Steuerfahnder beim DFB Staatsanwälte ermitteln gegen 20 Schiedsrichter

Sie sollen Fahrtkosten falsch abgerechnet und Steuern hinterzogen haben: Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft richten sich laut einem Bericht gegen 20 Schiedsrichter, darunter auch Bundesliga-Referees. Der Deutsche Fußball-Bund ist selbst nicht im Visier der Fahnder - trotzdem drohen ernste Konsequenzen.

DFB-Zentrale in Frankfurt: "Der Verband hat die Akten bereitwillig herausgegeben"
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DFB-Zentrale in Frankfurt: "Der Verband hat die Akten bereitwillig herausgegeben"

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Hamburg - Namen von verdächtigen Referees gibt es bislang keine, dennoch werden die mutmaßlichen Steuerhinterziehungen offenbar zu einem großen Problem für das deutsche Schiedsrichterwesen. Laut "Süddeutscher Zeitung" ermitteln die Behörden gegen 20 Personen. Zudem wurden nach Informationen des Sport-Informations-Dienstes vor allem in Süddeutschland mehrere Wohnungen prominenter Bundesliga-Referees durchsucht.

Steuerfahnder hatten am Vormittag auch die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main durchsucht und Unterlagen aus dem Schiedsrichterbereich gesichtet. Hintergrund der gemeinsamen Aktion mehrerer Staatsanwaltschaften und Steuerfahndungen ist nach Angaben der Beamten "der Verdacht, dass in der Vergangenheit Schiedsrichter ihre Einnahmen möglicherweise nicht ordnungsgemäß versteuert haben".

Ein Bundesliga-Referee aus München, der namentlich nicht genannt werden wollte, bestätigte im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst, dass auch seine Wohnung am Montagmorgen durchsucht worden war. Demnach prüften die Steuerfahnder vor allem die Gewerbesteuerabgaben ab dem Jahr 2009 sowie die Fahrtenbücher. So soll der Münchner Schiedsrichter am 25. März 2007 ein Frauenfußballspiel in Unterhaching geleitet und die 35 Euro Fahrtgeld angeblich nicht korrekt abgerechnet haben.

Anonyme Anzeige soll auf Unregelmäßigkeiten hingewiesen haben

Wie die Nachrichtenagentur dapd von der Staatsanwaltschaft Frankfurt erfuhr, zeichnet für die Durchsuchung der DFB-Zentrale die Staatsanwaltschaft München 1 verantwortlich. Deren Pressesprecherin Barbara Stockinger bestätigte, dass in München Ermittlungen in Gang gesetzt wurden. "Bei der Staatsanwaltschaft München 1 laufen Ermittlungsverfahren gegen drei Schiedsrichter im Zusammenhang mit dem Verdacht der Steuerhinterziehung und der schiedsrichterlichen Tätigkeit der Personen," sagte Stockinger. "In diesem Zusammenhang wurde beim DFB ein Durchsuchungsbeschluss bei einem unbeteiligten Dritten vollzogen."

Aus dem Umfeld des DFB ist zu vernehmen, dass die Ermittlungen einzelner Steuerbehörden gegen einzelne Schiedsrichter dem Verband bereits seit April dieses Jahres bekannt waren. Eine anonyme Anzeige aus dem Raum München soll die Steuerfahndung nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bereits im Januar auf Unregelmäßigkeiten bei Bundesliga-Schiedsrichtern hingewiesen haben.

Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußballverbands und bis Anfang 2010 für das Schiedsrichterwesen zuständig, sagte SPIEGEL ONLINE, er sei von den Vorfällen "völlig überrascht" und habe "keine näheren Informationen zu den Untersuchungen".

"Für die Betroffenen kann es teuer werden"

Die Schiedsrichter der Bundesliga verdienen nicht schlecht. Für ein Bundesliga-Spiel gibt es annähernd 4300 Euro, in der Champions-League sogar knapp 4600 Euro. Hinzu kommen Spesen und Fahrtkostenzuschüsse. Damit können international pfeifende Schiedsrichter im besten Fall pro Woche bis zu 10.000 Euro verdienen. Top-Fifa-Schiedsrichter kommen in Spielzeiten ohne Welt- oder Europameisterschaft auf bis zu 30 Partien, also auf circa 130.000 Euro pro Spielzeit. Selbst ein Schiedsrichter der zweiten Liga verdient pro Partie knapp über 2000 Euro, so dass dieser bei 20 Einsätzen pro Saison auch dort knapp über 40.000 Euro verdienen kann.

"Es wundert mich, dass es da offensichtlich Hinterziehungsfälle geben soll", sagte Gerhard Geckle, Rechtsanwalt und Vorsitzender der DFB-Kommission für öffentliches Finanzwesen und Lizenzierung zu möglichen Betrugsfällen. Für die Betroffenen könne es "relativ teuer" werden, sollten sich die Anschuldigungen bestätigen, so der Rechtsanwalt.

