Zwangsabstieg SV Wilhelmshaven gegen die Fifa

Der SV Wilhelmshaven wehrt sich gegen einen Zwangsabstieg, der Streit mit der Fifa liegt jetzt beim Bundesgerichtshof. Sollte der Verein gewinnen, wäre das eine Revolution in der Fußballwelt. Ein Besuch bei den Rebellen von der Nordseeküste.

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Eine Autofahrt durch Wilhelmshaven mit Harald Naraschewski gleicht einer Stadtführung in eigener Sache. "Diesen Wohnstift habe ich sechs Jahre geführt", sagt der Anwalt, er arbeitet auch als Insolvenzverwalter. Der 66-Jährige zeigt aus dem Fenster: "Da, Nordfrost haben wir auch saniert, das ist eins der größten Tiefkühllogistikunternehmen Europas." Bei der Neuen Jadewerft habe er während der Insolvenz einen zweistelligen Millionenbetrag investiert - Voraussetzung dafür, dass dort heute die großen Fregatten der Bundeswehr gewartet werden.

Naraschewski ist auf die Rettung schwieriger Fälle spezialisiert. Sein derzeit größter ist der SV Wilhelmshaven. Als Aufsichtsratschef des Klubs führt Naraschewski einen Rechtsstreit gegen DFB und Fifa, der bereits mehr als sieben Jahre andauert. Die mächtigen Fußballverbände hatten den Verein hart bestraft - Geldstrafe, Punktabzug, Zwangsabstieg. Bis 2014 noch Regionalligist, spielt der SVW nun nur noch in der Landesliga. Der Klub schien am Ende.

Doch ein Urteil kurz nach Weihnachten, das Naraschewski erstritten hat, drehte die Geschichte. Das Oberlandesgericht Bremen erklärte den Zwangsabstieg für unwirksam. Der Verband legte zwar umgehend Revision beim Bundesgerichtshof ein, doch der Klub steht kurz davor, Sportgeschichte zu schreiben. Bestätigt der BGH das Bremer Urteil, stehen sowohl die Sportgerichtsbarkeit als auch die Ausbildungsentschädigungen im internationalen Fußball auf dem Spiel.

Die Geschichte beginnt 2007

Anfang des Jahres 2007 verpflichtet Wilhelmshaven einen Spieler aus Argentinien. Sergio Sagarzazu, damals 19 Jahre alt, hat einen italienischen Pass, beim Regionalligisten tritt er nicht groß in Erscheinung. Doch in der folgenden Saison melden sich zwei Vereine aus Argentinien, für die er als Jugendlicher gespielt hatte: Atlético River Plate und Atlético Excursionistas. Zusammen verlangen sie 160.000 Euro Ausbildungsentschädigung für Sagarzazu.

"Da waren wir erst mal baff", erzählt Naraschewski. "Das war ein Vielfaches dessen, was der Spieler bei uns verdient hat." Die argentinischen Klubs haben die Summe aus den pauschalen Angaben der Fifa errechnet. Als Regionalligist soll der SVW demnach 30.000 Euro pro Ausbildungsjahr zahlen. Das hält Naraschewski für völlig unverhältnismäßig, der juristische Marathon beginnt: Wilhelmshaven zieht nacheinander vor das Sportgericht des Norddeutschen Fußballverbands, das DFB-Bundesgericht und den Internationalen Sportgerichtshof Cas. Ohne Erfolg, alle Sportgerichte entscheiden im Sinne der Verbände.

Mittlerweile füllt der Streit zwölf Aktenordner

Die Verfahrenskosten sind auf mehr als 100.000 Euro gestiegen. "Ohne ihn hätten wir nicht durchgehalten", sagt Vereinschef Hans Herrnberger. "Ein Externer wäre da nie mit einer solchen Intensität rangegangen."

Der Erfolg vor dem Oberlandesgericht gibt Naraschewski Recht. Völlig entspannt lehnt er sich in seinem Stuhl zurück: "Die haben wahrscheinlich geglaubt, wir halten das nicht durch." Die - das sind die Verbände, DFB und Fifa. Der Anwalt blättert in einem Ordner und fischt ein Schreiben vom November 2007 heraus: "Das ist mein erster Brief an den DFB. Darin habe ich bereits alle Gründe genannt, warum das so nicht geht - was das Gericht jetzt bestätigt hat."

Konkret geht es um drei Streitpunkte:

  • Das Oberlandesgericht hat dem SVW zunächst bescheinigt, dass der Weg vor ein ordentliches Gericht zulässig ist. DFB und der Norddeutsche Fußball Verband hatten eingewandt, der Verein habe die verbandsinternen Rechtsmittel nicht ausgeschöpft. Da aber laut OLG sowohl die Verbandsgerichte wie auch der Cas keine unabhängigen Schiedsgerichte sind - die Verbände haben zu viel Einfluss, die Vereine zu wenig -, sei der ordentliche Rechtsweg offen.
  • Die Ausbildungsentschädigung der Fifa verstößt gegen Europarecht, konkret gegen die Berufsfreiheit. Das hat der Europäische Gerichtshof bereits 2010 entschieden. Demnach sind die Entschädigungen nur dann zulässig, wenn sie sich an den Kosten orientieren, die der aufnehmende Verein gespart hat. Naraschewski hat das für die Wilhelmshavener Jugendabteilung ausrechnen lassen - demnach betragen die Kosten pro Spieler weniger als 1000 Euro, also gerade mal drei Prozent der von der Fifa festgelegten Summe.
  • Und schließlich urteilte das Oberlandesgericht, der DFB hätte die Fifa-Strafen prüfen müssen und nicht einfach durchreichen dürfen. Tatsächlich heißt es in der DFB-Satzung, der Verband vollziehe die Entscheidungen des Cas, "soweit zwingendes nationales oder internationales Recht nicht entgegensteht". Das Argument des DFB, man könne nicht alle Entscheidungen prüfen, ließ der Richter nicht gelten.

