Stimmungsboykott in der Bundesliga: Zwölf Minuten Stille

Es könnte ungewohnt ruhig werden, wenn am Dienstagabend die vier Bundesliga-Partien angepfiffen werden. Fanvertreter haben einen Stimmungsboykott angekündigt, zwölf Minuten wollen sie auf den Rängen schweigen. Es ist ein Protest gegen das Sicherheitskonzept der DFL.

Regensburger Fans: "Keine Stimmung ohne Stimme" Zur Großansicht
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Regensburger Fans: "Keine Stimmung ohne Stimme"

Hamburg - Bitte nicht wundern: Wenn am Dienstagabend um 20 Uhr die Bundesliga-Partien angepfiffen werden (alle Liveticker SPIEGEL ONLINE), wird in den Stadien erst mal kaum mehr als das Schnaufen der Fußballer zu hören sein. Denn auf den Rängen soll 12 Minuten und 12 Sekunden Stille herrschen. Unter dem Motto "Ohne Stimme keine Stimmung" wollen Fußball-Fans so gegen das geplante Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball Liga protestieren.

Warum sind die Fans sauer?

Fanvertreter beklagen zu wenig Mitspracherecht bei der Erarbeitung des Sicherheitspapieres. Sie fühlen sich von der DFL übergangen, die geplanten Maßnahmen halten sie für nicht zielführend. Der erste Entwurf des Konzepts war bei Anhängern und etlichen der 36 Profivereinen auf heftigen Widerspruch gestoßen. Daraufhin hatte der Ligaverband das Papier in wesentlichen Punkten noch einmal verändert. "Die in dem ersten Entwurf und auch in der überarbeiteten Fassung vom 15. November 2012 vorgeschlagenen Aktionen dienen einzig der Beruhigung der öffentlichen Wahrnehmung, nicht aber der Verbesserung der Sicherheit", beklagten etwa die Fanvertreter des 1. FC Kaiserslautern. "Dagegen zielen sie gegen den Erhalt der deutschen Fankultur und den dazugehörigen Elementen in den Stadien wie Stehplätze, Gesänge und Fahnen."

Worum geht es in dem Sicherheitskonzept?

Um das "Sichere Stadionerlebnis". Nach der Innenministerkonferenz im Juli hatte die DFL den Maßnahmenkatalog erarbeitet, der die angeblich gestiegene Gewalt in und um Fußballstadien bekämpfen soll. Am Donnerstag will die DFL die Anträge des Ligavorstands auf der Internetseite bundesliga.de veröffentlichen, damit alle Fans sie einsehen können.

Wann soll das Konzept in Kraft treten?

Die DFL will das Papier unbedingt bei der Versammlung der Clubs am 12. Dezember durchbringen. Christian Seifert, Vorsitzender der Geschäftsführung, spricht von einer "ziemlich großen Kreuzung", auf die der Fußball im Kampf gegen die Gewalt zulaufe. Die falsche Abzweigung wäre, "wenn nichts beschlossen wird. Dann wird seitens der Politik und der Polizei der Druck wieder steigen." Sollte sich die Politik nach Jahresende der Thematik annehmen, drohen wesentlich drastischere Maßnahmen wie die Abschaffung der Stehplätze, personalisierte Tickets oder reduzierte Kartenkontingente.

Wer schweigt?

Bei einem Treffen von bundesweiten Ultra-Gruppierungen am Rande des offiziellen Fantreffens am 1. November in Berlin wurden die zwölf Schweigeminuten beschlossen. "Wir gehen von einer flächendeckenden Aktion aus", sagt Philipp Markhardt, Sprecher von 12doppelpunkt12 und von Pro Fans: "Der Protest soll den Vereinen vor Augen führen, wie die Situation sein würde, wenn wir nicht da wären." Am 8. Dezember seien zudem Demonstrationen in verschiedenen Städten geplant. Der Auftakt der Schweigeaktion am Wochenende in der dritten Liga fiel zwar wenig spektakulär aus, bei den Zweitliga-Partien am Dienstagabend hielten sich hingegen die meisten Fans an die Vereinbarung. Der Protest soll noch an den nächsten beiden Spieltagen fortgesetzt werden.

