Von Philipp Köster
Vor ungefähr 3,6 Millionen Jahren lernte der Mensch, auf zwei Beinen zu stehen. Der aufrechte Gang gilt neben der Bildung des Gebisses und der Vergrößerung des Hirns als wichtigster Schritt in der Entwicklung zum Homo sapiens. Seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzt sich der Mensch wieder hin. Zumindest in europäischen Fußballstadien.
In lauernder Haltung hockt der Zuschauer dort auf biegsamen Schalensitzen, nur hin und wieder springt er auf, um sich dann schnell wieder hinzukauern. Eine Haltung, die es ihm unmöglich macht, laut zu singen oder zu brüllen, zu gekrümmt das Rückgrat, zu wenig Luft in den Lungen. Ein bizarrer Knick in der Evolution, vor allem aber einer der größten Irrtümer der Fußballgeschichte: die weitgehende Abschaffung der Stehplätze in Europa.
Um den Kulturbruch zu begreifen, den der Siegeszug der Plastiksitze bedeutet, muss man zurückblicken in die sechziger Jahre. Damals wandelte sich das Selbstverständnis des Publikums. Zunächst in Großbritannien, später auch in Zentraleuropa wurden aus Zuschauern Fans, die für sich in Anspruch nahmen, Akteure des Spiels zu sein und es im günstigsten Fall mitentscheiden zu können. Aus diesem plötzlich erwachten Selbstbewusstsein erwuchs alles, was wir heute als Fankultur kennen, die Gesänge, die Fahnen, die Schals in Vereinsfarben, kurzum: die leidenschaftliche, bedingungslose, oftmals lebenslange Identifikation mit dem Club.
Der Fanblock bringt Lektionen fürs Leben
Zelebriert wurde diese Symbiose auf den Stehplatzrängen der Stadien, dem Vorbild des legendären Liverpooler Kop folgend, auf dem viele tausend Fans Schulter an Schulter wogend Popsongs umdichteten und inbrünstig in Richtung Rasen schmetterten. Doch auch in Deutschland erfuhren Fans alsbald jenes beglückende Gefühl, mit ihrer Leidenschaft für ihren Club nicht allein zu sein - wer einmal im dicht gedrängten Fanblock stand und mit glühendem Gesicht den eigenen Verein anfeuerte, vergisst das seinen Lebtag nicht.
Und wer nach dem ersten Spielbesuch nicht gleich die Lust verlor, erhielt im Fanblock allerlei wichtige Lektionen fürs Leben. Dass der eigene Standpunkt wichtig ist - denn ganz unten am Zaun bekam man nach Toren die meisten Bierbecher ab. Dass man sich seine Freunde gut aussuchen soll - sonst wird man nach dem Siegtor in letzter Minute ausgerechnet vom schnauzbärtigen Dicken mit dem stechenden Bieratem geherzt und geküsst. Dass zu viel Alkohol verheerend wirken kann - weil man bei Minusgraden spontan und als Einziger dem Ruf "Eins, zwei, Oberkörper frei" gefolgt ist und sich die Lunge davon erst im Frühsommer wieder erholt. Aber eben auch, dass es ein großartiges Gefühl ist, im Gästeblock des Erzfeindes einen nicht für möglich gehaltenen Auswärtssieg zu feiern.
So wie einst die Fankultur auf der Insel ihren Anfang genommen hatte, so war England auch Motor ihrer Abschaffung. Unter dem Eindruck der Katastrophe von Sheffield, bei der 96 Anhänger des FC Liverpool in der Halbfinal-Partie des FA-Cup gegen Nottingham Forest im Stadion Hillsborough auf grauenhafte Weise zu Tode gekommen waren, wurden Anfang der neunziger Jahre die Stehplätze als Ursache allen Übels identifiziert und die Stadien sämtlicher britischer Proficlubs in "Allseater", reine Sitzplatzstadien, umgewandelt.
Stimmung in den vielen Premier-League-Stadien wie in einer Bibliothek
Die Alternative, in die Sicherheit der Stehtribünen zu investieren, wurde damals verworfen. Was nicht allein mit Sicherheitsaspekten, sondern auch mit finanziellen Erwägungen der Clubs zu tun hatte. Für einen eigenen Sitz ließ sich schon 1992 deutlich mehr Geld verlangen als für eine schwer zu reservierenden Platz im Gedränge des Stehblocks.
Besonders schmerzlich haben in den vergangenen Jahren die Engländer erfahren müssen, wie sehr die "Allseater" die Atmosphäre verändert haben. Wurde früher vor allem die Stimmung in Arsenals Highbury als bibliothekenähnlich verspottet, trifft dieses Verdikt inzwischen auf die Mehrzahl der Stadien der Premier League zu.
Ob bei Queens Park, Manchester City oder Tottenham - die elektrisierende Stimmung früherer Tagen ist vielerorts einer Szenerie gewichen, in der zwar immer noch und immer wieder gesungen wird - in der aber auch Stewards in Leuchtjacken streng darauf achten, dass in Sitzplatzblöcken ausschließlich gesessen wird und in der sich die Zuschauer von der Stadionregie vorschreiben lassen, was sie wann zu singen haben.
Aus Fans sind wieder Zuschauer geworden. In England, auch in Deutschland. Ein historischer Irrtum.
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