Tahiti beim Confed-Cup: Die Ritter der Kokosnuss

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Tahitis Fußballnationalmannschaft: Die Über-Außenseiter Fotos
Getty Images

Sie kicken zu Hause vor 200 Zuschauern, jetzt spielen sie im legendären Maracanã-Stadion gegen Weltmeister Spanien: Tahiti hat sich zum ersten Mal für den Confed-Cup qualifiziert. Angst vor einer Blamage haben sie nicht, dafür aber eine Mission.

Verlässt man Papeete auf der Avenue Pierre Loti in südlicher Richtung, lässt das städtische Krankenhaus rechts liegen und biegt kurz hinter dem Tennisclub de l'AS Tamarii Pater links ab auf die Rue Paul Bernière, kann man es bereits sehen: Das Stade Pater Te Hono Nui, die Heimat der tahitianischen Fußballnationalmannschaft.

Kurz hinter der unüberdachten Osttribüne steigen sanft bewaldete Hänge an, zwei Kilometer weiter beginnt schon dichtester Urwald. 15.000 Zuschauer fasst das Stadion, hier trägt die Nationalmannschaft des Landes ihre meisten Heimspiele aus, "vor 100 bis 200 Zuschauern", wie Nationaltrainer Eddy Etaeta sagt. Der 43-Jährige war früher selbst Spieler, seit zwei Jahren coacht er die Auswahl des Landes. Gemeinsam erleben sie beim Fifa-Konföderationen-Pokal (15. bis 30. Juni) gerade die aufregendste Zeit ihres Sportlerlebens.

Alles begann damit, dass die "Toa Aito" am 10. Juni 2012 als erstes pazifisches Land die Ozeanienmeisterschaft gewann. Bis dahin hatten stets Australien und Neuseeland den Titel unter sich ausgemacht. Normalerweise sind in Tahiti Bootsrennen in traditionellen Va'as Nationalsport Nummer eins. An Fußball denkt bei dem Pazifik-Archipel kaum jemand, eher schon an blaues Wasser und Kokosnüsse. "Wer wusste vorher schon, dass Tahiti ein Fußballteam hat? Selbst von unseren 200.000 Einwohnern wusste das höchstens die Hälfte, und noch weniger interessierten sich dafür", sagt Steevy Chong Hue. Der Stürmer schoss beim 1:0-Sieg im Finale über Neukaledonien auf den Salomonen das entscheidende Tor - und Tahiti auf einmal auf die große Fußballbühne.

"Viele waren noch nie auf einem anderen Kontinent"

Um sich nun in Brasilien an die Umgebung gewöhnen zu können, ist das Team bereits seit Freitag vergangener Woche im Confed-Cup-Gastgeberland. Nahezu alles, was für die Profis ihrer Gegner ganz normal ist, stellt für die Tahitianer eine "völlig neue Erfahrung" dar, sagt Trainer Etaeta und erzählt: "Auf dem Weg hierher sind meine Spieler zum ersten Mal in ihrem Leben Business Class geflogen. Viele waren noch nie auf einem anderen Kontinent oder haben vor der Presse gesprochen."

Etaeta wurde 2010 Nationalcoach, im Ausland hat er nie gearbeitet. An das Niveau der großen Nationen wollte er seine Männer mit Testspielen gegen Jugendteams und unterklassige Mannschaften vorsichtig heranführen, gegen die U-20-Auswahl Chiles kassierten sie vergangene Woche eine 0:7-Niederlage. Etaeta weiß nicht erst seitdem, dass seine Mannschaft bei dem Turnier keine Chance hat. Tahiti ist der Über-Außenseiter, selbst Absteiger Fürth wirkte im Vergleich in der vergangenen Bundesliga-Saison geradezu auf Augenhöhe mit Triplesieger Bayern München.

Passender ist da schon der Vergleich mit den "Cool Runnings", den Bob-Piloten aus Jamaika, die sich 1988 für die Olympischen Winterspiele in Calgary qualifiziert hatten. Deren Geschichte wurde später als klamaukige Komödie verfilmt. Doch Etaeta und sein Team haben sich selbst eine kleine Mission auferlegt, nur als gut gelauntes Kanonenfutter der Stars wollen sie in Brasilien auch nicht auflaufen.