psk/sid

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insgesamt 8 Beiträge
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1. was will der DFB? Fußball mit Fans oder
ein-dummer-junge 27.11.2012
nur Geld scheffeln? Keine Fahnen , keine Fanbanner könnte ja die Werbung stören. Und was ist mit al den Fehlentscheidungen der so gut ausgebildeten Schiedsrichter vom DFB? Außerdem frage ich mich wie viele Polizisten Gewaltbereit sind. In den Reihen der Polizei gibt es auch reichlich Freunde der 3. Halbzeit. Ich kenne selber 2 Polizisten die sich auf dieses Ereignis freuen. Ja immer nur Fitnessstudio ist halt langweilig für die Uniformierte Truppe.
2. Gentrifizierung des Fußballs
knightsurfer 27.11.2012
Letztendlich geht es doch gar nicht um mehr Sicherheit in Stadien. Der DFB ist ein Wirtschaftsunternehmen, er möchte keine Fans, sondern Kunden. Es soll ein aseptisches Wochenendvergnügen für die ganze Familie werden, zu entsprechenden Preisen. Vorbild sind wohl die amerikanischen Sportarten Baseball, Football und Basketball. Die Fans sind Relikte aus vergangenen Zeiten, kostenlose Pausenclowns und Eintänzer, ein Hauch ist nicht schlecht aber bitte nicht zu viel davon. Die Zeiten des Unterschichtsportes Fußball sind in den Profiligen endgültig vorbei, zu sehen an den schwindenden Stehplätzen und wachsenden Businesslogen. Ob nun Union Berlin die Zusammenarbeit aufkündigt und mault nützt nichts. Die Karawane zieht weiter. In den Vereinen ist diese Entwicklung ohnehin schon unumkehrbar vorangetrieben. Bestes Beispiel der FC St. Pauli, der sich vom Arbeiterverein spätestens in der Ära Littman zur urbanen Lifestylemarke mit angeschlossener Fußballabteilung gewandelt hat. Der gutsituierte Paulifan 2012 ist ein Latte Macchiato trinkender, hipper, 50K verdienender, grünwählender Applekunde. Da kommt der leidenschaftliche Hafenarbeiter nicht mehr gegenan. Just my 2 cents
3. optional
Rahvin 27.11.2012
Es ist ein Wahnsinn. Keine Stimmung im Stadion! Die Erde hat aufgehört sich zu drehen. Bitte, jubelt wieder, zündet Bengalos und rauft Euch auf den Rängen oder zielt mit Wurfgeschossen auf Schiedsrichter und den gegnerischen Torwart.
4.
Robert_Rostock 28.11.2012
Zitat von knightsurferLetztendlich geht es doch gar nicht um mehr Sicherheit in Stadien. Der DFB ist ein Wirtschaftsunternehmen, er möchte keine Fans, sondern Kunden. Es soll ein aseptisches Wochenendvergnügen für die ganze Familie werden, zu entsprechenden Preisen. Vorbild sind wohl die amerikanischen Sportarten Baseball, Football und Basketball. Die Fans sind Relikte aus vergangenen Zeiten, kostenlose Pausenclowns und Eintänzer, ein Hauch ist nicht schlecht aber bitte nicht zu viel davon. Die Zeiten des Unterschichtsportes Fußball sind in den Profiligen endgültig vorbei, zu sehen an den schwindenden Stehplätzen und wachsenden Businesslogen. Ob nun Union Berlin die Zusammenarbeit aufkündigt und mault nützt nichts. Die Karawane zieht weiter. In den Vereinen ist diese Entwicklung ohnehin schon unumkehrbar vorangetrieben. Bestes Beispiel der FC St. Pauli, der sich vom Arbeiterverein spätestens in der Ära Littman zur urbanen Lifestylemarke mit angeschlossener Fußballabteilung gewandelt hat. Der gutsituierte Paulifan 2012 ist ein Latte Macchiato trinkender, hipper, 50K verdienender, grünwählender Applekunde. Da kommt der leidenschaftliche Hafenarbeiter nicht mehr gegenan. Just my 2 cents
Ach ja, familienfreundliche Preise wären doch nicht schlecht, oder? Wenn Sie lieber ein exclusives Ereignis für eine kleine Minderheit haben wollen... Jaja, der arme Hafenarbeiter.. und der Werftarbeiter, der Droschkenkutscher, der Pferdeäpfelaufsammler, der Dampflokheizer, der Galeerenruderer... Gibts ja auch noch so unendlich viele von.
5.
christof 28.11.2012
Ich war diese Saison mit meiner Familie bei zwei BL-Partien (nicht in der Kurve; im vermeintlich "ruhigen, gemütlichen" Bereich). Beide Partien wurden uns durch kotzende gewalttätige und aufdringliche "Fans" kaputt gemacht. Bei beiden Partien saßen wir im Bengalo-Rauch. Bei beiden Partien mussten wir bei An- und Abreise um unsere Gesundheit fürchten. Sowohl in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Autobahn-Raststätten wie auch in den Innenstädten pöbelten, grabschten und belästigten die "Fans". Hurra!!! "Fußball-Kultur.... Das wollen wir doch alle erhalten, oder? Es ist toll, mit einer Familie da hin zu gehen, und schon im Vorfeld Prügeleien, blutende Wunden, .... zu sehen. Da kann man den kids gleich mal zeigen, wie man sich als "echter Fan" zu verhalten hat. Ein Fußball-Familienausflug kostet inkl. An- und Abreise richtig Asche!! Und dann muss ich den kids und meiner Frau sowas antun?! Nicht nur gehirnamputierte gewaltbereite Alkoholiker wollen Fußball live sehen. auch normale Menschen. Aber das scheint die "echten Fans" wenig zu interessieren.
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