DFB-Bundestrainerin Steffi Jones Sie kann auch anders

Steffi Jones ist schon ewig beim DFB, dennoch betritt sie bei der EM Neuland. Erstmals betreut sie als Bundestrainerin das erfolgsverwöhnte Team bei einem großen Turnier - und steht dabei unter besonderer Beobachtung.

Bongarts/Getty Images

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Daran muss man sich erst gewöhnen. Das deutsche Frauenfußball-Nationalteam spielt ein großes Turnier, und Silvia Neid ist nicht dabei. Seit 1982 gehören Neid und der DFB zusammen, als Spielerin, als Co-Trainerin, als Chefcoach bis zu den Olympischen Spielen von Rio. Das sind 34 Jahre. Angefüllt mit WM-Titel, Gold bei Olympischen Spielen und einem Abonnement auf den Gewinn der Europameisterschaft.

Dagegen ist Steffi Jones eine Anfängerin. Sie gehört erst seit 24 Jahren zum DFB-Kosmos.

111 Länderspiele hat Jones zwischen 1993 und 2007 für Deutschland gemacht, das sind genau so viele, wie Neid hatte. Und es könnte sein, dass sich die Gemeinsamkeiten damit auch erschöpfen. Danach ist sie in die Administration an der Otto-Fleck-Schneise gegangen, hat die Heim-WM als OK-Chefin organisiert, war danach für Frauenfußball im Rang einer Direktorin zuständig, gut dotiert, mit dem Recht auf einen eigenen Parkplatz direkt vor der DFB-Eingangspforte. Viele würden das als Traumjob bezeichnen.

Viel Kritik an ihrer Berufung

Und doch hat Steffi Jones die Gelegenheit ergriffen, als sie sich bot, den Schreibtisch wieder zu verlassen. Ein Jahr lang hat sie sich als Assistentin angeguckt, wie Neid das so macht. Seit September ist sie die Chefin, ihr erster Trainerjob ist gleich die Betreuung von Deutschlands Renommierteam. Viele haben das kritisiert, konnten es nicht verstehen, wie man dieses Team jemandem ohne Erfahrung anvertraut. Als Franz Beckenbauer dies einst bei den Männern ähnlich machte, fanden es alle toll.

Wenn es jetzt zur Europameisterschaft in die Niederlande geht., schreiben viele von einer "Reifeprüfung". Jones weiß, dass sie unter verschärfter Beobachtung steht, der Titel ist fast Pflicht, nach sechs EM-Titeln in Folge für Deutschland. Sie selbst sagt, "eigentlich kommt das Turnier zu früh", sie hat angefangen, Dinge anders zu machen als ihre langjährige Vorgängerin, und sie ist noch mittendrin im Umbruch. Sie sagt: "Was wir von den Spielerinnen verlangen, ist die komplette Umstellung." Nicht weniger.

Am einfachsten lässt sich an den Auftritten der Bundestrainerin erkennen, wie sich die Dinge verändert haben. Silvia Neid ist bei allen Erfolgen unnahbar geblieben, zuweilen anstrengend in der Kommunikation, sie hat das Wort "schnippisch" in die Berichterstattung über den Frauenfußball eingeführt.

Jones, die als Spielerin fürs Defensive zuständig war, ist der gegenteilige Typ. Auf den Pressekonferenzen wird gelacht, die Nationalspielerinnen bekamen Spitznamen von Comicfiguren zugeteilt, Jones hat eher die Schwierigkeit, der Öffentlichkeit klarzumachen, dass sie auch mal hart sein kann. Ein Turnier bietet dazu die beste Gelegenheit.

Verhältnis zur Liga beruhigt

Als Jones Cheftrainerin wurde, hat sie sich als erstes den Essener Bundesligacoach Markus Hoegner als Assistenten an ihre Seite geholt. Das war schon einmal geschickt. Das Verhältnis der Liga zum Nationalteam war jahrelang belastet, die Vereinstrainer taten nichts lieber, als gegen Neid und den DFB zu sticheln. Diese Front hat sich beruhigt, seit Jones das Sagen hat. Auch seit in der Liga so knorrige Typen wie Turbine Potsdams ewiger Coach Bernd Schröder, eine Art Lieblingsfeind von Silvia Neid, nicht mehr in Amt und Würden sind.

Jones spricht gerne von "positiver Arroganz", die die Nationalspielerinnen ausstrahlen sollen. Was wohl so viel heißen soll wie: Sie sollen wissen, was sie können, aber sie sollen nicht überheblich werden. Ein Balanceakt. Zahlreiche Stars aus der Neid-Ära haben aufgehört, zuletzt Melanie Behringer, Saskia Bartusiak und Annike Krahn. Andere sind verletzt: Simone Laudehr, Melanie Leupolz, Alexandra Popp. Der Erfolg des Teams hängt daher auch daran, wie die übrig gebliebenen Leistungsträgerinnen ins Turnier kommen. Allen voran Stürmerin Anja Mittag, Abwehr-Routinier Babett Peter und die neue Kapitänin Dzsenifer Maroszan. Am Montag im ersten Gruppenspiel geht es gegen die Schwedinnen (TV: 20.15 Uhr ARD), das wird bereits ein Lackmustest für dieses Team.

Wenn es darum geht, wie sehr Jones führen kann, wird von ihr selbst gerne die Geschichte von dem Supermarkt erzählt: Mit 21 Jahren wurde die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau zur Marktleiterin einer Filiale ernannt, die älteren Kolleginnen hätten damals zunächst die Nase gerümpft. "Es dauerte ein Vierteljahr, dann haben sie gemerkt: Sie ist fleißig, die macht es gut, die Inventur stimmt," sagte sie im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Jetzt will sie wieder Marktführerin sein.

Der Sportinformationsdienst schreibt: "Die Frage: 'Kann sie das?' begleitet Jones." Ab Montag ist Inventur.

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rjb26 16.07.2017
1. das soll und wird
die schon machen. ein paar mehr positive Nachrichten über Frauen uch im Sport wären nicht schlecht. wo ist eigentlich die Nachricht über das Damen Doppel Finale in Wimbledon
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