Stürmer-Legende Friedenreich Der erste König des Fußballs

Der Weltverband führt ihn als erfolgreichsten Torschützen der Geschichte, selbst Pelé schwärmt von seinem brasilianischen Landsmann Arthur Friedenreich. Bewundert als Fußballer, aber verarmt gestorben - das Magazin "11 FREUNDE" porträtiert den legendären Stürmer.


Edson Arantes do Nascimento verlässt das Feld und 175.000 Menschen erheben sich von ihren Sitzen. Manche stehen andächtig auf den Tribünen, Tränen laufen über ihre Wangen, andere schreien: "Fica!" ("Bleib!") Es ist ein verzweifeltes Echo, das auf den Rängen des riesigen Estádio do Maracanã verhallt. Denn Arantes do Nascimento, den alle nur Pelé nennen, hat sich längst entschieden: Das Länderspiel am 11. Juli 1971 gegen Österreich wird sein letztes gewesen sein. Nun bahnt er sich seinen Weg durch die Menge. Die Fans haben ihm eine Krone aus Gold aufgesetzt, die linke Hand hält ein Zepter. Er verlässt die Bühne als König des Fußballs.

Poster mit Arthur Friedenreich (1919): Laut Fifa der erfolgreichste Stürmer der Geschichte
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Poster mit Arthur Friedenreich (1919): Laut Fifa der erfolgreichste Stürmer der Geschichte

Diesen Titel hat ihm bis heute niemand mehr streitig machen können. Aber es gab weit vor Pelé einen brasilianischen Landsmann, der ihn trug. Nur dass dessen Geschichte nicht glänzend ist wie die des dreifachen Weltmeisters, sondern tragisch. Arthur Friedenreich hieß dieser erste König des Fußballs, Stürmer wie Pelé und berühmt geworden durch Brasiliens ersten Sieg bei der Südamerikameisterschaft. 1919 fand das Turnier statt, das in Brasilien für Euphorie sorgte und den Mythos von Friedenreich begründete. "Arthur war ein ganz großer Spieler in Brasilien", erinnert sich Pelé, der damals noch nicht geboren war. "Mein Vater hat oft von seinen Toren geschwärmt."

554 Treffer habe Friedenreich erzielt, sagt sein Biograf Alexandre da Costa. Die Legende (und mit ihr die offizielle Fifa-Statistik) indes behauptet, Friedenreich sei der erfolgreichste Torjäger der Geschichte gewesen. Von 1239 Spielen und 1329 Toren ist die Rede, von einem sagenhaften Rekord also, der alle anderen Stürmer, auch Pelé und den Deutschen Gerd Müller, auf die Plätze verweisen würde. Einigen kann man sich immerhin auf Friedenreichs wichtigstes Tor. Erzielt im Jahr 1919, im Finale jener Copa América, im längsten Spiel ihrer Geschichte.

Weil es zwischen Brasilien und Uruguay nach 90 Minuten 0:0 steht, wird eine Verlängerung von viermal 15 Minuten anberaumt. Lange sieht es so aus, als müsse ein Münzwurf über Sieg oder Niederlage entscheiden. Doch dann, in der 150. Minute, der letzten des Spiels, erwacht ein ganzes Land aus seiner Apathie. Friedenreich trifft zum 1:0, Sekunden danach ist das Spiel aus und nichts mehr wie zuvor. Die nationalen Zeitungen berichten erstmals ausführlich von einem Fußballspiel, später wird jene 150. Minute gar zur Geburtsstunde des brasilianischen Fußballs stilisiert - und Friedenreich zum Inbegriff des Homo ludens, des "spielenden Menschen", der im wahrsten Sinne des Wortes sein eigenes Elend überspielt.

Dabei erzählt das Leben von Arthur Friedenreich gar nicht die Geschichte des gebeutelten Jungen aus den Favelas. Zwar kommt er am 18. Juli 1892 in Luz, einem Viertel von São Paulo, zur Welt, doch seine Wurzeln liegen in Europa, genauer: in Hamburg. Von dort emigriert sein Vater, der Ingenieur Oscar Friedenreich, nach Brasilien. 1897 folgt ihm Hans Nobiling, ein ehemaliger Spieler des SC Germania Hamburg, und gründet zwei Jahre später den Sport Club Germânia São Paulo.

Arthur Friedenreich lebt bis dahin zwischen den Welten. Als Sohn eines deutschen Vaters genießt er in einigen Kreisen Privilegien, andererseits stößt er aufgrund seiner Hautfarbe - seine Mutter ist eine afro-brasilianische Wäscherin - vielerorts auf Ressentiments. Im Brasilien des frühen 20. Jahrhunderts ist Fußball der weißen Oberschicht vorbehalten. So bleibt Friedenreich die Mitgliedschaft in einem Club bis 1909 verwehrt. Erst nach einer Änderung der Vereinssatzung des SC Germânia darf er mitspielen. Doch schützt ihn auch der neue Paragraf nicht vor dem Rassismus in den brasilianischen Stadien. Der Stürmer muss sich vor den Spielen die krausen Locken mit Pomade glätten. Mitunter wird Friedenreich sogar dazu genötigt, seine Haut mit Reismehl zu weißen.

Die Freude am Fußball lässt er sich aber nicht nehmen. Er entwickelt eine ausgefeilte Schusstechnik, überrascht die Torhüter mit einem bis dahin unbekannten Effetschuss und die Abwehrspieler mit eleganten Körpertäuschungen. Die aber sind auch bitter nötig, da Fouls an dunkelhäutigen Spielern selten geahndet werden.

Mit seiner Leichtfüßigkeit führt Friedenreich das behäbige Spiel der Europäer ad absurdum. "In den feierlichen Ernst der weißen Stadien", schreibt der uruguayische Dichter Eduardo Gallano, "brachte Friedenreich die frech-vergnügte Unbotmäßigkeit der kaffeebraunen Jungen." Friedenreich begreift den Fußball in seiner Ursprünglichkeit: als ein Spiel. Die französische Nationalmannschaft erfährt dies Mitte der zwanziger Jahre, als die Brasilianer sie auf einer Europatournee vorführen und 7:2 deklassieren. In seiner Heimat trägt Friedenreich zu dieser Zeit bereits den Künstlernamen "Pé de Ouro" - Goldfuß. In Paris kürt man ihn zum "Roi du Football".

Doch ist er das wirklich, ein König des Fußballs? Der Einsatz bei einer Weltmeisterschaft bleibt ihm verwehrt. Nach Streitereien im brasilianischen Verband werden alle Spieler aus São Paulo von der Teilnahme an der ersten WM 1930 in Uruguay ausgeschlossen. 1934 ist Friedenreich bereits 42 Jahre alt und lässt seine Karriere bei Flamengo ausklingen. Er beginnt in einer Brauerei zu arbeiten. Am 6. September 1969 stirbt er, schwer gebeutelt von der Parkinson-Krankheit, einsam und verarmt in São Paulo.

In Europa ist Friedenreich längst in Vergessenheit geraten. In seiner Heimatstadt erinnert heute zumindest ein Denkmal an ihn, den ersten Meisters des Balls, der nicht als König Abschied nahm, sondern ganz leise. Zu einer Zeit, in der das große Spiel noch gar nicht richtig begonnen hatte.



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