein Tor mehr auf dem Konto. Am Wochenende bewies Kießling im Top-Spiel gegen Borussia Dortmund seine Vorbereiterqualitäten. Der Angreifer ist seit Monaten in bester Verfassung, zudem spielt er als fast klassischer Mittelstürmer eine Position, in der die Nationalmannschaft alles andere als überbesetzt ist.

Nach Kloses Verletzung wurde Defensivmann Bender nachnominiert

Dennoch setzt Löw unbeirrt auf seine beiden Stammstürmer Miroslav Klose und Mario Gomez. Und selbst als sich Klose vor dem Frankreich-Spiel kurzfristig verletzt hatte, wurde am Montag nicht Kießling nachnominiert, was naheliegend gewesen wäre, sondern der Dortmunder Defensivspezialist Sven Bender.

Der Leverkusener hat beim Trainerstab des DFB keine große Lobby, das ist bekannt, auch wenn Löw seine Leistungen zuletzt noch einmal als "bemerkenswert" herausgestrichen hat. Aber als die "Bild"-Zeitung in der Vorwoche verkündete, der Bundestrainer habe dem Stürmer eine Kadernominierung für die beiden WM-Qualifikationspartien gegen Kasachstan Ende März zugesichert, widersprach Löw unverzüglich und in deutlichstem Tonfall.

Er werde Kießling "nicht für ein Spiel zurückholen, sondern dann, wenn ich ihm eine berechtigte Hoffnung und Perspektive bieten kann", so Löw. Das hört sich wie ein Angebot an, ist aber letztlich eine Absage. Verklausuliert heißt es nichts anderes als: Sofern Klose und Gomez fit und gesund sind, gibt es für Stefan Kießling keinen Platz. Beide, so der Bundestrainer, "verkörpern in hohem Maße unsere Spielphilosophie". Man muss das Unausgesprochene ergänzen: Kießling aus seiner Sicht nicht.

Dass sich vor allem die "Bild"-Zeitung so vehement für den Leverkusener stark macht, lässt die Chancen des Spielers dabei eher sinken als steigen. Löw hat es immer schon gehasst, wenn Medien versucht haben, ihm personelle Ratschläge zu erteilen. Das war in der Causa Kevin Kuranyi vor der Weltmeisterschaft 2010 nicht anders. Damals verzichtete Löw nach dem medialen Pro-Kuranyi-Hype erst recht auf den Stürmer. Man mochte es konsequent nennen, man konnte es stur nennen. Der anschließende beeindruckende Auftritt des Teams in Südafrika gab ihm Recht.

Seit der EM gibt es wieder den Versuch, Spieler ins Team zu schreiben

Nach der WM war Löw zwei Jahre lang nahezu unangreifbar. In dieser Zeit hat es auch die "Bild"-Zeitung nicht mehr versucht, durch eine kampagnenartige Berichterstattung Spieler ins Aufgebot hineinzuschreiben - im Wissen, dass der Bundestrainer in der stärkeren Position war. Das hat sich mit dem jähen Halbfinal-Aus bei der EM im Vorjahr nun offenbar geändert.

Seitdem gilt Löw als geschwächt. Und es ist kein Wunder, dass nun wieder Spieler von außen massiv für die Nationalelf beworben werden. Erst war es der Hamburger Torhüter René Adler, jetzt ist es Kießling. Adler wird gegen Frankreich spielen, sein Konkurrent Manuel Neuer bleibt aber jenseits jeder Kritik die Nummer eins. Wenn er ausfiele, schadet es trotzdem nicht, einen starken Adler in der Hinterhand zu haben.

Bei Kießling liegen die Dinge allerdings anders. Der Stürmer ist bereits 29 Jahre alt. Es widerstrebt Löw zutiefst, Spieler in diesem Alter noch ins Team einzubauen - zumal er mit Marco Reus, mit Mario Götze, Thomas Müller und Lukas Podolski in der Offensive über genügend Optionen verfügt. Klose ist zwar noch fünf Jahre älter als der Leverkusener, aber bei dem Lazio-Stürmer weiß Löw ganz genau, was er an ihm hat. Klose läuft mittlerweile quasi außer Konkurrenz.

"Wir hatten die jüngste Mannschaft bei der EM", hat Löw am Dienstag bei der Abschlusspressekonferenz vor dem Frankreich-Spiel mit spürbarem Stolz in der Stimme verkündet und angefügt: "Dieses Team hat seine besten Zeiten noch vor sich."

Für einen fast 30-Jährigen gilt das nicht mehr.



insgesamt 107 Beiträge
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tgio1970 06.02.2013
1. Ach Loewsche.....
Un deshalb werdense unnerm Loew ach kan Title gewinne. Denn de Loew vergeigt de goldene Generation.
stevenspielberg 06.02.2013
2. Löw ist sturr
Zitat von sysopBongarts/Getty ImagesSeit Monaten bringt Stefan Kießling bei Bayer Leverkusen Topleistungen, aber beim Bundestrainer findet der Stürmer kein Gehör. Joachim Löw setzt vielmehr auf die bewährten Miroslav Klose und Mario Gomez. Der öffentliche Druck macht den Bundestrainer erst recht unnachgiebig. http://www.spiegel.de/sport/fussball/stefan-kiessling-loews-naechster-kuranyi-a-881682.html
Das war das schlimme an der WM. Alle haben die Mannschaft wegen ihrer tollen Spielweise gelobt. Aber war das Turnier erfolgreich? Nein, Platz3 kann nicht der Anspruch eines dreimaligen Weltmeisters sein, der eines der besten Mannschaften seiner Geschichte hat. Löw hatte damals auf die spielfreudigen gesetzt und die Kämpfer wie Kuranji und auch Frings zu Hause gelassen. Vor allem letztere hätte im Halbfinale nach dem Rückstand das Heft in die Hand genommen und gekämpft bis der Ausgleich irgendwie gefallen wären. Im Elfmeterschießen wären wir dann ins Finale eingezogen und hätten gegen Holland den Titel geholt! Aber Löw hält sturr an seinem Konzept der Schönspielerei fest mit dem man zwar beeindruckend spielt, aber keine Titel holt. Und daran muss ein Bundestrainer gemessen werden!
rics 06.02.2013
3.
"Dieses Team hat seine besten Zeiten noch vor sich." Aber nicht mit diesem Trainer!
whitewolfe 06.02.2013
4. Löw macht einen grossen Fehler
wenn er Kiessling nicht beachtet.Aber keine Sorge wir werden mit Löw niemals einen Titel gewinnen.Löw kann zwar prima am grünen Tisch Taktik austüfteln,vielleicht besser als alle anderen.Aber er kann nicht die Mannschaft dazu bringen über ihre Leistungsgrenzen hinauszugehen.Und genau das ist es was man braucht um Spanien,Italien oder Brasilien zu schlagen.Diese Teams kann man nicht ausrechnen,die müssen besiegt werden,wir brauchen einen besseren Motivator,Antreiber so wie es Sammer ist???Mit Löw wird das nie was!!!
enivid 06.02.2013
5. Der Bundestrainer...
... wird meines Erachtens eh vollkommen überschätzt. Das ein so klasse Stürmer wie Kießling nicht mit ins Aufgebot kommt ist wirklich schade und zeigt, dass Herr Löw keine objektive Sicht der Qualität der einzelnen Spieler hat und einfach auf Bayern-Spieler setzt.
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