Babelsberg wehrt sich gegen Strafe "Die regieren auf Kreisklasse-Niveau"

Babelsberg droht der Rauswurf aus der Regionalliga. In der Urteilsbegründung zu einer Strafzahlung wegen Pyrotechnik taucht auch ein Anti-Nazi-Ruf auf. Dafür attackiert der Vereinspräsident den Verband scharf.

Fans des SV Babelsberg
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Fans des SV Babelsberg


Nein, überrascht ist Babelsbergs Präsident nicht über den Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV). Dass die Fußball-Offiziellen seinen Verein so behandeln würden, dass sie die Dimension von politischen Konflikten so falsch einschätzen würden - damit hat Archibald Horlitz gerechnet.

Horlitz ist seit fünf Jahren Präsident des Potsdamer Regionalligisten. Mit jedem Monat ist seither seine Skepsis gegenüber dem NOFV gewachsen. Heute spricht er ein vernichtendes Urteil: "Bei diesem Verband tendiert die Lernkurve gegen null", sagt er. Und: "Die regieren auf Kreisklasse-Niveau, strafen aber auf Bundesliganiveau." Tatsächlich droht Babelsberg der Lizenzentzug. Denn der Verein weigert sich die Strafe für ein Urteil zu bezahlen. Horlitz sieht es nicht ein, warum es strafwürdig sein soll, Nazis beim Namen zu nennen.

Was war passiert?

Am 28. April 2017 hatten Cottbusser Fans beim Brandenburg-Derby in Babelsberg Hitlergrüße gezeigt und in Anlehnung an die Inschrift am Eingang des Stammlagers von Auschwitz "Arbeit macht frei, Babelsberg 03" skandiert. Nachdem vermummte Energie-Fans auf den Platz gerannt waren, wurde das Spiel zweimal unterbrochen. Beide Fanlager brannten Pyrotechnik ab. Aus dem Babelsberger Block rief zudem jemand "Nazischweine raus".

In der Folge wurde Cottbus zu einer Geldstrafe in Höhe von 16.000 Euro und einem Geisterspiel verurteilt - wegen des Platzsturms und des Abbrennens von Pyrotechnik, die rechten Slogans wurden nicht erwähnt. Babelsberg muss 7000 Euro wegen der Pyrovergehen bezahlen - hier ist allerdings der Nazischweine-raus-Ruf mit aufgeführt.

Der NOFV sagte zunächst, der Ruf aus der Babelsberger Kurve habe keine Rolle beim Strafmaß gespielt, er sei nur der Vollständigkeit halber hinzugefügt worden. Später hieß es, beim Auswerten des Spielberichts habe man einfach zu viele Sätze des Schiedsrichters ins Urteil hineinkopiert. Bei beiden Versionen kann der NOFV nicht erklären, warum der Punkt bei der Anklageliste gegen Babelsberg an erster Stelle steht.

Richter will keine rassistischen Rufe gehört haben

Gleichzeitig sagte der vom NOFV eingesetzte Richter Stephan Oberholz, er habe keine rassistischen Ausfälle hören oder sehen können. Jegliche Vorfälle rund um das Spiel sind allerdings gut dokumentiert, durch Fotos und Filmmitschnitte. Bei der Übertragung durch den RBB hatte sich der Kommentator über die lauten rassistischen Rufe empört. Oberholz sagte, er habe das Filmmaterial und die Mitschnitte aus den sozialen Netzwerken selbst auch ausgewertet.

Nach einem offenen Brief des Babelsberger Präsidiums an den DFB sorgte der nationale Verband dafür, dass Oberholz das Verfahren gegen Cottbus neu aufnehmen werde. Das Gericht gestand Fehler ein und sagte schließlich doch, dass die rechten Rufe zu hören seien. Energie wurde wegen "rechtsradikaler und antisemitischer Verfehlungen" mit einer Strafzahlung von 5000 Euro bedacht. Cottbus ging in Berufung - mit Erfolg: Zum nächsten Spiel in Babelsberg dürfen zwar keine Cottbusser Fans anreisen. Die Strafe aus dem ersten Urteil wurde nun sogar auf 6000 Euro reduziert.

Eine Anfrage des SPIEGEL zu dem Fall und den verschiedenen Entscheidungen blieb unbeantwortet. Auch Babelsberg hat schlechte Erfahrungen mit der Kommunikationsbereitschaft des Verbands gemacht. Es habe keine Gelegenheit zu einem direkten Gespräch gegeben, sagt Horlitz.

Babelsberg hat die Frist für die Zahlung verstreichen lassen

Den Präsidenten stört an dem Urteil vor allem, dass Cottbus für insgesamt drei Vorkommnisse aus verschiedenen Spielen 6000 Euro zahlen soll und Babelsberg für vergleichsweise Harmloses 7000 Euro. "Zudem droht man uns mit einem Geisterspiel, wo doch das DFB-Präsidium gerade erklärt hat, Kollektivstrafen würden abgeschafft." Was ihn aber noch mehr stört: Der "Nazischweine-raus"-Ruf steht immer noch in der Urteilsbegründung.

Horlitz wirft dem NOFV auch vor, dass der Fall in Babelsberg nicht der erste sei, bei dem rassistische Rufe beim Urteil ignoriert worden seien. Das sei schon beim Spiel Chemie gegen Lok Leipzig im November passiert und genauso bei einigen Spielen von Roter Stern Leipzig, der regelmäßig politisch angefeindet wird.

Die Strafe gegen seinen Verein hat Horlitz unterdessen nicht gezahlt. Die Frist endete am Freitag um 12 Uhr, Horlitz hat sie verstreichen lassen. Dass Babelsberg für den Leuchtkörperwurf bestraft wird, versteht er. Dass ein Anti-Nazi-Ruf Teil der Urteilsbegründung sein soll, das versteht er nicht.

Nach allem, was der NOFV verlauten ließ, so lange er noch telefonisch zu erreichen war, wird Babelsberg wohl jetzt die Spielerlaubnis für die Regionalliga entzogen. Ein Szenario, das Horlitz nicht schreckt: "Wir werden dann sofort eine einstweilige Verfügung beantragen und vor ein ordentliches Gericht ziehen."



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