Tabellenführer Leverkusen: Bayer bannt das "Vizekusen"-Gespenst

Von Christoph Biermann

Leverkusen hat einen perfekten Start in die Rückrunde erwischt - und könnte in dieser Saison dem Titelfluch entgehen. Denn derzeit ist kein Einbruch wie in früheren Spielzeiten in Sicht. Im Gegenteil: Das Bayer-Team hat seine Möglichkeiten noch gar nicht voll ausgeschöpft.

Leverkusener Vidal (l.) und Barnetta: Immer wieder Entwicklungssprünge Zur Großansicht
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Leverkusener Vidal (l.) und Barnetta: Immer wieder Entwicklungssprünge

Es gibt einen in Kölner Kneipen gern vorgespielten Witz, bei dem die Zellophanhülle einer Zigarettenschachtel abgezogen und auf den Tresen gestellt wird. Die Frage lautet dann: "Was ist das?" Die Antwort: "Der Trophäenschrank von Bayer Leverkusen." Nun unterschlägt diese Pointe, dass der Club von der anderen Rheinseite bereits den Uefa- und auch den DFB-Pokal gewonnen hat. Aber ganz unberechtigt ist Häme dennoch nicht, denn Bayer Leverkusen gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zu den Spitzenteams der Bundesliga - und dafür ist im Trophäenschrank wirklich zu viel Luft.

Vor allem zwei spektakuläre Einbrüche haben dafür gesorgt, dass die Werkself als ewiger Zweiter gilt. Im Jahr 2000 verlor Bayer mit einem 0:2 am letzten Spieltag bei der SpVgg Unterhaching die eigentlich sichere Meisterschaft. Zwei Jahre später zeigte die Mannschaft unter Trainer Klaus Toppmöller den schönsten Fußball, den eine deutsche Vereinsmannschaft der jüngeren Geschichte gespielt hat, gewann aber keinen von drei möglichen Titeln. Michael Ballack, Zé Roberto und Co. verloren nicht nur das Finale der Champions League gegen Real Madrid, sondern auch das Endspiel um den DFB-Pokal gegen Schalke 04 und auf der Zielgeraden auch die Deutsche Meisterschaft an Borussia Dortmund. Irgendwie hatten sie im Bayer-Werk wohl einen titelabweisenden Spezialstoff für die Trikots ihrer Kicker entwickelt.

Kein Wunder, dass auch in dieser Winterpause fast schon routinemäßig die Prognosen vorgetragen wurden, dass Bayer auch diesmal wieder eine gut begonnene Saison nicht erfolgreich abschließen könnte. Viele Fans und auch Verantwortliche des Clubs waren für dieses Geraune ebenfalls empfänglich. Nicht nur das historische Scheitern, sondern auch der Absturz im vergangenen Jahr, als Bayer in der Rückrunde vom zweiten Platz bis tief ins Mittelfeld durchgereicht wurde. war ihnen noch gut in Erinnerung. Und Fußball ist eben ein Geschäft, in dem viele irrationale Kräfte wirken. Das macht es schwer, mysteriöse Flüche zu bannen, die Misserfolgsserien über Jahre am Leben erhalten können.

Bayer spielt in der Rückrunde so gut wie vor der Winterpause

Daher kann man den Wert des geglückten Rückrundenstarts für Bayer Leverkusen nicht hoch genug einschätzen. Zwei souveräne Siege, von denen das 3:0 am Sonntag in Hoffenheim fast schon erschreckend locker herausgespielt wurde, haben das Gespenst, das in Leverkusen ums Stadion zieht und "Vizekusen" heult, zumindest momentan vertrieben. Bayer spielt in der Rückrunde so gut wie vor der Winterpause, und es ist im Moment auch nicht auszumachen, weshalb sich das so bald ändern sollte.

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Bundesliga am Sonntag: Veh verzweifelt, Leverkusen locker

Ohne Spiele im Europapokal - im DFB-Pokal ist das Team von Trainer Jupp Heynckes früh ausgeschieden - gibt es keine Mehrfachbelastung, wie sie dem FC Bayern noch zu schaffen machen könnte. Außerdem betont Heynckes immer wieder, in seiner langen Karriere als Trainer noch nie mit einer so willigen Gruppe von Spielern gearbeitet zu haben. An Unfrieden und Zank wird sie also kaum scheitern.