Das deutsche Schiedsrichterwesen war bereits vor zwei Jahren ins Visier der Steuerbehörden geraten: 2009 wurde der frühere Fifa-Referee Michael Kempter wegen Steuerhinterziehung in mehreren Fällen zu einer Geldstrafe in Höhe von 23.750 Euro verurteilt. Kempter wurde dabei zu 190 Tagessätzen à 125 Euro verurteilt und gilt seitdem als vorbestraft.

"Keinerlei Vorwürfe gegen den DFB"

DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach erklärte, Ziel der Fahndung sei eindeutig nicht der Verband selbst gewesen. "Es gibt keinerlei Vorwürfe gegen den DFB. Wir werden die Steuerbeamten bei den Ermittlungen selbstverständlich mit all unseren Möglichkeiten unterstützen. Die korrekte Versteuerung seiner Einnahmen obliegt jedem Schiedsrichter selbst", sagte Niersbach. "Die Beamten haben von ihrem Recht auf Durchsuchung keinen Gebrauch gemacht, weil der DFB die betreffenden Akten bereitwillig herausgegeben hat", sagte DFB-Pressesprecher Ralf Köttker.

Dennoch könnte der DFB Probleme bekommen, falls nach den Vorfällen einige der betroffenen Schiedsrichter als vorbestraft gelten sollten. Insbesondere mit Blick auf internationale Begegnungen. Denn nach Paragraf 11 der Fifa-Statuten müssen Schiedsrichter ihre Vorstrafen offenlegen. Der bei Experten als "Leumund-Paragraf" beschriebene Absatz erwirkt in den meisten Fällen einen Ausschluss von der Leitung internationaler Partien. Der DFB stellt in dieser Spielzeit zehn Fifa-Schiedsrichter, von denen drei aus Bayern kommen.

Auch der DFB selbst wird im Falle von Verurteilungen die Weiterbeschäftigung der Schiris wohl überdenken müssen. Der deutsche Fußballdachverband hat in seinen Schiri-Statuten einen Paragrafen, wonach die Schiedsrichter verpflichtet sind, ihre Auskünfte über mögliche Schufa-Einträge zu veröffentlichen. Welche Schlüsse der DFB jedoch aus eventuellen Vorstrafen zieht, ist bislang unbekannt.

mit Material von dapd und sid



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Nonvaio01 24.10.2011
1. ....
Profi Schiedsrichter sind die loesung.
Lutz W. 24.10.2011
2. Gelegenheit
macht Diebe. An den Vorwürfen wird wohl was dran sein. Geld regiert die Welt. Aber das sind Peanuts, jemand will die deutschen Schiedsrichter nicht mehr haben, und dieser Jemand hat mit Sicherheit mehr Dreck am Stecken, als eben jene deutschen Schiries. Man könnte überall ansetzen, jeder macht Fehler. Die Frage ist, ob mit den geringen hinterzogenen Beträgen nicht von etwas ganz anderem, größeren, abgelenkt werden soll.
Dominik Menakker, 24.10.2011
3. Kein Titel
Der einzige halbwegs konkrete Vorwurf war, dass ein Schiedsrichter die 35 EUR Fahrtgeld, die er bekommen hat wohl nicht gegen die tatsächlichen Fahrtkosten ( via Kilometerpauschale ) gegengerechnet hat. Höchstwahrscheinlich 17 EUR Steuerhinterziehung pro Spiel. Warum macht der Spiegel aus diesem unermesslichen Skandal eigentlich nicht eine Titelgeschichte? Oder wäre es nicht sinnvoller? Warum verschwenden Steuerfahnder ihre Zeit mit Schwachsinn, statt sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren? Schickt das Pack nach Hause, solange sie sonst nix zu tun haben.
paperbag 24.10.2011
4. .
Zitat von Lutz W.macht Diebe. An den Vorwürfen wird wohl was dran sein. Geld regiert die Welt. Aber das sind Peanuts, jemand will die deutschen Schiedsrichter nicht mehr haben, und dieser Jemand hat mit Sicherheit mehr Dreck am Stecken, als eben jene deutschen Schiries. Man könnte überall ansetzen, jeder macht Fehler. Die Frage ist, ob mit den geringen hinterzogenen Beträgen nicht von etwas ganz anderem, größeren, abgelenkt werden soll.
In Ihren anderen Posts schimpfen Sie über die "Bankster" und zu niedrige Kapitalertragssteuern, aber wenn Schiedsrichter Steuern hinterziehen sind es Peanuts, ja sogar Dinge die jedem passieren können? Ich glaube Sie messen mit zweierlei Maß, vielleicht überdenken Sie nochmal Ihre Meinung über das eine oder andere Thema.
twinketoe, 24.10.2011
5. Mir war garnicht bewusst...
...dass der Inhalt schwarzer Koffer versteuert werden muss. Naja, vielleicht werden die Schieries jetzt wie einst Al Capone auch wegen dreieurofuffzich Steuerhinterziehung verknackt weil man sie anders nicht kriegt...
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