Zweitligist Sandhausen: Der Dorfclub

Aus Sandhausen berichtet Wendelin Hübner

Fünf Leute auf der Geschäftsstelle, ein ehemaliger Rentner als Pressesprecher und ein Mini-Etat: Beim SV Sandhausen ist vieles anders als bei gewöhnlichen Zweitligaclubs. Der Verein aus der 14.000-Einwohner-Gemeinde hat trotzdem große Ziele. Dabei hilft auch der Präsident, eine Art "Mini-Hopp".

SV Sandhausen: Provinzclub in der zweiten Liga Fotos
DPA

Der erste Trainer, der in der neuen Saison seine Sachen packen muss, ist Gerd Dais. Und zwar noch vor dem ersten Spieltag. "Das ist wohl einmalig im deutschen Profifußball", sagt der Coach selbst - und meint den Umstand, dass er bei jedem Heimspiel seines Vereins sein Büro räumen muss. Der drei mal drei Meter große Raum ist nämlich auch die Schiedsrichterkabine. "Wir sind halt ein Dorfclub", sagt Dais über den SV Sandhausen, Deutschlands kleinsten Profiverein.

700 Mitglieder, rund ein Dutzend Fanclubs, ein Etat von nur neun Millionen Euro: Unter diesen Voraussetzungen beginnt für Sandhausen mit dem Heimspiel gegen FSV Frankfurt am Sonntag (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das Abenteuer zweite Bundesliga. "Wir sind der krasse Außenseiter. Aber wir werden zuschlagen", sagt Dais SPIEGEL ONLINE.

An der Wand hinter ihm hängt ein Stadionposter, es zeigt das legendäre Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro. Die große Fußballwelt. Auf dem Schreibtisch reihen sich Tacker, Tesa, Locher. Ein Stück Ordnung im Chaos. Vor der Tür dröhnen Presslufthammer, überall liegt Werkzeug herum. Der SV Sandhausen ist wenige Tage vor dem Start in seine erste Zweitliga-Saison eine Großbaustelle.

Das Hardtwaldstadion, die kleine Fußballwelt, wird aufgerüstet. Zum Maracanã wird die Spielstätte nicht gerade, aber es gibt eine neue Tribüne, Rasenheizung, sogar Logen. Ein Quantensprung für die Sandhäuser, die vor anderthalb Jahren noch vor dem Absturz in die Regionalliga standen. Jetzt sind Heimspiele gegen Traditionsclubs wie Köln, Hertha BSC Berlin und 1860 München die Realität.

Wo liegt dieses Sandhausen überhaupt?

"Ich bin geil auf die Saison", sagt Frank Löning, der Mannschaftskapitän. Als der Mittelstürmer im Sommer 2010 nach Sandhausen kam, war seine Laune nicht so gut. "Ich stamme aus einem Dorf mit 800 Einwohnern. Die Infrastruktur hier hat mich an meinen Heimatverein erinnert", sagt der Ostfriese. Von seinen Profistationen bei Werder Bremen oder SC Paderborn kannte der 30-Jährige mehr Komfort. Löning unterschrieb trotzdem - und schoss den SVS in die zweite Liga. Eine Sensation, potentere Clubs wie Offenbach oder Osnabrück blieben drittklassig.

Wie sehr der Aufstieg den Club selbst überraschte, zeigt am besten das Beispiel Siggi Müller. Der 63-Jährige ist im Ruhestand - eigentlich. Ende vergangenen Jahres begann er, in der SVS-Geschäftsstelle mitzuhelfen, quasi in Altersteilzeit. Jetzt ist er Pressesprecher und arbeitet 50, 60 Stunden pro Woche. "Wir sind gerade mal fünf Leute auf der Geschäftsstelle. Beim Karlsruher SC sind es 25 - in der dritten Liga", sagt Müller. Eine Frage, die er Journalisten aus Berlin oder Köln derzeit besonders oft beantworten muss: Wo liegt dieses Sandhausen überhaupt?

Es ist eine 14.000-Einwohner-Gemeinde bei Heidelberg. Wie die gesamte Region profitierte der Ort in den vergangenen Jahren vom Boom des Software-Riesen SAP. Damit ist man schnell bei Dietmar Hopp und 1899 Hoffenheim. Noch so ein Dorfclub aus Nordbaden, den vor ein paar Jahren kaum ein Mensch kannte. Aber in Sandhausen gibt es keinen milliardenschweren Mäzen wie den SAP-Gründer Hopp. Höchstens eine Art "Mini-Hopp".

Europameister Charisteas war zu teuer

Jürgen Machmeier ist Bauunternehmer und seit 13 Jahren Clubchef. Auch er hat schon privates Geld in den Club gesteckt; vor allem aber lässt er seine Beziehungen in Wirtschaft und Politik spielen. Machmeiers Vision für den SV Sandhausen: dauerhafter Profifußball und, irgendwann, ein ganz neues Stadion mit 20.000 Plätzen.

