Premier-League-Club Swansea City: Der Alptraum von Balotelli und Co.

Von Dirk Gieselmann

Vor zehn Jahren standen sie vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit, nun mischen sie die Premier League auf: Swansea City ist das Überraschungsteam in England. Das Magazin "11FREUNDE" erklärt, dass der Verein aus Wales dank eines Erfinders und eines modernen Spielkonzepts so erfolgreich ist.

ManCity-Stürmer Balotelli: Bei Aufsteiger Swansea verloren Zur Großansicht
DPA

ManCity-Stürmer Balotelli: Bei Aufsteiger Swansea verloren

Das ist der zweite Teil "11FREUNDE"-Artikels über Swansea City. Lesen Sie im ersten Teil die kuriose Geschichte der beiden Eigentümer und ihre Club-Übernahme 2002.

Noch immer besteht die Mannschaft von Swansea City aus Namenlosen, die anderswo durchgefallen sind. Hier in Wales müssen sie sich nach dem Training in einem öffentlichen Fitnesszentrum umziehen, die Trikots waschen sie zu Hause. Ihr Trainer Brendan Rodgers hatte zuvor nur zwei Proficlubs trainiert, Reading und Watford, bei beiden wurde er wegen Erfolglosigkeit entlassen. Er hat eine leise, brüchige Stimme und einen Händedruck, der keiner ist. Man sieht ihn in einer Jogginghose voller Farbflecken beim Wochenendeinkauf durch Swansea schlurfen und mit Passanten scherzen. Als wäre all das ein Witz.

Und das ist es ja auch. Ein Witz auf Kosten der anderen. Der Swansea City FC ist der Club mit dem geringsten Etat der Liga, aber er spielt berauschenden Fußball. Statistiker haben fast 500 Pässe pro Spiel gezählt, mehr als bei Arsenal, das im Januar prompt 2:3 im Liberty Stadium verlor. Die Zeitschrift "FourFourTwo" zeigte Spielmacher Leon Britton auf einer Fotomontage neben Xavi und schrieb dazu: "Einer von beiden ist der beste Passgeber Europas. Der andere spielt beim FC Barcelona."

Die hohe Passquote, die Ballsicherheit, das kontrollierte Aufbauspiel, die mannschaftliche Geschlossenheit, der Biss, der Schneid, die Leidenschaft - wie Swansea seine Erfolge erzielt, ist offensichtlich. Aber warum all die Niemande das Zeug dazu haben, ist eines der größten Geheimnisse des britischen Fußballs, tief vergraben in Brendan Rodgers vier Quadratmeter großem Büro im Keller des Fitnesszentrums. "Er ist ein Erfindertyp", sagt Clubbesitzer David Morgan. "Er tüftelt wochenlang, bis etwas funktioniert. Und wenn man ihn dann fragt, wie er das gemacht hat, sagt er bloß: 'Das versteht ihr doch eh nicht!'" Dieser Mann macht wie von Zauberhand aus wenig viel.

Rodgers wurde als Nationaltrainer ins Gespräch gebracht

Unlängst wurden die Trainer der Premier League vom Verband schriftlich gebeten, sich der Diskussion um die Nachfolge Fabio Capellos zu enthalten. "Kann sein, dass ich diesen Brief auch bekommen habe", sagte Rodgers, als Journalisten ihn darauf ansprachen. Sie hatten natürlich längst begonnen, ihn als neuen Nationaltrainer zu handeln. "Aber der liegt bestimmt noch unter irgendeinem Stapel. Fragen Sie besser Roberto Mancini von Manchester City. Der hat eine Sekretärin, die den Brief öffnet, eine, die ihn liest, und eine, die ihn schreddert."

Die Voraussetzungen der Kontrahenten könnten in der Tat nicht unterschiedlicher sein. Kaum Geld gegen viel Geld, Lokalhelden gegen Weltstars, Tapetenhändler John van Zweden gegen Scheich Mansour bin Zayed al Nahyan. Die Reporter brauchen jedenfalls nicht zu warten, bis an diesem Sonntag Mitte März Leon Britton und Yaya Touré auf dem Platz stehen - der eine 1,65 Meter groß, der andere 1,90 -, damit sich der Vergleich zu David gegen Goliath aufdrängt.

"Wir werden gewinnen", sagt van Zweden ohne jegliche Ironie, bevor er, in seinen Gerichtsterminanzug gekleidet, in der Vorstandsloge Platz nimmt. "Fragt sich nur, wie hoch."

Swansea träumt vom Europapokal

Es wird knapper, als der Club-Boss vielleicht gehofft hat. Aber deutlicher, als der Rest der Welt erwartet hätte. Von Beginn an zerlegt Swansea Manchester mit schwindelerregenden Ballstafetten. City-Stürmer Mario Balotelli, der allein zehnmal so viel verdienen soll wie alle "Swans" zusammen, sitzt immer wieder beleidigt auf dem Rasen, hadert mit dem Schiedsrichter, sich selbst und diesen Gegenspielern, von denen er nie zuvor gehört hat und die ihn doch zu Tode nerven.

Bis zum Schluss finden die "Citizens" kein Mittel. In der 83. Minute fällt der behäbige Goliath endgültig: Stürmer Luke Moore, früher mal Bankdrücker bei Derby County und West Bromwich, köpft das 1:0. Die 20.000 Fans im Liberty Stadium sind außer sich vor Freude. 1:0 gegen den Giganten Manchester City - das ist wohl der größte Sieg in der Geschichte ihres Clubs. Verzückt vom Kombinationsspiel dieser Mannschaft, verleiht die Presse ihr nach dem Sieg den Ehrentitel Swanselona.

Am späten Abend sitzen die sechs Clubeigner zusammen. Der Klassenerhalt ist den Swans bei 14 Punkten Vorsprung auf die Abstiegsränge nun nicht mehr zu nehmen, da sind sie sich sicher. Und je mehr leere Bierbüchsen sich auf dem Couchtisch stapeln, desto mutiger werden die Prognosen. "Wenn das Financial Fairplay erst mal gilt", sagt David Morgan, "spielen wir in der Champions League." Die Regelung soll laut Uefa ab dem Jahr 2015 schrittweise in Kraft treten. Am Ende müssen die Einnahmen die Ausgaben der Vereine decken. Bei Swansea City ist das bereits jetzt der Fall. Chelsea hat 2011 hingegen 70 Millionen Pfund Verlust gemacht, Manchester City sogar 140 Millionen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hm
der_rookie 08.05.2012
"Wenn das Financial Fairplay erst mal gilt": Wenn hat im Deutschen ja nicht nur eine zeitliche Bedeutung...
2. @der_rookie: wortspiel
maxlmorlock 08.05.2012
vermutlich hat der gesagt:.... "if" the financial fairplay.....
3.
schwaginio 09.05.2012
hier sollte erwähnt werden, dass der Hoffenheimer Gylfie Sirgurdsson seit Januar 2012 zu Swensea ausgeliehen ist und dort seinen marktwert von 5 auf 12 Mio Euro angehoben hat.
4.
hansklauspeter 09.05.2012
Zitat von der_rookie"Wenn das Financial Fairplay erst mal gilt": Wenn hat im Deutschen ja nicht nur eine zeitliche Bedeutung...
Ich mache mir wenig sorgen um das "wenn". Die Frage ist eher, wie sich die UEFA verhält, wenn Real eigentlich nicht in der Championsleague spielen dürfte und dafür zB. ein Verein wie der FC Zürich nachrücken würde.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball
RSS
alles zum Thema 11 FREUNDE
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
  • Zur Startseite
11FREUNDE@SPIEGEL ONLINE