Stattdessen haben sie sich vorgenommen, den Amateurfußball bestmöglich zu repräsentieren. Denn genau das sind die meisten von ihnen: Freizeitspieler, die zu Hause als Strandverkäufer oder Regaleinräumer im Supermarkt Geld verdienen. Zehn Teammitglieder sind sogar arbeitslos. Einziger Profi ist Marama Vahirua vom griechischen Club Panthrakikos.

Zwischen der Basis und dem Maracanã

Viel größer könnte der Kontrast zu Neymar, Iniesta und Co. nicht sein. "Wir holen den Profifußball ein Stück weit in die Realität zurück. Und die sieht so aus, dass es auf der Welt 99 Prozent Amateurfußballer und nur ein Prozent Profis gibt", sagt Etaeta. Er und seine Spieler wollen "Werte wie Respekt und Loyalität vermitteln, die im Profifußball oft verlorengehen, an der Basis aber unabdinglich sind".

Wenn Etaeta von "Basis" spricht, dann hat das recht wenig mit Bedingungen zu tun, wie man sie aus dem deutschen Amateurbereich kennt. "Basis" in Tahiti sieht vielmehr so aus: "Meer und Sand, aber keine guten Fußballplätze." Der Ort, an dem Tahiti in der zweiten Gruppenpartie am 20. Juni antreten wird, ist mit "guter Fußballplatz" eher unzureichend beschrieben. Es geht gegen Welt- und Europameister Spanien, im mythischen Estádio Municipal do Maracanã von Rio de Janeiro.

Keiner der Spieler aus der Südsee kann sich vorstellen, was ihn dort, am Endspielort der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr, erwarten wird. Etaeta ließ sich deshalb etwas einfallen: "Wir haben beim Training zu Hause über den Lautsprecher die Atmosphäre eingespielt, damit sich die Jungs an das Geschrei von 100.000 Zuschauern gewöhnen können und nicht überwältigt sind."

Selbst wenn sich Tahitis Nationalspieler nicht von der Atmosphäre einschüchtern lassen, auf dem Platz drohen heftige Niederlagen. Auf die Frage, ob er keine Angst habe, dass seine Spieler 0:10 oder ähnlich gegen die besten Fußballer der Welt untergehen, antwortet Etaeta: "Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass wir es nicht im Hinterkopf haben, aber wir sprechen eigentlich nicht darüber. Wir wollen nicht, dass sie sich schon auf so etwas einstellen."

Es geht dabei auch um das Prinzip Hoffnung: "Spanien wird uns nicht abschießen wollen", glaubt Etaeta: "Das gebietet der Anstand. Hat es der Weltmeister nötig, uns mit 20 Toren zu demontieren und den Amateurfußball zu blamieren? Wäre das respektvoll, wäre das schön? Ich denke nicht."

