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06. Juni 2012, 10:27 Uhr

DFB-Team

Verblüffungspotential gleich null

Von Christoph Biermann

Wie wird der optimale Pass gespielt? Bei welchem Dribbling hat Cristiano Ronaldo Schwächen? Bis ins letzte Detail seziert eine Studentengruppe für das DFB-Team das eigene Spiel und das der Gegner. Das Magazin "11FREUNDE" erklärt die Hintergründe der Arbeit.

Vielleicht sollte man sich für einen Moment die ganze Sache einfach mal als großen Spaß vorstellen. Also die riesengroßen Erwartungen auf den Gewinn der Europameisterschaft beiseite lassen und nur über den Fußball selbst sprechen. Denn tut man das mit Hansi Flick, dem als so leise geltenden Assistenten von Bundestrainer Joachim Löw, spürt man sofort, mit wie viel Lust und Vergnügen das Trainerteam der deutschen Nationalmannschaft über das Spiel redet. Verblüffend oft fallen Begriffe wie "super", "genial" oder "toll".

Ob Flick nun von seinem Besuch beim FC Barcelona erzählt, wo zu seiner Überraschung schon Elfjährige taktisch geschult werden, oder von einer intensiven Diskussion beim Training des FC Arsenal, als Arsène Wenger mit seinen Abwehrspielern über die richtige Aufgabenverteilung in der Defensive debattierte, Flick tut das mit unverhohlener Begeisterung. Und wenn er von Arsenals dramatischer, aber letztlich unbelohnter Aufholjagd gegen den AC Mailand in der Champions League erzählt, klingt er wie ein Fan: "Es ist mitreißend und verrückt gewesen. Das war eines der Spiele, bei denen man von den Zuschauern förmlich angesteckt wurde."

Flick reist durch Europa, Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke auch, und Chef-Scout Urs Siegenthaler zieht sogar rund um die Welt, bis nach Afrika und Südamerika. Sie schauen sich Spiele an, besuchen Clubs, diskutieren mit Trainern und kiebitzen am Rande von Trainingsplätzen. Und wenn sie etwas erleben, was ihre Arbeit inspiriert, lassen sie bei ihren Besprechungen den Gedanken freien Lauf. "Wir schaukeln uns gegenseitig hoch, wenn wir miteinander reden", sagt Flick. Wenn es um Fußball geht, sind sie Schwärmer, und in solchen rauschenden Gesprächsrunden entstehen Ideen, wie die vom "Pass als Kommunikationsform", die Siegenthaler aufgebracht hat.

Das klingt zunächst mal ziemlich überspannt, denn was mag Bastian Schweinsteiger damit sagen wollen, wenn er Thomas Müller den Ball in den Lauf spielt. Doch bei etwas genauerer Betrachtung erweist sich das als ein passendes Bild. So wie ein Spieler dem anderen den Ball zupasst, teilt er ihm durchaus etwas mit.

Ist ein Pass zu scharf, zu schlaff oder zu hoch?

Denn es ist ein Unterschied, ob Schweinsteiger seinen Kollegen mit einem schludrig gespielten Ball in Probleme bringt oder den Rechtsfuß Müller bewusst auf seinem starken Fuß anspielt, und dass er das weder zu scharf macht noch zu schlaff oder zu hoch. Wenn man so will, ist genau das der Unterschied zwischen irgendwelchem gedankenlosen Gerede und einem aufmerksam geführten Gespräch. Und genau das wird bei der EM gefordert sein. "Das Passspiel ist in unserer Trainingsarbeit die Basis", sagt Flick.

Um dies zu verbessern, sitzen in Köln schon seit Monaten rund 50 Studenten der Deutschen Sporthochschule unter der Leitung von Professor Jürgen Buschmann und Stefan Nopp. Sie sezieren das Spiel der deutschen Mannschaft sowie das ihrer Gegner, sichten Partien und durchforsten Datenbanken, legen Infomappen an und stellen Videomaterial zusammen.

Dass Dänemark sein Spiel über die Außenbahnen aufbaut, ist so klar wie die Fünf-Sekunden-Regel, die Spanien vom FC Barcelona übernommen hat. Dass man nämlich in den fünf Sekunden nach Ballverlust sofort nachsetzt und sich erst wieder in die defensive Grundordnung begibt, wenn man den Ball bis dahin nicht erobert hat. Selbst die Winkel, in denen der Titelverteidiger den Ball je nach Situation in die Spitze spielt und daraus wieder auf die nachsetzenden Spieler abprallen lässt, sind weitgehend decodiert.

Cristiano Ronaldos Bewegungsabläufe seziert

Doch inzwischen ist die Analyse des seit 2006 bestehenden "Team Köln" weiter vorangeschritten. Sieben Studenten beschäftigen sich allein mit den sogenannten "biomechanischen Untersuchungsanalysen". Damit ist die Arbeit quasi im Feinstofflichen angekommen, denn hierbei gerät die einzelne Bewegung der Spieler in den Blick.

Die Studenten versuchen aus vielen Stunden Bildmaterial zu destillieren, wie sich Cristiano Ronaldo vom deutschen Vorrundengegner Portugal verhält, wenn er zu einer seiner Übersteigerkaskaden ansetzt. Oder in welcher Spielsituation sein Verteidigerkollege Pepe am ehesten zu verunsichern ist. Denn vielleicht findet sich darin ein Muster, das einem deutschen Spieler hilft, weil man an Pepe vielleicht leichter aus der Drehung vorbeikommt oder Ronaldo etwa nach der dritten Finte immer ein kleines Problem bei der Ballmitnahme hat und man ihn genau dann angreifen muss.

Wenn man einem Spieler wie Philipp Lahm solche Bilder zeigt, wird er sie nicht vergessen, weil er wie die meisten Fußballspieler ein Imitationslerner ist. Er verfügt über eine extrem gute Bewegungsvorstellung und nimmt Visuelles sofort auf. Deshalb kann man ihn meistens auch nur einmal mit einem Trick verblüffen. Das Demovideo indes soll das gegnerische Verblüffungspotential auf null reduzieren.

Lesen Sie im zweiten Teil: Wie sich die Anforderungen an die deutsche Mannschaft erhöht haben - und wie das DFB-Team taktisch zulegte.

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