Stehplätze in Fußballstadien: Die Krise der Kurven

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Geld statt Emotionen: Der Anteil von Sitzplätzen wird in modernen Fußballstadien immer größer. Sie bringen zwar hohe Einnahmen, doch die Stimmung der Stehränge fehlt. Wie das Magazin "11FREUNDE" in seinem Historik-Spezial berichtet, war eine Tragödie Auslöser dieser Entwicklung.

Liverpool-Fans: Legendäre Stehplatztribüne "The Kop" Zur Großansicht
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Liverpool-Fans: Legendäre Stehplatztribüne "The Kop"

Vor ungefähr 3,6 Millionen Jahren lernte der Mensch, auf zwei Beinen zu stehen. Der aufrechte Gang gilt neben der Bildung des Gebisses und der Vergrößerung des Hirns als wichtigster Schritt in der Entwicklung zum Homo sapiens. Seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzt sich der Mensch wieder hin. Zumindest in europäischen Fußballstadien.

In lauernder Haltung hockt der Zuschauer dort auf biegsamen Schalensitzen, nur hin und wieder springt er auf, um sich dann schnell wieder hinzukauern. Eine Haltung, die es ihm unmöglich macht, laut zu singen oder zu brüllen, zu gekrümmt das Rückgrat, zu wenig Luft in den Lungen. Ein bizarrer Knick in der Evolution, vor allem aber einer der größten Irrtümer der Fußballgeschichte: die weitgehende Abschaffung der Stehplätze in Europa.

Um den Kulturbruch zu begreifen, den der Siegeszug der Plastiksitze bedeutet, muss man zurückblicken in die sechziger Jahre. Damals wandelte sich das Selbstverständnis des Publikums. Zunächst in Großbritannien, später auch in Zentraleuropa wurden aus Zuschauern Fans, die für sich in Anspruch nahmen, Akteure des Spiels zu sein und es im günstigsten Fall mitentscheiden zu können. Aus diesem plötzlich erwachten Selbstbewusstsein erwuchs alles, was wir heute als Fankultur kennen, die Gesänge, die Fahnen, die Schals in Vereinsfarben, kurzum: die leidenschaftliche, bedingungslose, oftmals lebenslange Identifikation mit dem Club.

Der Fanblock bringt Lektionen fürs Leben

Zelebriert wurde diese Symbiose auf den Stehplatzrängen der Stadien, dem Vorbild des legendären Liverpooler Kop folgend, auf dem viele tausend Fans Schulter an Schulter wogend Popsongs umdichteten und inbrünstig in Richtung Rasen schmetterten. Doch auch in Deutschland erfuhren Fans alsbald jenes beglückende Gefühl, mit ihrer Leidenschaft für ihren Club nicht allein zu sein - wer einmal im dicht gedrängten Fanblock stand und mit glühendem Gesicht den eigenen Verein anfeuerte, vergisst das seinen Lebtag nicht.

Und wer nach dem ersten Spielbesuch nicht gleich die Lust verlor, erhielt im Fanblock allerlei wichtige Lektionen fürs Leben. Dass der eigene Standpunkt wichtig ist - denn ganz unten am Zaun bekam man nach Toren die meisten Bierbecher ab. Dass man sich seine Freunde gut aussuchen soll - sonst wird man nach dem Siegtor in letzter Minute ausgerechnet vom schnauzbärtigen Dicken mit dem stechenden Bieratem geherzt und geküsst. Dass zu viel Alkohol verheerend wirken kann - weil man bei Minusgraden spontan und als Einziger dem Ruf "Eins, zwei, Oberkörper frei" gefolgt ist und sich die Lunge davon erst im Frühsommer wieder erholt. Aber eben auch, dass es ein großartiges Gefühl ist, im Gästeblock des Erzfeindes einen nicht für möglich gehaltenen Auswärtssieg zu feiern.

So wie einst die Fankultur auf der Insel ihren Anfang genommen hatte, so war England auch Motor ihrer Abschaffung. Unter dem Eindruck der Katastrophe von Sheffield, bei der 96 Anhänger des FC Liverpool in der Halbfinal-Partie des FA-Cup gegen Nottingham Forest im Stadion Hillsborough auf grauenhafte Weise zu Tode gekommen waren, wurden Anfang der neunziger Jahre die Stehplätze als Ursache allen Übels identifiziert und die Stadien sämtlicher britischer Proficlubs in "Allseater", reine Sitzplatzstadien, umgewandelt.

Stimmung in den vielen Premier-League-Stadien wie in einer Bibliothek

Die Alternative, in die Sicherheit der Stehtribünen zu investieren, wurde damals verworfen. Was nicht allein mit Sicherheitsaspekten, sondern auch mit finanziellen Erwägungen der Clubs zu tun hatte. Für einen eigenen Sitz ließ sich schon 1992 deutlich mehr Geld verlangen als für eine schwer zu reservierenden Platz im Gedränge des Stehblocks.

