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17. Juni 2008, 16:36 Uhr

Streit am Spielfeldrand

Protokoll des Löw-Aufstands

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Millionen waren baff: Im Österreich-Spiel wurde Joachim Löw dem Anschein nach wegen einer Lappalie auf die Tribüne verbannt. Was war es wirklich - eine Überreaktion des Schiedsrichters oder eine Regelverletzung des Bundestrainers? SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Szene Bild für Bild.

Es geschieht in der 40. Minute. Per Mertesacker ist gerade gefoult worden, da rückt in der Partie Deutschland gegen Österreich auf einmal die Coaching-Zone ins Blickfeld. Jogi Löw und der gegnerische Teamchef Josef Hickersberger liefern sich ein Wortgefecht - mit Damir Skomina, dem vierten Offiziellen auf dem Platz, der Schieds- und Linienrichter unterstützt.

Welche Sprüche sich die drei Beteiligten gegenseitig an den Kopf werfen, ist unklar. Den Zuschauern wird es an jenem Abend nicht erklärt, und auch jetzt sind nur Versionen einzelner Sätze bekannt - dass sie tatsächlich so gesagt wurden, ist bislang unbestätigt. "Lassen Sie uns hier in Ruhe arbeiten", soll Hickersberger der "Bild"-Zeitung zufolge gefordert haben. Dann habe sich Löw eingeschaltet: "Wir müssen hier unseren Job machen."

Skomina war jedenfalls sichtlich überfordert. Er rief über Funk den Schiedsrichter Manuel Mejuto Gonzalez zu sich und erhob den Vorwurf: Die beiden Trainer hätten wiederholt die Coaching-Zone verlassen.

Die Konsequenz des spanischen Schiedsrichters: Mit weit ausholender Geste schickte er beide Trainer auf die Tribüne. Hickersberger suchte daraufhin sofort die Konfrontation mit dem Schiedsrichter. Löw wirkte für Sekunden wie vor den Kopf gestoßen.

Orientierungslos irrlichterte der Bundestrainer zwischen Gonzalez und seinem Platz auf der Bank hin und her, bis er sich auf den Weg zur Tribüne machte. Löw konnte offensichtlich nicht fassen, was da gerade passiert war.

Erst auf halbem Weg kehrte ein Stück Gelassenheit in das Gesicht des Nationaltrainers zurück - und es gelang ihm ein regelrechter Rockstar-Abgang. Löw kehrte um, griff sein Sakko, kassierte noch einen Klaps auf den Po von seinem Co-Trainer Hansi Flick. Und schlug als letzten Akt der Verbrüderung gegen Gonzalez mit dem Leidensgenossen Hickersberger Hand ein, bevor beide das Feld räumten.

Auf der Ehrentribüne ließ sich Löw dann feiern, bekam eine tröstende Umarmung von Bundeskanzlerin Merkel. Sie habe ihn gefragt, was passiert sei. Er habe keine Antwort geben können, berichtete Löw nun: "Ich wusste es in dem Moment auch nicht." Genau könne er sich an die kurze Begegnung mit der Kanzlerin nicht mehr erinnern, weil er in dem Moment "voller Emotionen" gewesen sei.

Nach einem verständnisvollen Nicken des Teammanagers Oliver Bierhoff setzte sich Löw neben den gesperrten Bastian Schweinsteiger. Und nach der Halbzeit dann: wieder einschlagen, diesmal mit Boris Becker - als Ballack zum 1:0 traf.

Hätte Löw nicht die ganze restliche Partie über sichtlich angespannt Kaugummi gekaut, fast hätte man denken können, er sei nur einer der prominenten Fans.

"Der Schiedsrichter wollte sich in Szene setzen"

Für Löw ist der ganze Vorfall keineswegs unproblematisch. Der Bundestrainer ist gemäß den Uefa-Regularien jetzt für das Viertelfinalspiel am Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Portugal in Basel vorläufig gesperrt. Dies gilt bis zu einer endgültigen Entscheidung durch die Uefa-Kontroll- und Disziplinarkommission, die für Mittwoch erwartet wird. Löw erwartet, dass er nicht wieder auf der Tribüne sitzen muss: "Ich gehe davon aus, dass ich am Donnerstag auf der Bank sitzen kann."

Für die Entscheidung der Uefa ist die wichtigste Frage: Was ist in der Coaching-Zone wirklich passiert? Wie viel Grund hatte Skomina, gegen Löw und Hickersberger vorzugehen?

Der österreichische Trainer hatte tatsächlich einige Male die Linie der Coaching-Zone in Richtung deutscher Trainerbank überschritten. Doch einen Platzverweis für ihn hatte deshalb keiner erwartet: "Ich habe dem vierten Offiziellen gesagt, dass Josef Hickersberger und ich in der Coaching-Zone unserem Job nachgehen wollen. Beide Trainer haben das Recht, Anweisungen zu geben", sagte Löw zunächst und bestritt, die Coaching-Zone verlassen zu haben. Auf der Pressekonferenz des DFB an diesem Dienstagmittag hörte sich das dann allerdings anders an.

Löw warf den Schiedsrichtern eine Überreaktion vor: Er habe sich von dem Offiziellen gegängelt gefühlt, Skomina habe ihn "im Minutentakt aufgefordert", auf die Trainerbank zurückzukehren. Er habe ihm zunächst "in mehreren Sprachen" klarzumachen versucht, dass er sich durch die ständigen Ermahnungen in seiner Konzentration gestört fühle. "In der 40. Minute bin ich dann etwas deutlicher geworden", sagte Löw. Möglicherweise habe er die Coaching-Zone da auch mit einem Fuß mal verlassen.

Was Löw für das Spiel am Donnerstag Mut machen dürfte: Gegen Österreichs Teammanager Andreas Herzog will die Uefa nicht vorgehen - obwohl er schon am Montagabend mit deutlichen Worten auf den Platzverweis reagiert hatte: "Der Schiedsrichter wollte sich in Szene setzen. Er sollte seinen Job machen und sich nicht wichtig machen", sagte Herzog da. "Das war ein Selbstdarsteller." Uefa-Mediendirektor William Gaillard teilte dazu nur knapp mit, die Kontroll- und Disziplinarkommission des Verbands befasse sich nicht mit Herzogs Äußerungen.

Auch Hickersberger hat sich auf Löws Seite gestellt. "Es wäre völlig unverständlich, wenn Löw deshalb eine Spielsperre erhalten würde", sagte er. "Bei mir ist es ja egal."

mit Material von dpa/sid

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