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Streit um Kommentar: Hoffenheim setzt "Tagesspiegel" auf den Index

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Bannstrahl für Hauptstadt-Zeitung: Ein Kommentar im "Tagesspiegel" ist den Hoffenheimer Verantwortlichen so sauer aufgestoßen, dass sie Anfragen des Blattes nicht mehr berücksichtigen wollen.

Die TSG 1899 Hoffenheim und ihr Mäzen Dietmar Hopp mussten sich, seit sie in der Bundesliga spielen, viel Kritik anhören. Und es kommt dabei gar nicht mal selten vor, dass diese ziemlich unsachlich und emotionsgeleitet ausfällt.

Hoffenheim-Trainer Rangnick: Oft Ärger mit den Medien
AP

Hoffenheim-Trainer Rangnick: Oft Ärger mit den Medien

Genau so oft kommt es aber vor, dass sich die Vertreter des Clubs durch extreme Dünnhäutigkeit selbst in die Schlagzeilen bringen. Aus - zuweilen sogar nachvollziehbarer - Empörung über Vergleiche mit dem Chelsea-Investor Roman Abramowitsch ("Russen-Mogul") in manchen Medien und offenem Hass aus der ein oder anderen Fankurve schoss schon so gut wie jeder Vereinsvertreter einmal über das Ziel hinaus.

Hopp erweckte zuletzt in einem "Kicker"-Interview den Eindruck, als habe ein Verein das moralische Recht, jeden Fan, dessen Benehmen einem nicht passt, aus dem Stadion zu werfen. Der DFB kündigte an, Pöbeleien von Fans gegen Hopp künftig sportrechtlich ahnden zu wollen. Ein Dortmunder Fan hatte beim Auswärtsspiel in Hoffenheim (1:4) ein Transparent mit ins Stadion gebracht, dass ein Hopp-Foto in einem Fadenkreuz zeigte.

Und Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick empörte sich Mitte August nach dem 3:0-Sieg zum Bundesliga-Auftakt in Cottbus über die Berichterstattung der "Lausitzer Rundschau". In dem Artikel war es um die ungleichen finanziellen Möglichkeiten des Kellerkindes Cottbus und des Neulings Hoffenheim gegangen. Rangnick, der sich schnell ungerecht behandelt fühlt, rechnete den eigenen Etat fast schon grotesk klein.

Jüngstes Beispiel ist die Replik des Vereins auf einen Kommentar im Berliner "Tagesspiegel". In dem hält Chefredakteur Lorenz Maroldt dem Club vor, er sei "eine Provokation für die Fans" und legt nahe, Hopp werde vom DFB auch deshalb gegen Anfeindungen aus der Fankurve geschützt, weil der Sohn des DFB-Präsidenten, Ralf Zwanziger, beim Verein als Koordinator für Frauen- und Mädchenfußball arbeite. Scharfe Geschütze, zumal nach Aussage des Clubs zuvor offenbar weder mit dem Verein noch mit Zwanziger junior gesprochen worden war.

Man mag den Text ungerecht finden, vielleicht sogar streckenweise ein wenig polemisch. Eines aber ist er in jedem Fall: Durch das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung und das Gebot der Pressefreiheit gedeckt. Die meisten Bundesligaclubs mussten sich in ihrer Geschichte schon solch deutlicher Kritik erwehren - und das teilweise über Monate.

TSG-Pressesprecher Markus Sieger setzte sich an den Schreibtisch und verfasste ein Schreiben an den "Sehr geehrten Herrn Maroldt", in dem er zu den Anwürfen Stellung nahm und die zu zerstreuen suchte: "Es ist natürlich richtig, dass Ralf Zwanziger bei 1899 Hoffenheim den Frauen- und Mädchenfußball, übrigens sehr erfolgreich, koordiniert. Es mag für Sie den Anschein einer 'Klüngelei' geben, aber: Denken Sie in der Tat, dass die Herren Hopp und Zwanziger es tatsächlich nötig haben, sich auf dieses Niveau zu begeben? (…) Herrn Hopps Wunsch war es frühzeitig, auch Frauen- und Mädchenfußball zu fördern und nicht nur den Jungs eine sportliche Perspektive zu geben. Auf dieser Basis bewarb sich Ralf Zwanziger", heißt es dort unter anderem.

Wäre der letzte Satz des Schreibens unterblieben - "Ich gehe von Ihrem Verständnis aus, dass zukünftige Anfragen des 'Tagesspiegel' bei uns nicht mehr berücksichtigt werden" - das Berliner Blatt wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, den Inhalt eines Schreibens auf seiner Homepage zu veröffentlichen, das Sieger als "rein persönliches Schreiben" verfasst hat. So aber entstand der fatale Eindruck, dass nur den Medien eine Berichterstattung ermöglicht wird, die ausschließlich positiv über den Verein schreiben.

Erich Laaser, Präsident des Verbandes der deutschen Sportjournalisten (VDS) wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nur vorsichtig zu dem Vorgang äußern, den genauen Wortlaut des Schriftwechsels kannte er zum Zeitpunkt des Anrufes noch nicht. Er halte es jedoch für "indiskutabel, dass man Medien, die kritisch berichten, einen Maulkorb umhängt", so Laaser.