Sollte das Urteil vom BGH bestätigt werden, dürfte es zwei Folgen haben: Zum einen eröffnet es Vereinen die Möglichkeit, vor ordentlichen Gerichten gegen Entscheidungen der Sportgerichte vorzugehen. Zusammen mit dem ähnlich gelagerten Fall von Claudia Pechstein würde dies die Sportgerichtsbarkeit revolutionieren.

Und auch die Ausbildungsentschädigungen der Fifa stehen in ihrer derzeitigen Form vor dem Aus. Um weitere Klagen zu verhindern, müsste der Weltverband das System komplett reformieren. Wilhelmshaven könnte damit zu einem zweiten Fall Bosman werden. Naraschewski: "Das kann man so sagen."

Der Norddeutsche Fußball-Verband kann das Urteil nicht nachvollziehen

"Der Richter hat das Verbandsmonopol von Fifa und DFB kritisiert und gesagt, dass die kleinen Vereine davor geschützt werden müssen", sagt Eugen Gehlenborg, Präsident des NFV. Das Urteil gegen den SV Wilhelmshaven komme aber nicht von der Fifa, sondern vom Internationalen Sportgerichtshof Cas. "Und der Verein hat es versäumt, gegen dieses Urteil Berufung einzulegen."

Selbst wenn der SV Wilhelmshaven in dem einen oder anderen Punkt Recht hätte, sagt Gehlenborg weiter, sei es im Sport problematisch, "auf nationale Einzelentscheidungen zu pochen". Für einen funktionierenden Sportbetrieb sei eine internationale Sportgerichtsbarkeit unerlässlich.

Naraschewski schüttelt den Kopf, er kann diese Argumente nicht mehr hören. "Die Fifa kann doch nicht nur deshalb Recht bekommen, weil sie die Fifa ist. Wir leben in Deutschland glücklicherweise auf der Basis des Grundgesetzes und nicht nach Fifa-Recht."

Wie geht es nun weiter?

Präsident Herrnberger sagt, dem SVW sei ein wirtschaftlicher Schaden in Millionenhöhe entstanden. Auf die Frage, ob er auf Entschädigung oder auf Wiederaufstieg setze, hat der Vereinschef eine klare Antwort: "Wir würden auf beides pochen."



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PriseSalz 23.01.2015
1. Sondergerichtsbarkeiten
Sondergerichtsbarkeiten gehören allesamt weg. Sportgerichte, Kirchengerichte etc., haben in einer modernen Gesellschaft nichts zu suchen. Nun ja, das Skatgericht kann vielleicht bleiben...
majkusz 23.01.2015
2. Es besteht Hoffnung, ...
... daß sich endlich die Erkenntnis durchsetzt, daß außerstaatliche Gerichte abzuschaffen oder zumindest in Ihren Kompetenzen stark zu reglementieren sind. Es kann nicht sein, daß jede Karnickelzuchtvereinigung ihr eigenes Gesetz hat, keine Gewaltenteilung hat und es über das Grundgesetz stellt. Warum gibt es so etwas immer noch? Damit IOC, FIFA, UEFA, DFB usw. ihre fetten Pfründe sichern und ihre Frühstücksdirektoren bezahlen können. Austrocken muß man diese Sümpfe. Nachteil: unsere Gerichte werden noch mehr überlastet und es müßte personell aufgestockt werden, aber das sollte uns die Aufgabe Schattengerichtsbarkeit doch wert sein, oder?
Puma 23.01.2015
3. DFB - Fifa
Warum eigentlich beanspruchen beide Verbände und deren Ableger Sonderspielregeln. Die Menschen, die dort arbeiten - ob Sportler oder Mitarbeiter - unterliegen doch auch den Einkommsteuergesetzen der Bundesrepublik Deutschland bzw. ihrer jeweiligen Länder.
Wellness 23.01.2015
4. Paralelljustiz
Ich hoffe das es endlich der FIFA regeln an die Hand gibt .Gerade die kleinen Vereine und Amateure müssen vor der Willkür der Sportjustiz geschützt werden.Das endlich ein Präsidenzfall auf dem Tisch liegt wird die Hemmschwelle vor weiteren Klagen senken
Malshandir 23.01.2015
5. Sportgerichte reformieren
Sportgerichte sollen weiter existieren, aber der Zugang zu ordentlichen Gerichten muss trotzdem offen sein. Wenn man ueber kleinere Strafen wie 1 oder 4 Spiele Sperre redet oder ueber keleinere Geldstrafen wegen Stoerungen des Spielbertriebes (Flitzer) dann soll das in der Sportgerichtsbarkeit bleiben, geht es um existentielle Fragen, wie Zwangsabstieg, Ausschluss aus Wettbewerben oder lange Sperren, dann MUSS zwingend ein Gericht entscheiden. Es darf keine Sondergerichtsbarkeiten geben, da diese auf keiner gesetzlichen basis stehen.
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