Im Gegenteil: Man hat nicht einmal den Eindruck, dass sie ihrer Möglichkeiten schon voll ausgeschöpft hat.

Toni Kroos spielt fast schon unheimlich gut

Bei vielen der jungen Talente gibt es immer wieder Entwicklungssprünge, wobei es fast schon unheimlich ist, wie gut Toni Kroos inzwischen spielt. Für die sensationelle Leistung des gerade 20-Jährigen stehen nicht nur seine inzwischen acht Tore und sieben Assists, der Leihspieler vom FC Bayern gehört aktuell ohne Zweifel zu den besten Bundesligaprofis. Selten hat man erlebt, dass sich ein begnadetes Talent innerhalb einer Halbsaison zum Taktgeber eines Meisterschaftsfavoriten entwickelt.

Das alles bedeutet selbstverständlich nicht zwangsläufig, dass am Ende der Saison die gegnerischen Sprechchöre "Ihr werdet nie Deutscher Meister" endgültig verstummen werden. Noch ist der Titelfluch nicht gebannt. Aber wer am Ende vorn stehen will, sollte besser nicht bloß darauf warten, dass Bayer 04 wieder den Selbstzerstörungsknopf drückt.

Wer Meister werden will, wird sich alle Mühe geben müssen, besser als Leverkusen zu sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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1. d
Klo 25.01.2010
Zitat von sysopLeverkusen hat einen perfekten Start in die Rückrunde erwischt - und könnte in dieser Saison den Titelfluch bannen. Derzeit ist kein Einbruch wie in früheren Spielzeiten in Sicht. Im Gegenteil: Das Bayer-Team hat seine Möglichkeiten noch gar nicht voll ausgeschöpft. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,673741,00.html
Warten wir's mal ab. Aber die Chancen für Leverkusen stehen gut. Schließlich ist Unterhaching nicht mehr drin.
2. .
shokaku 25.01.2010
Zitat von KloWarten wir's mal ab. Aber die Chancen für Leverkusen stehen gut. Schließlich ist Unterhaching nicht mehr drin.
Aber München(!)gladbach noch. ;-)
3. Go Bayer
thepolarking 25.01.2010
Es wäre ihnen ja zu gönnen. Dumm wäre nur dass Kroos dann sicher nach München müsste. Lahm hatte damals bei "meinem" Vfb zwar auch eingeschlagen, aber Bayerns Ambitionen mit Ribery/Robben und CL sind seitdem auch eher gestiegen. Also nochmal das beste rausholen und von "Vizekusen" zu "Meisterkusen" werden ;-)
4. Alles offen
Freddie-58 25.01.2010
Hallo, 2 magere Pünktchen und noch 15 Spiele?! Auch Vizekussen wird noch eine schwächere Phase durchlaufen und dann kommt es draufan. Dann werden die leicht bis auf Rang 4 oder 5 durchgereicht. Das macht die BuLi so interessant. Gruss Fred
5. jaja
Chance 25.01.2010
Zitat von sysopLeverkusen hat einen perfekten Start in die Rückrunde erwischt - und könnte in dieser Saison den Titelfluch bannen. Derzeit ist kein Einbruch wie in früheren Spielzeiten in Sicht. Im Gegenteil: Das Bayer-Team hat seine Möglichkeiten noch gar nicht voll ausgeschöpft. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,673741,00.html
Wenn Leverkusen am Ende nicht auf 1 steht haben sie das Vizekusen Gespenst eben nicht gebannt. Es ist m. E. momentan in der Tat kein Einbruch in Sicht. Es ist aber auch ein Riesenunterschied zwischen einem Einbruch inkl. einem nicht erreichen der Euroleague wie letztes Jahr (daran glaub ich auch nicht). Und dem am Ende ganz oben stehen. Da reichen momentan m. E. 2 schlechte Spiele und die Bayern sind weg.
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Zum Autor
Martin Steffen
Christoph Biermann, Jahrgang 1960, lebt in Köln und hat schon alle Stadien der Welt besucht, zumindest die schönsten. Sein Herz schlägt jedoch nicht für einen der großen Clubs, er hält zu einem Außenseiter aus NRW.
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