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insgesamt 25 Beiträge
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1. es
jamesbrand 14.06.2013
lebe der Amateur Sport
2. Spanien wird fair sein
to5824bo 14.06.2013
Zitat von sysopSie kicken zuhause vor 200 Zuschauern, jetzt spielen sie im legendären Maracanã-Stadion gegen Weltmeister Spanien: Tahiti hat sich zum ersten Mal für den Confed-Cup qualifiziert. Angst vor einer Blamage haben sie nicht, dafür aber eine Mission. Tahiti beim Confed-Cup: Die Ritter der Kokosnuss - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/tahiti-beim-confed-cup-die-ritter-der-kokosnuss-a-905114.html)
Ich freue mich darüber und darauf! Und ich denke auch, die Spanier werden das Spiel in jeder Hinsicht fair gestalten. Señor del Bosque ist ein Gentleman. Er wird es den Spielern von Tahiti gönnen, einmal im Leben gegen die Weltstars antreten zu können und keine B-Elf auf den Platz schicken. Und er wird seinen Jungs auch sagen, sie sollen natürlich klar gewinnen aber den Gegner nicht demütigen. Ich frage mich freilich, wie Tahiti die Ozeanienmeisterschaft gewinnen konnte. Australien und auch Neuseeland haben doch in den letzten Jahren sehr ordentlichen Fußball gespielt und müssten den Tahitianern (sagt man das so?) weit überlegen sein. PS: Ein sehr schöner Artikel, vielen Dank!
3. Australien...
Saminho 14.06.2013
...spielt doch mittlerweile beim asiatischen Fußballverband. Neuseeland denke ich mal ist immer noch in Ozeanien vertreten. Wie diese Mannschaft gegen Tahiti oder Neukaledonien versagen konnte, bleibt mir ebenfalls ein Rätsel... Die spielten immerhin eine gute WM 2010 (0-0 gegen Italien? )
4. Mich wundert es
ofelas 14.06.2013
Komisch, die Polinesier sind extrem begabte Sportler. Das kleine Amerikanisch Samoa bringt pro Kopf mehr Spitzenfootballer raus als alle andere US Gebiete. Samoa und Tonga, und derren Verwandte in Neuseeland oder Australien stellen extrem viele der Top Rugbyspieler der Welt. Im Rugby ist Tahiti keine Groesse, obwohl Frankreich ja auch gerne Ruby spielt. Also, physich und motorisch sehr begabte Polinesier koennen in Franzoesich Polinesien in internationalen Mannschaftsportarten nicht viel erreichen.
5. Ergänzung zu Tahiti
to5824bo 14.06.2013
Zitat von to5824bo(…) Ich frage mich freilich, wie Tahiti die Ozeanienmeisterschaft gewinnen konnte. Australien und auch Neuseeland haben doch in den letzten Jahren sehr ordentlichen Fußball gespielt und müssten den Tahitianern (sagt man das so?) weit überlegen sein. (…)
Wenn ich es richtig sehe, spielt Australien mittlerweile nicht mehr in der Ozeanien- sondern in der Asiengruppe. Und gegen Neuseeland hat Tahiti in der WM-Quali mit 0:2 und 0:3 verloren; da kann man an einem guten Tag dann sicher auch mal gegen die gewinnen.
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Zeitplan Confed-Cup Gruppe A
  • DPA
    Samstag, 15. Juni
    21.00 Uhr: Brasilien - Japan 3:0
    Sonntag, 16. Juni
    21.00 Uhr: Mexiko - Italien 1:2
    Mittwoch, 19. Juni
    21.00 Uhr: Brasilien - Mexiko 2:0
    Donnerstag, 20. Juni
    00.00 Uhr: Italien - Japan 4:3
    Samstag, 22. Juni
    21.00 Uhr: Italien - Brasilien 2:4
    21.00 Uhr: Japan - Mexiko 1:2
Zeitplan Confed-Cup Gruppe B
  • AFP
    Montag, 17. Juni
    00.00 Uhr: Spanien - Uruguay 2:0
    21.00 Uhr: Tahiti - Nigeria 1:6
    Donnerstag, 20. Juni
    21.00 Uhr: Spanien - Tahiti 10:0
    Freitag, 21. Juni
    00.00 Uhr: Nigeria - Uruguay 1:2
    Sonntag, 23. Juni
    21.00 Uhr: Nigeria - Spanien 0:3
    21.00 Uhr: Uruguay - Tahiti 8:0

Confed-Cup-Sieger
Jahr Nation (Finalergebnis)
2013 ???
2009 Brasilien (3:2 gegen die USA)
2005 Brasilien (4:1 gegen Argentinien)
2003 Frankreich (1:0 n.G.G. gegen Kamerun)
2001 Frankreich (1:0 gegen Japan)
1999 Mexiko (4:3 gegen Brasilien)
1997 Brasilien (6:0 gegen Australien)
1995 Dänemark (2:0 gegen Argentinien)
1992 Argentinien (3:1 gegen Saudi-Arabien)