Besonders schmerzlich haben in den vergangenen Jahren die Engländer erfahren müssen, wie sehr die "Allseater" die Atmosphäre verändert haben. Wurde früher vor allem die Stimmung in Arsenals Highbury als bibliothekenähnlich verspottet, trifft dieses Verdikt inzwischen auf die Mehrzahl der Stadien der Premier League zu.

Ob bei Queens Park, Manchester City oder Tottenham - die elektrisierende Stimmung früherer Tagen ist vielerorts einer Szenerie gewichen, in der zwar immer noch und immer wieder gesungen wird - in der aber auch Stewards in Leuchtjacken streng darauf achten, dass in Sitzplatzblöcken ausschließlich gesessen wird und in der sich die Zuschauer von der Stadionregie vorschreiben lassen, was sie wann zu singen haben.

Aus Fans sind wieder Zuschauer geworden. In England, auch in Deutschland. Ein historischer Irrtum.

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1.
mgoedert2603 20.03.2012
Zitat von sysopGeld statt Emotionen: Der Anteil von Sitzplätzen wird in modernen Fußballstadien immer größer. Sie bringen zwar hohe Einnahmen, doch die Stimmung der Stehränge fehlt. Wie das Magazin "11FREUNDE" in seinem historischen Spezial berichtet, war eine Tragödie Auslöser dieser Entwicklung. Stehplätze in Fußballstadien: Die*Krise der Kurven - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Sport (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,822086,00.html)
Es gibt eben Menschen, die schauen ein Fussballspiel des Sports wegen, und nicht weil Sie lautstark mit sog. Fan-Gesängen und beleidigenden Ausrufen über das gegenerische Team ihrem Arbeits-, Liebes-, oder Lebensfrust Luft verschaffen müssen. Mitfiebern, sich über einen Sieg freuen, oder über eine Niederlage ärgern ist ja in Ordnung, aber es sollte doch alles "im Rahmen" bleiben. Schließlich findet das wahre Leben nicht auf dem Fussballplatz (oder bei facebook, oder SPON, oder oder oder) statt. Und wenn man schon einen Sitzplatz bezahlt ist es um so ärgerlicher, wenn die Damen und Herren vor einem meinen sie müssten das Spiel dann doch lieber im Stehen gucken....
2. Die Frage ist doch
Bee1976 20.03.2012
Zitat von sysopGeld statt Emotionen: Der Anteil von Sitzplätzen wird in modernen Fußballstadien immer größer. Sie bringen zwar hohe Einnahmen, doch die Stimmung der Stehränge fehlt. Wie das Magazin "11FREUNDE" in seinem historischen Spezial berichtet, war eine Tragödie Auslöser dieser Entwicklung. Stehplätze in Fußballstadien: Die*Krise der Kurven - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Sport (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,822086,00.html)
braucht man diese "Stimmung" wirklich in den Stadien ? Ist es wirklich notwendig, das man steht, um Identifikation mit dem Verein zu leben, zu fühlen ? Die Realität sieht, zumindest aus der Betrachtung eines Schalkers anders aus: Auf den Stehplätzen finden sich oftmals junge Erwachsene, gerne in schönem einheitlichen schwarz gekleidet. Natürlich nicht alle. aber es geht ja weiter. Der Support, also die stimmung ist "auf Schalke" meist ziemlich mau, auch aus den Stehplatzbereichen, oftmals werden halbmonoton, recht angetrunken irgendwelche Lieder runtergetrället, die 60% des Stadions nicht kennen, egal wie es im Spiel steht. Lieder, die alle mitsingen wollen, die gewünscht werden, und wo mal richtig Stimmung aufkäme werden vom lieben Vorsänger ignoriert, damit sie sich nicht "abnutzen". Das ganze erweckt immer mehr den eindruck einer Selbstinzenierung der Fans, und hat eigentlich auch immer weniger mit dem Spielverlauf zu tun. Buli übergreifend, bleibt der fade Beigeschmack, das viele der StehplatzBesucher sich selbst zu wichtig nehmen, und gleichzeitig ihrem Club mehr Schaden als helfen. Beispiele wären Pyrotechnik, Ausschreitungen, und der versuch direkten Einfluss auf die Entscheidungen des Vereins zu nehmen (Koan Neuer...). Das Paradoxe ist, diese Menschen die sich selbst als bessere Fans ansehen sind oftmals nichtmal Mitglied ihres Clubs. Jeder Verein bietet in seiner Struktur den mitgliedern die chance auf einflussnahme, ich würde aber gerne mal das Gesicht des hiesigen Schachclub Vorstandes sehen, wenn ich mit Fähnchen, Schal und Pyrotechnik in ein Turnier platzt und denen danach erzähle wie sowas richtig zu laufen hat damit ich zufrieden bin, wohlgemerkt ohne Mitglied zu sein. Das gibt es nur im Fussball... Wegen mir dürfte Fussball deutlich sauberer werden, sprich keine Stehplätze, kein Alkohol und keine Zigaretten mehr. Die Mehreinnahmen in zusätzliche Ordner investieren, damit Ruhe herrscht.