Mit dieser Einschätzung fühlt sich Sieger allerdings missverstanden: "Wir erwarten ja nicht, dass alle Hurra schreien, weil wir jetzt in der Liga sind. Wir müssen uns als Club aber auch nicht alles gefallen lassen." Die Frage, ob der Verein tatsächlich künftig Interviewanfragen des "Tagesspiegel" abschlägig bescheiden will, ließ Sieger einstweilen offen. Einem persönlichen Gespräch mit dem Blattmacher werde man sich aber nicht entziehen.

Beim "Tagesspiegel" wartet man erst einmal ab: "Wenn unsere Sportredaktion demnächst die TSG kontaktiert, wegen Interviewwünschen oder ähnlichem, werden wir wissen, wie haltbar die Ankündigung ist", sagte Chefredakteur Maroldt.

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Forum - Bundesliga: Ist die Kritik an Hoffenheim polemisch?
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1.
werner51, 30.09.2008
Zitat von sysopDie TSG 1899 Hoffenheim und ihr Mäzen Dietmar Hopp mussten sich, seit sie in der Bundesliga spielen, viel Kritik anhören.Ist die Kritik an den Verein und seinem Mäzen zu polemisch?
Vor allen Dingen ist die Antwort des Tagesspiegel-Chefredakteurs unter aller Kanone. Der schreibt wie ein wütender Bengel, der sich auf dem Höhepunkt der Pubertät befindet. Bis hin zur oberlehrerhaften Belehrung über den Unterschied zwischen "scheinbar" und "anscheinend". Schade, daß ich kein Tagesspiegel-Abo habe; ich würde es sofort kündigen.
2. Neid
mosamusik 30.09.2008
Wenn man sieht wie die etablierten Bundesligaclubs z.B. im UEFA - Pokal spielen, freue ich mich schon auf Hoffenheim nächstes Jahr! Die Hertha hat eine Millionenstadt hinter sich, doch über Mittelmaß sind sie auch noch nicht herausgekommen. Hab Hoffenheim letzte Saison live in Mainz gesehen(1:1)und muss sagen das mir der Stil schon sehr gefällt. Man sollte sich ein Beispiel nehmen!!!
3. Nach Guts"herren"art
stanis laus 30.09.2008
Der Spiegel: "Hopp erweckte zuletzt in einem "kicker"-Interview den Eindruck, als habe ein Verein das moralische Recht, jeden Fan, dessen Benehmen einem nicht passt, aus dem Stadion zu werfen." Dazu im Forum des Spiegels: Dieser Verein hat das moralische Recht, jeden Schreiber, dessen Meinung einem nicht passt, aus dem Forum zu werfen. Dort nennt man es Nettiquette und Hausrecht. Dort hält man dieses Recht des Haus"Herren" dann für selbstverständlich. Die Kritik an Hoffenheim ist nicht nur polemisch, sondern nur voll des zerstörerischen Neides der ewig Zukurzgekommenen.
4. Woher diese Wut?
wonzmann 30.09.2008
Hoffenheim spielt attraktiven Fußball, hat die vielleicht beste Jugendarbeit der Liga, der gesamte Kader hatte zu Beginn der Saison etwa so viel Marktwert wie Mario Gomez, und der Sponsor Hopp kommt aus dem Dorf und hat jahrelang dort gekickt. Warum also diese Wut auf den Verein? Mir scheint, es ist der unverwindbare Schock darüber, wie Fußball überall sein könnte, es aber eben nicht überall werden wird: schnell, respektlos, skandalfrei, hochprofessionell und obendrein für den Steuerzahler umsonst. Insofern ist die Kritik des Tagesspiegels nicht polemisch - das wäre ja auch nicht weiter bemerkenswert - sondern mitleiderregend. Wer sich nach dem Spiel Bremen - Hoffenheim nicht einfach freut, das noch erlebt haben zu dürfen, für den ist Fußball wohl eine unablässige Leidensquelle.
5. Herr Hopp und die TSG sollen sich nicht so wichtig nehmen...
Emmi 30.09.2008
Allein schon die Tatsache, dass der DFB (?) eine "Lex Hopp" erlässt, die es explizit verbietet, dem Sponsor der TSG Hoffenheim 1899 auch nur verbal oder grafisch zu nahe zu treten - was andere mit dem Sport in Verbindung stehende Personen pausenlos über sich ergehen lassen (müssen) - ist ein Witz! Man kann zu der Tatsache, dass ein Verein dank der Millionen eines Milliardärs aus dem Nichts in die Spitze der Bundesliga aufsteigt, stehen, wie man will - man kann es als willkommene Abwechslung und Bereicherung oder als Farce betrachten, die die etablierten Vereine mit ihren Traditionen der Lächerlichkeit nahebringt - aber durch solche Aktionen steigt die Sympathie im Lande für den Verein sicher nicht. Herr Hopp fördert übrigens die TSG genausowenig aus selbstlosen Motiven wie Herr Gates die Gates-Stiftung aus reiner Herzensgüte eingerichtet hat. Hier geht es um das Schaffen eines reinen Gewissens angesichts des Wissens um die Anrüchigkeit des eigenen maßlosen Reichtums - der mit Arbeit allein nicht anzuhäufen gewesen wäre - in Anbetracht der weit prekäreren Lebensumstände der meisten anderen Menschen... Gerade aus Cottbus, wo man jeden Cent umdrehen muss, kann ich die Verbitterung übrigens gut verstehen, wenn man am Ende wegen so eines "Retortenbabys" aus der Bundesliga absteigen sollte, weil an der Spree eben nicht die Millionen sprudeln wie an der Elsenz...
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