Doch jetzt wird erst einmal das alte auf rund 12.000 Plätze ausgebaut. 2,5 Millionen Euro kostet das den Verein, der selbst Eigentümer der Arena ist. Geld, das für neue Spieler fehlt. Edelfans zahlen 35.000 Euro pro Saison für eine der neuen VIP-Logen. Große Namen dürfen sie für ihr Geld nicht erwarten. Angelos Charisteas, der griechische Europameister, weilte zwar zu Verhandlungen in Sandhausen, war aber zu teuer. Neuzugänge kamen ausschließlich aus der zweiten oder dritten Liga. Fabio Morena, früher Kapitän des FC St. Pauli, ist noch der bekannteste.

Wenn im Durchschnitt 6000 Zuschauer ihre Heimspiele besuchten, wären die Sandhäuser schon glücklich. Die Konkurrenz in der Region ist groß, vor allem durch Hoffenheim, aber auch durch unterklassige Traditionsclubs wie den Karlsruher SC oder Waldhof Mannheim. "Man kann nicht von heute auf morgen Tradition und Fankultur herzaubern", sagt Trainer Dais, der früher selbst bei Waldhof in der Bundesliga spielte.

In der Saison 1986/1987 versuchte schon mal ein süddeutsches Dorf, die Stadtclubs aufzumischen. Doch der FSV Salmrohr stieg direkt wieder ab aus der zweiten Liga und geriet in Vergessenheit. Heute spielt der Verein in der Oberliga Südwest. Nun hat der SV Sandhausen die Chance, ein fester Punkt auf Deutschlands Fußball-Landkarte zu werden - als kleinster aller Profivereine.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Prof. Dr. Dr. hc. mult.
chiefclancywiggum 03.08.2012
Zitat von sysopFünf Leute auf der Geschäftsstelle, ein ehemaliger Rentner als Pressesprecher und ein Mini-Etat: Beim SV Sandhausen ist vieles anders als bei gewöhnlichen Zweitligaclubs. Der Verein aus der 14.000-Einwohner-Gemeinde hat trotzdem große Ziele. Dabei hilft auch der Präsident, eine Art "Mini-Hopp". SV Sandhausen: Erste Saison in der zweiten Fußball-Bundesliga - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,847145,00.html)
Lustig. Bislang dachte ich eigentlich, dass "ehemalige Rentner" zu 99.9% Leichen sind. Aber offenbar gibt es doch noch ein Leben und eine Berufung nach der Rente. Beruhigend für Leute wie mich, die nur noch knapp 20 Jahre auf die Rente warten müssen!
2.
Th.Tiger 03.08.2012
Zitat von sysopMachmeiers Vision für den SV Sandhausen: dauerhafter Profi-Fußball und, irgendwann, ein ganz neues Stadion mit 20.000 Plätzen. SV Sandhausen: Erste Saison in der zweiten Fußball-Bundesliga - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,847145,00.html)
Na, das wird er wohl in Sinsheim bauen müssen. Dietmar Hopp hatte das auch schon in Heidelberg versucht. Fußball hat etwas proletenhaftes und passt so nicht in eine ehrwürdige Akademikerstadt.
3.
smokeonit 03.08.2012
Zitat von Th.TigerNa, das wird er wohl in Sinsheim bauen müssen. Dietmar Hopp hatte das auch schon in Heidelberg versucht. Fußball hat etwas proletenhaftes und passt so nicht in eine ehrwürdige Akademikerstadt.
naja, das mit dem missglückten stadion scheiterte wohl eher an der wild-sippe... das man in HD nicht auf die richtigen pferde setzt ist ja leider nichts neues...
4. Moin erstmal!
extremchen 03.08.2012
Molle, Ihr habt es geschafft: Wilkommen in der zweiten Liga! Prima finde ich auch das unser Capitano bei Euch untergekommen ist, behandelt ihn gut, er hat es verdient. Ansonsten wünsche ich Euch viel Erfolg und einen sicheren Tabellenplatz am Saisonende! Hottehü
5. :d
johnnychives 03.08.2012
Zitat von extremchenMolle, Ihr habt es geschafft: Wilkommen in der zweiten Liga! Prima finde ich auch das unser Capitano bei Euch untergekommen ist, behandelt ihn gut, er hat es verdient. Ansonsten wünsche ich Euch viel Erfolg und einen sicheren Tabellenplatz am Saisonende!
dem schließ ich mich an, auf interessante spiele! ich hoff dass ihr nicht so austickt wie z.b. die badner wenn pauli kommt, von wegen risikospiel und überhaupt. viel spaß mit unserm alten kapitän, guter mann, wird noch lustig werden in der saison :D FORZA!
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