3.
crifski 20.03.2012
Zitat von Bee1976Wegen mir dürfte Fussball deutlich sauberer werden, sprich keine Stehplätze, kein Alkohol und keine Zigaretten mehr. Die Mehreinnahmen in zusätzliche Ordner investieren, damit Ruhe herrscht.
Ich finde es traurig, dass es wirklich Leute gibt die so denken. Letztendlich lebt Fußball in erster Linie von seinen Emotionen und nicht davon, dass man sich in Ruhe ein Schauspiel auf dem Rasen ansieht. Natürlich ist auch ein wie hier geforderter steriler Fußball nicht komplett frei von Emotionen, aber wer schon mal bei einem last-minute Siegtreffer im Fanblock komplett ausrasten durfte weiß, dass Fußball genau so und nicht anders sein sollte.
4.
Sundown 20.03.2012
Zitat von Bee1976braucht man diese "Stimmung" wirklich in den Stadien ?
Das kann man sicher nicht mit Ja oder Nein beantworten. Als Idealist der ich bin hätte ich spontan mit: JA geantwortet, denn meiner Meinung nach wird Fussball ganz wesentlich von dieser Stimmung geprägt. England ist aber ein Gegenbeispiel: trotz nicht vorhandener Stimmung sind die Stadien voll und die Liga wird weltweit übertragen. Es kann also durchaus sein, dass es Fussball auch ohne Stimmung geben kann. :) Die Debatte um Pyrotechnik ist ebenso end- wie sinnlos. Bei Ausschreitungen geben ich Ihnen sofort recht, allerdings wird ja neuerdings sogar eine vereinzelte Wunderkerze als Randale gebranntmarkt... und wenn Fans Einfluss auf IHREN Verein nehmen, wieso sollte das Schaden zufügen? Fans sind kein dummes Klatsch- und Konsumvieh, wie Sie Sich das vielleicht vorstellen. Das kann ich nicht beurteilen. Mag aber durchaus auch daran liegen, dass man wenig Geld zur Verfügung hat und dieses lieber in eine Dauerkarte, Auswärtsfahrten oder Choreos steckt... Der Marsch durch die Instanzen? Sehen Sie doch Teile der Fanszene als APO, wenn Sie das vielleicht besser verstehen können. Tja, mir würde davor eher grausen. Fussball wurde groß, weil er immer getragen war von einer breiten und bunten Masse. Wenn man jetzt einen Teil davon (willkürlich) aussperrt, halte ich das für absolut abscheulich.
5. Sitzen ist für'n Arsch... :)
erik86 20.03.2012
Ich kann die Meinung der Vorredner nicht wirklich teilen. Vielleicht waren sie selber noch nie in der Situation, im zu stehen. Es ist natürlich immer Ansichtssache, Geschmäcker sind verschieden. Ich kann nur für mich persönlich sprechen. Es ist ein unglaubliches Gefühl, in der Kurve zu stehen, die Mannschaft nach vorne zu schreien. Und die Fans, die dort stehen, wo sie stehen, gehören dort nun mal hin und sind ein ganz wichtiger Teil eines jeden Vereins. Ich will auch nicht meckern, wenn ich mal paar Bier über den Kopf geschüttet bekomme. Das gehört zum Fußball einfach dazu. Fußball ist immerhin Sport, und keine Oper-Aufführung. Es ist auch verständlich, wenn manche ins Stadion gehen, und lieber sitzen, weil das gemütliche Beisammensein im Vordergrund steht. Dagegen kann man ja auch nichts einwenden. Jedoch ist es bei einem "allseater" eben leider so, dass stimmungstechnisch nicht viel passiert. In einer Disco, in der alle Gäste sitzen und sich unterhalten, ist stimmungstechnisch auch eher tote Hose. Die Fans im Steher-Block sind nun mal die, die für Stimmung sorgen, die, die Choreographien planen und durchführen. Und die Debatte mit Pyro usw. hat in meinen Augen mit diesem Thema nix zu tun. Ich bin der Meinung, dass es so wie es jetzt ist, genau richtig ist. Aber wenn weitere Stehplätze in Sitzplätze umgewandelt werden, haben wir in Deutschland bald so ne Stimmung wie in England. Und gerade die Stimmung und die tollen Stadien in Deutschland sind es, von denen ausländische Spieler in ihrer Heimat schwärmen. Das sollte die Bundesliga nicht aufs Spiel setzen.
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